Rolf Gnadl

Ein Mensch, den man nicht vergisst

Von Klaus Nissen

Rolf Gnadl ist am 5. März 2026 unerwartet im Alter von 72 Jahren verstorben. Der Sozialdemokrat war lange Bürgermeister von Glauburg und später Landrat des Wetteraukreises. Darüber hinaus bleibt er als warmherziger Mensch in Erinnerung. Hier eine mit Anekdoten angereicherte Würdigung.

Nur wenige schafften es, Gnadl nicht zu mögen

Zunächst die biografischen Fakten: Rolf Gnadl wurde am 17. Mai 1953 in München als Zweitältestes von acht Kindern geboren. Im Alter von acht Jahren kam er mit seiner Familie nach Rodheim vor der Höhe in die Wetterau, die fortan zu seiner Heimat wurde. Nach der Mittleren Reife an der Adolf-Reichwein-Schule in Friedberg absolvierte er eine Ausbildung bei der Friedberger Kreisverwaltung.

Rolf Gnadl als Wetterauer Landrat im Jahr 2006. Foto: Kreisverwaltung

„Ich habe Glück gehabt“ schrieb Gnadl kürzlich in einem Beitrag über die Siebzigerjahre für ein Buch des Büdinger Geschichtsvereins. “ Ein
verständiges, liberales Elternhaus, eingebunden in der kinderreichen Familie, wohlwollende Lehrer und den richtigen Tipp des Vaters hinsichtlich der Berufswahl in der Kommunalverwaltung. „Das ist was Beständiges“, meinten die Eltern, „da bist Du sicher“.

Beständig war es aber nicht, so Gnadl weiter. Denn der Kreis Friedberg, in dessen Dienste er 1970 getreten war, wurde zwei Jahre später mit dem Kreis Büdingen zum Wetteraukreis verschmolzen. Der Friedberger Landrat Erich Milius wurde auch dessen erster Landrat. Und setzte durch, dass die Autos des neuen Großkreises bis heute ein FB statt eines WK auf dem Nummernschild haben.

Aktentransport im überladenen Ford Taunus

Gnadl musste als sich junger Inspektorenanwärter der Kommunalaufsicht mühsam den Respekt der eingesessenen Kommunalpolitiker verschaffen. Sie fühlten sich von den Friedbergern bevormundet, so Gnadl. Unter ihrem Bürgermeister Willi Zinnkann versuchte die Stadt Büdingen sogar, in den Main-Kinzig-Kreis zu wechseln. Gnadl: „Mit allergrößter Anstrengung konnte die ebenso geplante Auskreisung der wirtschaftsstärksten Stadt Bad Vilbel und ihre Eingemeindung nach Frankfurt verhindert werden.““

Ende Juli 1999 machte sich eine 20-köpfige Radlergruppe auf zur einwöchigen Tour in den Wetterauer Partnerkreis Bruntal in Tschechien. Landrat Gnadl fuhr am ersten Tag bis zum Main mit, strampelte später mit der Gruppe von der tschechischen Grenze bis in die Nordostecke des Landes. Foto: Nissen

Diese konfliktreiche Zeit sei für ihn sehr spannend und lehrreich gewesen, so Gnadl. Und nicht ungefährlich. Mehrfach musste er Akten aus Büdingen nach Friedberg transportieren – und zwar mit dem eigenen ersten Auto („ein schneeweißer Ford Taunus 17m, im Volksmund Badewanne genannt, das ich 1972 für 600 DM mit 3-Gang-
Lenkradschaltung, auch vorne durchgehender Sitzbank einschließlich
produktspezifischem Sofa-Komfort und reichlichem Abnutzungsgrad bei einer Laufleistung von 175 ooo km erworben hatte“). Am Bahnübergang bei Melbach sei das Auto dabei in die Brüche gegangen.

Mit 25 Jahren jüngster Bürgermeister Hessens

Berufsbegleitend studierte Gnadl an der Verwaltungsakademie Mainz. Und wurde im Jahr 1973 Sozialdemokrat. 1979 wurde er zum Bürgermeister der Gemeinde Glauburg gewählt und war damit der jüngste Bürgermeister Hessens. Dreizehn Jahre lang gestaltete er die Entwicklung der Gemeinde. Seit 1983 gehörte er dem Kreistag des Wetteraukreises an, von 1985 – 1988 war er Fraktionsvorsitzender der SPD-Kreistagsfraktion. 1992 wurde Gnadl schließlich zum Landrat gewählt – ein Amt, das er bis 2008 innehatte.

Ein schöner Anblick: Der Landrat bringt Pausen-Bier bei einem Zwischenstopp am Berghotel Orlicke-Hory im Adlergebirge an der polnischen Grenze. Foto: Nissen

In seiner Amtszeit setzte Rolf Gnadl wichtige Akzente für die Entwicklung des Wetteraukreises, so die heute vom Christdemokrasten Jan Weckler geführte Kreisverwaltung. Besonders am Herzen lagen ihm die Strukturpolitik, Chancengerechtigkeit und Einsatz für die Demokratie. Mit großem Engagement setzte er sich für eine vielfältige und leistungsfähige Schullandschaft ein, die jungen Menschen unabhängig von ihrer Herkunft und ihrem Wohnort möglichst viele Bildungswege eröffnet. So förderte er unter anderem mit Überzeugung die Initiative zur Einrichtung einer gymnasialen Oberstufe an der Gesamtschule Konradsdorf.

Eisenbahn-Fan fördert ÖPNV

Ebenso engagierte sich Rolf Gnadl für den Ausbau des öffentlichen Personennahverkehrs, besonders in den ländlichen Regionen der Wetterau. Die Integration des freigestellten Schülerverkehrs, die Gründung der Wetterauer Verkehrsgesellschaft, später der Verkehrsgesellschaft Oberhessen und die stabile Finanzierung durch einen Steuerquerverbund mit dem ovvg-Konzern waren die Wege dorthin. Die Stärkung der Niddertal-Bahn ist wesentlich auf Initiativen von Rolf Gnadl zurückzuführen. Im Radverkehr sorgte er für eine kreisweit einheitliche Beschilderung auch auf bestehenden Wirtschaftswegen und brachte durch die Erarbeitung eines Radwegekonzeptes den Wetteraukreises in eine Vorreiterrolle auf diesem Gebiet. Als Privatmann interessierte sich Gnadl stark für Eisenbahnen.

Das tschechische Fernsehen kommt, als die Wetterauer Delegation Anfang August 1999 in der rund 15000 Menschen zählenden Kreisstadt Bruntal ankommt. Rolf Gnadl ist bei seiner Rede sichtbar angespannt und berührt. Er sagt: „Die Reise war kein leichter Sonntagsausflug für uns, sondern eine anstrengende – wenn auch schöne Reise… Unsere körperliche Anstrengung soll symbolisch verdeutlichen, dass eine wahre Freundschaft der Anstrengung und persönlichen Hingabe bedarf… Es ist uns bewusst, dass einst Deutsche in Ihr Land eingefallen sind, um das Land zu erobern und die Menschen brutal zu unterwerfen. Wir sind heute gekommen, um Ihre Sympathie zu gewinnen und um die Herzen Ihrer Bürger zu erobern.“ Allerdings bleibt nichts wie es ist. Die Partnerschaft zwischen Wetterau und Kreis Bruntal endete, als die tschechische Gebietskörperschaft 2002 aufgelöst und in den neuen Großkreis im Winkel zwischen Polen und der Slowakei integriert wurde. Foto: Nissen

Einen aktiven Beitrag für Frieden und Völkerverständigung zu leisten und das gerade wiedervereinigte Deutschland in einem gemeinsamen Haus Europa zu integrieren, war sein erklärtes Ziel. Der Weg dahin führte für ihn unter anderem über aktive Kreispartnerschaften mit dem Landkreis Bad Langensalza, später Unstrut-Hainich-Kreis, in Thüringen, mit dem Kreis Bruntal in der Tschechischen Republik, dem nordenglischen High-Peak-District sowie Kontakte und Hilfslieferungen in den litauischen Kreis Ukmerke.

Mehr Frauen in Führungspositionen

Ein weiteres wichtiges Anliegen war Rolf Gnadl die Gleichberechtigung von Frauen. Das Frauenamt des Wetteraukreises stärkte er nachhaltig und setzte sich konsequent für bessere Chancen von Frauen in Verwaltung und Gesellschaft ein. „Erst wenn wir im Wetteraukreis einen Anteil der weiblichen Führungskräfte von 50 Prozent haben, kann von einem zufriedenstellenden Zustand gesprochen werden“, formulierte er einmal seinen Anspruch, der inzwischen Realität ist.

Die Kreisverwaltung wurde unter Landrat Rolf Gnadl grundlegend modernisiert; Organisations- und Personalentwicklung waren für ihn zentrale Schlüsseldisziplinen einer Kreisverwaltung als leistungsfähiges und kundenorientiertes Dienstleistungsunternehmen.

Über die Kreisgrenzen hinaus wirkte Rolf Gnadl auch als wichtiger Akteur in der Region, unter anderem als stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender des Rhein-Main-Verkehrsverbundes, Aufsichtsratsvorsitzender der Regionalpark Rhein-Main-gGmbH, Präsidiumsmitglied des Hessischen Landkreistags sowie durch namhafte Beiträge in der Diskussion um die Bündelung der Verwaltungsebenen in der Rhein-Main-Region.

Gnadl forcierte den Bau des Glauburger Keltenmuseums

Rolf Gnadl war auch ein kunstsinniger Mensch. Kunst und Kultur erfahrbar zu machen für die Menschen, die die Kreisverwaltung besuchen, sie mit Kunstwerken zu konfrontieren, war ihm wichtig. Die Reihe ‚Galerie im Kreishaus‘, aber auch eine Vielzahl von Ausstellungen und die Ausstattung des gesamten Hauses mit Kunstwerken legen davon Zeugnis ab.

Mit Herzblut, Weitblick und Erfolg setzte sich Rolf Gnadl zudem gemeinsam mit den örtlichen Initiatoren dafür ein, dass die Statue und das Grab des Keltenfürsten – von der Fachwelt als Sensationsfund gefeiert – seit 2011 in einem eigens hierfür neu errichteten Landesmuseum an ihrem Fundort am Glauberg ausgestellt werden.

Im Jahr 2008 wechselte Rolf Gnadl zu den Oberhessischen Versorgungsbetrieben (OVAG), wo er bis zum Jahr 2017 als Vorstand für die Region Oberhessen Verantwortung trug. Diese Zeit sei für ihn spannend, aber auch sehr herausfordern gewesen, sagte mir Gnadl einmal nach seiner Pensionierung.

Jan Weckler würdigt seinen Amtsvorgänger

„Rolf Gnadl war ein leidenschaftlicher Kommunalpolitiker, der seine Überzeugungen mit Nachdruck vertrat und sich nicht scheute, Position zu beziehen. Zugleich verstand er es, über Parteigrenzen hinweg Mehrheiten zu gewinnen sowie die Menschen und unterschiedliche Positionen für wichtige Ziele zusammenzuführen. Rolf Gnadl hat den Wetteraukreis über eineinhalb Jahrzehnte hinweg geprägt. Sein Wirken hat den Kreis nachhaltig verändert und Spuren hinterlassen, die bis heute wirken und sichtbar sind“, würdigt Landrat Jan Weckler seinen Vorgänger. „Unsere Gedanken sind in diesen schweren Stunden bei Rolf Gnadls Familie. Der Wetteraukreis wird ihm ein ehrendes Andenken bewahren.“

In der Kreisverwaltung am Europaplatz in Friedberg wird ab Mittwoch, 11. März, im Foyer (Haus B), ein Kondolenzbuch ausliegen. Hier können sich Bürgerinnen und Bürger sowie die Mitarbeitenden der Kreisverwaltung eintragen und Abschied nehmen.

Familienmensch und Energiegenosse

Nachdem er in den Ruhestand getreten war, betätigte sich Rolf Gnadl daheim in Glauburg als aktiver Großvater. Häufig sah man ihn bei öffentlichen Anblässen mit einem Enkelkind auf dem Arm. Gnadl ermöglichte es so auch seiher Tochter Lisa, in Wiesbaden politisch wirksam zu werden. Sie leitet heute die SPD-Landtagsfraktion und ist somit eine Stütze der aktuellen schwarz-roten Koalition in Hessen.

Ich sah Rolf Gnadl zuletzt Anfang 2026 bei der Mitgliederversammlung der Mittelhessischen Energiegenossenschaft in Butzbach. Gnadl war als Privatmann förderndes Mitglied dieser Vereinigung, die zahlreiche Photovoltaikanlagen in Ober- und Mittelhessen betreibt. Die Energiewende lag ihm am Herzen.

Seine politische Heimat war die SPD. Gnadl war auch als Rentner bei Parteitagen zu sehen und kandidierte zur Kreistagswahl am 15. März 2026 auf dem hintersten Listenplatz 81. An der Spitze der Partei war er wohl schon länger abgemeldet. Zu seinem sehr viel stärker als Alpha-Charakter erkennbaren Amtsnachfolger als Landrat und Ovag-Vorstand, Joachim Arnold, hatte Gnadl kein herzliches Verhältnis.

Der politische Einfluss schwand im Alter

Und zumindest eine manche Entscheidung der schwarz-roten Kreiskoalition veranlasste Gnadl, einen empörten Leserbrief zu schreiben. 2022 wurde bekannt, dass die Kreisverwaltung Geflohene in einem Container-Bau neben der Dorheimer Abfall-Sortierstation unterbringen wollte. Gnadl schrieb damals: „Menschen, die Kriegen wie in Syrien, Ukraine oder Afrika entflohen sind, die die Strapazen durch die Sahara, über das Mittelmeer oder den Balkan bewältigt, Erniedrigung und Ausbeutung ausgehalten haben, setzt man nicht in Container neben einer Abfallanlage! Das gehört sich nicht!“ Später wurde die Unterbringung von Flüchtlingen dort aufgegeben.

Auf Facebook und Instagram zeigt sich, dass der Tod Gnadls viele Menschen erschüttert hat. Der Büdinger SPD-Politiker Manfred Scheid-Varisco schreibt zum Beispiel: Sein Engagement galt nicht dem eigenen Vorteil, sondern stets der Gemeinschaft. Als überzeugter Sozialdemokrat hat er die Werte der SPD nicht nur vertreten, sondern wirklich gelebt: Solidarität, Gerechtigkeit und Zusammenhalt waren für ihn keine Worte, sondern eine Haltung, die sein Handeln prägte.“ Auch Menschen, die der SPD eher distanziert gegenüberstehen, äußerten ihre Bestürzung über den Tod von Rolf Gnadl.

Ein Gedanke zu „Rolf Gnadl“

  1. Rolf Gnadl war ein guter Freund und Wegbegleiter. In unserer gemeinsamen Zeit, der rot/grünen Koalition, war er stets fair und an konstruktiven Auseinandersetzungen interessiert. Ich habe ihn auch nach der gemeinsamen Politikzeit als aufrechten Sozialdemokraten geschätzt. Er hat viel erreicht für die Wetterau und bleibt über viele Projekte in bester Erinnerung. Ich werde ihn vermissen. Gila Gertz

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