Roman über einen großen Betrug
Von Corinna Willführ
Dass Romane, die in der Vergangenheit spielen, nicht von verklärender Romantisierung der jeweiligen Zeit geprägt sein müssen, zeigt „Poyais – Ein Land, das es nie gab“ von Uli Aechtner. Denn auf 430 Seiten verwebt die Autorin „den perfidesten Schwindel des 19. Jahrhunderts“ mit der fiktiven Lebenssituation ihrer Protagonisten.Der Erfinder von Poyais
Ein Paar aus Frankfurt, das nicht zum gleichen Stand gehört. Zwei irische Brüder, die Auswege aus der Not ihrer Heimat suchen. Die spannende Lektüre weckt dank der Quellenangaben von Aechtner die Neugier mehr zu erfahren, von Gregor Mac Gregor, dem Erfinder von Poyais. Dessen Ende durchaus Parallelen zu dem heutigen Umgang mit Betrug im großen Stil hat.
Uli Aechtner arbeitete als Journalistin, bevor sie zu schreiben begann. Sie war Reporterin für einen französischen Fernsehsender, Nachrichtenmoderatorin beim SWF in Mainz und gestaltete Filmbeiträge für ARD und ZDF. Bekannt wurde sie auch durch ihre Krimis wie „Todesrauscher“ und „Leise rieselt der Tod“. Unter ihren Publikationen auch ein Liebesroman „Mein Lover, mein Ex und Andere.“ Ihr nächstes Projekt so Uli Aechtner wird ein Krimi sein. Aechtner lebt sein 1992 in der Wetterau.
Interview mit Uli Aechtner
Landbote: Frau Aechtner, Sie haben für ihren Roman historisch verbürgten Tatsachen mehrere zentrale fiktive Personen des hinzugefügt: Julie, die Frankfurter Kaufmannstochter, und Carl, den Pferdeknecht, einer vom „fahrenden Volk“. Dann die Brüder Liam und Jeffrey, die als Iren aufbrechen, Anfang des 20. Jahrhunderts einen Dienst in den Befreiungskriegen in Mittelamerika zu tun. Welche Beweggründe haben Sie veranlasst, diese so unterschiedlichen Personen als zentrale Figuren für Ihren Roman auszuwählen?
Ulrike Aechtner: Der Roman hat zwei Handlungsstränge, die gegen Ende zusammenfinden. Liam und Jeffrey führen durch die Erzählungen über die südamerikanischen Befreiungskriege, Julie und Carl stehen für die Opfer des Poyais-Betrugs. Beide Erzählstränge hängen insofern zusammen, als der Hochstapler Gregor MacGregor von den Befreiungskriegen geprägt ist. Schon mit sechszehn geht er zum Militär und (er)lebt seitdem nichts anderes als Land zu erobern und Geld für Landeroberungen aufzutreiben. Und irgendwie verselbständigt sich beides in seinen Vorstellungen – jedenfalls sehe ich ihn so. Außerdem wollte ich ein Tableau der damaligen Zeit „malen“: Hungersnöte und Migration, die Eroberung der Neuen Welt. Und immer wieder Kriege, in die junge Männer notgedrungen gerieten, weil sie keine andere Lebens-Perspektive hatten.
Es mag ein Klischee sein, dass historischen Romanen zugeschrieben wird: sie verklärten/romantisierten die Vergangenheit, idealisierten etwa die Bedeutung von Familien- und Liebesbeziehungen oder würden nur Schwarz-Weiß/Gut und Böse widergeben. Wie haben Sie sich davor gefeit, diesem Klischee anheim zu fallen?
Gerade in unseren unruhigen Zeiten möchten sich viele Leserinnen mit einem Roman in eine bessere Welt träumen, und das ist unbenommen ihr gutes Recht. Bei mir hört die Verklärung der Vergangenheit allerdings bei der Beschreibung von Schmetterlings-Tapeten, Keulenärmeln und süßen Abenden auf. Ich bin einfach ein zu sachlicher Mensch.
Der Roman Passt in keine gängige Schublade
Ihr Buch „Ein Land, Poyais, das es nie gab“ wird vom Verlag nicht als „Historischer Roman“ herausgegeben, obgleich er um 1822 spielt. Auch wenn er auf dem „perfidesten Schwindel des 19. Jahrhunderts“ basiert, ist es keine wirkliche True-Crime-Story. Wie sehen Sie selbst Ihr Werk nach der Veröffentlichung?
Die Verlagsmenschen wussten sofort, dass „Poyais – Ein Land, das es nie gab“ in keine gängige Schublade passt. Und ich bin wirklich dankbar, dass der Emons-Verlag sich dennoch getraut hat, das Buch zu veröffentlichen. Bei Internet-Bloggerinnen reichen die Reaktionen nun von Begeisterung bis hin zu ganz konkreten Vorstellungen, wie der Roman hätte sein sollen: Die Männer heldenhafter, Julie nicht so stark, und vor allem: viel weniger Krieg. Aber für mich persönlich steht fest: „Poyais – Ein Land, das es nie gab“ konnte nicht anders geschrieben werden.
Als Ideengeber für die Geschichte um Gregor McGregor nennen Sie Ihren Sohn Folke. Womit ist es ihm – liest er gerne Fantasie, ist er Historiker, Weltenbummler – gelungen, Sie für einen historischen Stoff zu motivieren?
Meinen Sohn hat vor allem der Finanzbetrug interessiert. Die Zeitschrift Capital hat ausgerechnet, dass Gregor MacGregor an die 110 Millionen € mit seinen Hochstapeleien verdient hat – umgerechnet in heutige Währung. Und bis auf einen kurzen Aufenthalt im Pariser Gefängnis kam er mit seinen Machenschaften durch. Noch zehn Jahre, nachdem man den Poyais-Skandal aufgedeckt hatte, gelang es ihm, Land in seinem frei erfundenen Staat zu verkaufen.
Hat Sie die die Arbeit an einem historischen Ereignis für weitere literarische Projekte inspiriert, die sich in der Vergangenheit ereigneten und einen Bezug zur Region haben?
Ich mag es, in der Vergangenheit zu stöbern, zumal meine Umgebung eine lange Geschichte aufzuweisen hat: Frankfurt als Handelsstadt und Ort von Königswahlen und Nationalversammlung und die Wetterau als alte Kulturgegend und Heimat der Kelten. Allerdings sind solche Bücher sehr aufwändig zu recherchieren. Zum Durchatmen gibt es daher im September erst einmal im Frankfurter Schöffling-Verlag einen Katzenkrimi von mir. Schließlich gehört Krimi – bei aller Liebe zur Geschichte – zu meiner DNA.
„Poyais – Ein Land, das es nie gab“, emons-Verlag, 430 Seiten, 20 Euro, ISBN 978-3-7408-2589-8

