Omas gegen Rechts

Wenn Großmütter laut werden

Von Klaus Nissen

In Deutschland kennt man sie als „Omas gegen Rechts“ – auch international melden sich Gruppen älterer Frauen bei Kundgebungen lautstark zu Wort. Was treibt sie an? Wie wirken sie? Welches Verhältnis haben sie zu jüngeren Aktivisten? All das ist kaum erforscht. Die Kommunikationswissenschaftlerin Nicola Schäfer hat dem Phänomen ihre Masterarbeit gewidmet. Am 27. Februar 2026 sprach sie im voll besetzten Alten Hallenbad in Friedberg darüber.

Etwa 30 000 Omas gegen Rechts

Bei Demos gegen die AfD und Querdenker in Bad Nauheim begegneten die Omas gegen Rechts der jungen Wissenschaftlerin zum ersten Mal. Sie war damals noch Schülerin, später Studentin. Die Damen traten in Gruppen auf. Und trugen einen Gegenstand bei sich, der schon lange aus dem Alltagsleben verschwunden ist. Nicola Schäfer präsentierte ihn von der Bühne aus dem Publikum: einen Teppichklopfer aus geflochtenen Binsen.

Nicola Schäfer präsentiert ein Erkennungszeichen der Omas gegen Rechts: den Teppichklopfer. Man erkennt die Damen auch mal an Perücken und Kapotthütchen. Foto: Nissen

Mit diesem Ding kann man anderen Menschen Schmerzen verursachen. Die Omas schlagen damit nicht zu. Aber sie werden damit zur Marke. Jeder kennt sie.

Dieser Anblick und das Beispiel ihrer eigenen Großmütter bewegte Nicola Schäfer dazu, ihre Master-Arbeit über „Die „Erfahrungen aus Großmütter-Protesten“ zu schreiben. Sie führte Interviews, sichtete die eher spärliche Literatur über das Phänomen und leitete Schlussfolgerungen ab. Die referierte sie auf dem von der Friedberger Oma-Gruppe organisierten Abend.

Allein in der Wetterau gibt es drei davon, so Uschi Knihs von den Friedberg/ Bad Nauheimer Omas gegen Rechts. Die beiden anderen Gruppen sitzen in Butzbach und Karben/Bad Vilbel. Bundesweit gehen rund 30 000 ältere Frauen zu Kundgebungen in Sachen Politik und Klimaschutz, so Knihs nach einem lautstarken Intro der Gruppen-eigenen Trommeltruppe im Alten Hallenbad. „Wir sind gut vernetzt und so aktiv, wie es das Alter eben zulässt. Überwiegend werden wir gern gesehen – aber teilweise sind wir auch Anfeindungen ausgesetzt.“

Die Ursprünge

Was verbindet man mit dem Begriff „Oma“? Das Publikum rief der Referentin Stichworte zu: Kartoffelpuffer, lieb, Enkel hüten, mutig. In den Achtzigerjahren stellten sich wütende ältere Frauen dem umweltschädlichen Ölschiefer-Abbau entgegen. Sie nannten sich „Raging Grannies“. In Polen protestierten später die „Polskie Babcie“ gegen das rückwärtsgewandte Weltbild der PIS-Partei. Und in Australien blockierten ältere Frauen die Zufahrten zu Fracking-Anlagen. Weil sie dort viel Zeit verbrachten, begannen sie zu stricken. Also nannten sie sich „Knitting Nanas“.

In Österreich gründete Monika Selzer 2017 die erste Gruppe der Omas gegen Rechts, berichtete Nicola Schäfer. Inzwischen existieren mehr als 200 Gruppen in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Luxemburg.

Wer protestiert da?

Die Omas gegen Rechts haben meist einen akademischen Hintergrund, sagte Nicola Schäfer. Sie sind weiß und genießen bürgerliche Einkommen und Privilegien. Sie wollen, dass auch andere diese Vorteile haben. Und sie wollen mit ihren Meinungen wahrgenommen werden.

Im Februar 2024 demonstrierten Tausende in Bad Nauheim gegen das Erstarken der AfD. An dieser Kundgebung nahmen auch viele ältere Frauen teil, die sich nicht als Aktivistinnen begreifen. Foto: Nissen

Die meisten Omas gegen Rechts waren schon in den 1970er Jahren als Feministinnen auf der Straße unterwegs, vermutet eine viel jüngere Polit-Aktivistin, die gemeinsam mit den Omas im Hambacher Wald gegen die Braunkohlebagger protestierte. Das Weltbild der Omas sei etwas enger als das der jungen Generation, meinte die junge Frau. Sie kennen in der Regel keine Menschen anderer Hautfarbe. „Und sie haben nicht auf dem Schirm, dass man schwarz, Migrantin und Transfrau zugleich sein kann.“

Regina Steffan hielt damals eine Rede im Namen der Omas gegen Rechts. Foto:: Nissen

Andererseits haben die Omas laut Schäfer viele Erfahrungen gemacht und erlebten eine lange Zeitspanne, die bis zu fünf Generationen umfasst. Deshalb sind sie bei jungen Aktivisten und Aktivistinnen auch beliebt. „Wir lernen von ihnen Standhaftigkeit und und Selbstsicherheit“, sagte ein junger Aktivist im Alten Hallenbad. Und wenn Omas gegen Rechts dabei sind, sinke die Gefahr gewalttätiger Auseinandersetzungen zwischen den Protestierenden und Gegendemonstranten oder der Polizei. „Alle Menschen haben Großmütter. Wenn die älteste Frau der Familie Widerspruch übt, dann hat es Wirkung.“

Bis heute wird laut Schäfer in den Familien und im Alltag kaum über Politik, über ungerechte Verhältnisse diskutiert. Das sei aber nötig, hätten ihr die älteren Frauen in den Interviews vermittelt. Ein Zitat daraus: „Wir riskieren unheimlich viel, wenn wir weiter schweigen.“ Im Osten der Wetterau wechsele die politische Farbe immer schneller vom Schwarzen, Roten und Grünen ins Blaue und Braune. „Ich wünsche mir, das wir immer den Mund aufmachen, wenn es um Menschenfeindlichkeit geht!“ Nach diesem Satz brandete Beifall im Alten Hallenbad auf.

Freiheit der Aktion

Die Omas gegen Rechts sind in der stark regulierten Bundesrepublik ungewöhnlich frei. Sie haben keine Rechtspersönlichkeit. Keine ist als Partei, nur wenige sind als Verein organisiert. Es gibt auch keinen Dachverband und keine bekannte Repräsentantin für die 30 000 Omas gegen Rechts.

Jede Gruppe ist autonom und frei in der Wahl ihrer Themen und ihres Protests. Sie vereint jedoch, dass sie den Einsatz von Trommelgruppen, schrillen Outfits und Lautstärke dem Verlesen längerer Denkschriften auf Demonstrationen vorziehen. Sie verstehen sich auf das Plätzchenbacken für Demokratie. „Es gibt auch Fuck-AfD-Stempel für Kekse“,ließ Nicola Schäfer wissen.

Die Kommunikationswissenschaftlerin Nicola Schäfer wuchs in Bad Nauheim auf. Nach Ausbildung und Studium in Frankfurt, Köln und Jonköping (Schweden) lebt sie nun in Berlin und berät Organisationen in Sachen Nachhaltigkeit und Kommunikation. Foto: Nissen
Und wie stehen sie zur Gewalt?

Mit den rempelnden Suffragetten aus alten Monty-Python-Filmen haben die Omas gegen Rechts nichts gemein. Sie tragen zwar Teppichklopfer, benutzen sie aber nicht. Und beim Erwägen von Sachbeschädigung wird zumindest gezögert. In der laufenden Kommunalwahlkampagne hängen die AfD-Plakate nicht mehr so hoch wie früher. Darauf werde massenhaft Remigration gefordert, schimpfte eine ältere Dame. Also die massenhafte Ausweisung unbescholtener Menschen, die keine „Bio-Deutschen sind. „Was riskieren wir“, fragte eine Frau, „wenn wir diese Plakate abreißen?“ Sie bekam keine Antwort. Man sprach lieber über anderes.

Was ist mit den Opas gegen Rechts?

Die gibt es, aber nicht als eigene Formation. Ein paar Männer laufen bei den Omas mit. „Die Männer sind eine Art Ergänzung“, sagte Martin, der Gatte einer Protest-Großmutter aus Bad Nauheim. „Dier männliche Dominanz schlägt hier nicht durch. Das ist eine klare Absage an das Patriarchat.“ Die Forscherin Nicola Schäfer ergänzte trocken: „Die Opas müssen sich unterordnen.“

Ein Kommentar zu „Omas gegen Rechts“

  1. Es wär gut, wenn wir Omas im Internet noch präsenter sein könnten. daran wär ich interessiert, TicToc, was die Jungen noch beeinflusst, wenn die Enkel beim Internet sind, sich mit zu beteiligen, ich bin zu alt, um zu demonstrieren, aber soziale Medien würde noch gehen, Oma gegen rechts Wetzlar

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