Umgehungsstraße

Von Klaus Nissen

So kommt man dereinst um Borsdorf herum

Wer jetzt schon Rentner ist, kann nicht sicher sein, die Freigabe der neuen Ortsumgehung von Borsdorf zu erleben. Sie wird ja erst seit etwa 30 Jahren diskutiert und geplant. Die Kinder im 700 Seelen zählenden Stadtteil von Nidda haben allerdings gute Chancen. Vielleicht beginnt der Bau in den Dreißigerjahren. Das Jahrhundertprojekt ist aktuell ein kleines Stück voran gekommen. Jetzt wird klar, wie die Straße aussehen soll, wo sie verläuft und welchen Nutzen sie bringen würde.

Umgehungsstraße über Wiesen und Äcker

Im Rathaus liegt sie nun vor – die Machbarkeitsstudie für den Bau der Ortsumfahrung. Um das Projekt zu beschleunigen, hat die Stadt die 69 Seiten starke Studie beim Darmstädter Planungsbüro Durth Roos in Auftrag gegeben und bisher rund 300 000 Euro investiert. Das Ergebnis sollte am 8. Dezember 2020 im Stadtparlament vorgestellt werden – doch die Darmstädter Experten blieben wegen der Corona-Gefahr lieber daheim.

Am Ortseingang von Harb aus gesehen soll die Umgehungsstraße links über die Wiese – etwa zwischen den beiden vorderen Strohballen – um Borsdorf herum führen. Foto: Nissen

Die Präsentation wird 2021 nachgeholt, sagt Uwe Bonarius im Namen der Stadtverwaltung. Dann wird das Parlament wahrscheinlich auch eine aktuelle Verkehrszählung in der von täglich gut 7000 Autos heimgesuchten Ortsdurchfahrt beschließen. Und den Bürgermeister beauftragen, beim Land Hessen und beim Bund weiter energisch auf den baldigen Straßenbau hinzuwirken.

Eigentlich rennen die Niddaer damit offene Türen ein. Der neue Verlauf der B455 um Borsdorf herum steht längst im Bundesverkehrswegeplan für die Jahre bis 2030. Das Projekt B455-G30-HE hat darin aber den Status „weiterer Bedarf“. Viele andere Straßenbauten kommen also vorher dran.

Machbarkeitsstudie liegt vor

Auf der Basis der neuen Machbarkeitsstudie kann die Landesbehörde Hessen Mobil trotzdem schon mit der Planung loslegen, hoffen die Niddaer Politiker und auch der Ortsbeirat von Borsdorf. Das ist aber unrealistisch. In der Wetterau soll Hessen Mobil vorab nur die Umfahrung von Butzbach planen, ist bei der Behördensprecherin Daniela Czirjak zu erfahren. Für Borsdorf liege „ein vom Verkehrsministerium erteilter Planungsauftrag nicht vor. Dementsprechend kann Hessen Mobil auch keine ,Vorabplanungsleistung‘ übernehmen.“ Man prüfe aber gerade, „ob alternative Lösungen, zum Beispiel im Rahmen einer Bahnübergangsbeseitigung, verfolgt werden können. Die Abstimmungen dazu dauern noch an.“ Was damit konkret gemeint ist, bleibt offen.

Die Lektüre der neuen Machbarkeitsstudie lohnt trotzdem. Darin empfehlen die Darmstädter Verkehrsexperten, die Umfahrung nicht in weitem Bogen nördlich um Borsdorf herum zu führen. Kürzer, billiger und umweltschonender wäre eine rund 1,2 Kilometer lange Strecke südlich des Ortes. Sie würde die B455 um ein paar hundert Meter verkürzen, weil sie in Borsdorf bislang einen Bogen beschreibt. Deshalb stuft das Berliner Verkehrsministerium die Umfahrung auch schon seit 2013 als wirtschaftlich ein: Auf der kürzeren Strecke würden die Autofahrer pro Jahr etwa 160 000 Kilometer weniger als jetzt zurücklegen, heißt es im Bundesverkehrswegeplan. Die Fahrer würden hier 20 000 Stunden weniger Lebenszeit am Steuer verbringen.

Umgehungsstraße soll auch Treibstoff sparen

Bei den Lastwagen würde die Umfahrung etwa 20 000 Kilometer und gut 10000 Liter Diesel einsparen. Die Auspuffrohre würden pro Jahr 8557 Tonnen weniger klimaschädliches Kohlendioxid in die Luft pusten. Zudem würden die Abgase und der Lärm künftig einen 400 Meter langen Abschnitt der Wetteraustraße innerhalb von Borsdorf verschonen – das dürfte die Lebensqualität der 391 Anwohnern spürbar verbessern.

Es ist höchste Zeit dafür, sagt der an der Ortsdurchfahrt wohnende Ortsvorsteher Hans-Peter Scherer. Wenn die Lastwagen über den Bahnübergang rumpeln, „dann klirren bei uns die Gläser im Schrank. Und wenn sich in der S-Kurve zwei Lastwagen begegnen, dann muss einer auf den Bürgersteig ausweichen.“ Das sei für Fußgänger höchst gefährlich, findet der Ortsvorsteher.

Andererseits wird die neue Umfahrung von Borsdorf etwa 4,8 Hektar, also 48 000 Quadratmeter Ackerland und Wiesen dem Straßenverkehr opfern. Die sieben Meter breite Fahrbahn wird laut Machbarkeitsstudie bis zu 1,4 Hektar unter Asphalt verschwinden lassen.

Künftig rund 9000 Autos pro Tag auf der B455

Die neue Trasse wird nach Schätzung der Verkehrsplaner in einigen Jahren etwa 9000 Autos täglich von der Borsdorfer Ortsmitte fernhalten. Darunter sind rund tausend Lastwagen. Sie könnten von der A45 her deutlich schneller als jetzt Nidda und das zwischen Borsdorf und Harb geplante interkommunale Gewerbegebiet erreichen.

Die Umgehungsstraße soll die von Grund-Schwalheim kommenden Autos schon etwa 350 Meter vor dem Borsdorfer Ortseingang leicht nach rechts führen. Wer direkt in den Stadtteil will, kann eine mit Ampeln gesicherte Ab- und Auffahrt nutzen. Ein Stück der jetzigen Bundesstraßentrasse wird dann vom Asphalt befreit. Die neue Umfahrung lässt Borsdorf links liegen, quert am Bahnhaltepunkt die Schienen, den Park- und Ride-Platz und den Bad Salzhäuser Weg. Dann verläuft sie über ein Wiesenstück zwischen der Ringstraße und der Zeppelinstraße. In Höhe der Schwertransport-Spedition Uhl erreicht die Umfahrung am Ortsausgang die Alois-Thums-Straße in Richtung Harb.

Planer empfehlen Trasse unter der Bahnlinie hindurch

Am schwierigsten und teuersten ist bei diesem neuen Straßenstück die Kreuzung mit der Eisenbahnlinie Gießen-Gelnhausen. Die Machbarkeitsstudie empfiehlt, die Autos unter den Schienen hindurch fahren zu lassen. Dafür müsste ein mehrere hundert Meter langer Trog gegraben werden. Der so tiefergelegte Verkehr würde die Umgebung besser vom Lärm abschirmen als eine ebenfalls mögliche „plangleiche“ Bahnkreuzung oder gar die Verlegung der neuen Straße auf einen Damm und eine 40 Meter lange Brücke gut sieben Meter über den Schienen.

Die Baukosten für die tiefergelegte Umgehungsstraße schätzen die Darmstädter Verkehrsplaner vom Darmstädter Büro Durth Roos Consult auf 10,4 Millionen Euro. Sie wäre die teuersten von allen untersuchten Varianten. Diese Summe müsste als Bauherr der neuen B455 der Bund aufbringen – wenn er denn im nächsten Jahrzehnt oder gar schon vorher die Straße wirklich bauen lässt.

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