Störche

Wieder ein Rekordjahr

Von Klaus Nissen

Die Brutzeit ist vorbei – nur noch selten steht ein Adebar auf seinem weithin sichtbaren Nest. Die Jungstörche sind schon Ende August in den Süden aufgebrochen, berichtet der Lindheimer Storchenvater Wilhelm Fritzges. Die meisten Elterntiere werden in den nächsten Tagen ebenfalls abfliegen. Insgesamt haben sich die großen Vögel in der Wetterau und ganz Hessen dieses Jahr prächtig vermehrt.

Mehr Störche brüteten als jemals zuvor

Nicht weniger als 168 Paare zählte Udo Seum von der Hessischen Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz (HGON) im Sommer 2021. „Das ist das höchste Ergebnis, das wir je hatten“. Dabei gab es schon 2020 einen Rekord. Damals nisteten 138 Paare in den Wetterauer Flussauen – einige von ihnen sogar mitten in den Dörfern. 2020 registrierte Seum 284 Jungstörche, in diesem Jahr könnten es sogar mehr als 400 sein. Die Vogelschützer haben es angesichts dieser Menge aufgegeben, jeden Jungstorch einzufangen und zu beringen. Etwa 30 Paare nisteten sogar in Bäumen, wie es die Störche ursprünglich taten.

Die Lindheimer Störchen Wilma und ihr Gefährte Wilfried können sich auf ihrem Nest ausruhen. Die drei Jungvögel sind schon in den Süden aufgebrochen. Foto: www.vogelschutz-lindheim.de

Viele Störche siedelten in den Auen von Nidda, Nidder, Horloff und Wetter, weil sie da reichlich Nahrung fanden. „Die Auen sind in einem besseren Zustand als vor 1953“, stellt Udo Seum fest. Die immer industrieller arbeitende Landwirtschaft hatte danach viele Feuchtgebiete trockengelegt – das vergrämte die Störche. Ende der Neunzigerjahre gab es kein einziges Brutpaar mehr im Kreis. Dann gab es eine Kehrtwende: Landwirte und Naturschützer begannen, die Feuchtgebiete zu pflegen. Tief liegende Äcker wurden aufgegeben und durch Gräben und Aufstauungen wieder vernässt.

Allein bei Lindheim gab es 13 Brutpaare

In Lindheim baute sich damals als Pionier der Storch Wilhelm ein Nest auf dem Schornstein des Hofguts Westernacher. Allein er hat mit seinen Partnerinnen mehrere Dutzend Nachkommen aufgezogen. Wilhelm ist seit dem vorigen Oktober vermisst. Doch prompt wählte seine Partnerin Wilma einen Nachfolger aus. Er wurde von der Fan-Gemeinde der Webseite www.vogelschutz-lindheim.de auf den Namen Wilfried getauft. Das Paar zog in diesem Sommer aus ursprünglich vier Eiern drei Jungstörche auf. In den Wiesen bei Lindheim gab es heuer 13 Brutpaare, berichtet Wilhelm Fritzges – eins mehr als im Vorjahr. Ein Storchenpaar zog seinen Nachwuchs sogar auf dem Aussichtsturm an der A45 groß.

Genau das befürchten Netzbetreiber: Störche nisten, wie hier in Lindheim, gerne auf Strommasten. Wenn man die Nester abräumt, bauen die Vögel sie binnen weniger Tage wieder an der selben Stelle auf. Foto: Nissen

Hessenweit gab es etwa 950 Brutpaare. Das waren 120 mehr als im Vorjahr, meldete der Storchenexperte Bernd Petri vom Naturschutzbund (Nabu) Hessen. Kaum ein Bundesland habe mehr Störche. Petri führt es auch darauf zurück, dass gut 500 hessische Störche im Winter nicht nach Afrika fliegen, sondern vor Ort, in Spanien und teils auch in Südhessen bleiben, wo sie sich von Lebensmittel-Resten auf Mülldeponien ernähren. Im Kreis Groß-Gerau überwintern nach Angaben von Udo Seum auch 30 bis 40 Wetterauer Störche. Sie kommen im nächsten Frühjahr zeitig zurück und haben dann eine bessere Auswahl bei der Suche nach Nistplätzen.

Keine neuen künstlichen Nester

Wegen der schieren Menge an Brutpaaren müssen die Menschen ihnen hier auch keine zusätzlichen Nestunterlagen mehr auf Holzpfählen, Hausdächern oder ausgedienten Strommasten bauen. Das habe man schon vor zwei Jahren in einer Vereinbarung mit dem Stromversorger OVAG festgelegt, berichtet Udo Seum. Störche siedeln gerne auf Strommasten – und das könnte bei Flügel-Spannweiten von mehr als zwei Metern auch mal zu einem Kurzschluss führen. Ein Netzbetreiber habe in der Nestbau-Phase 20 bis 30 Storchennester abgeräumt, berichtet Seum. „Aber die Vögel bauen die Nester innerhalb von drei Tagen neu auf.“

Wilhelm Fritzges aus Lindheim pflegt seit einem Vierteljahrhundert die Storchenpopulation in den Nidder-Wiesen bei Altenstadt. Foto: Nissen

Im Sommer 2020 gab es vereinzelt Stimmen, die vor einer Plage durch die vielen Störche warnten. Immerhin vertilgen die Vögel der Gattung Ciconia bei einem Körpergewicht von etwa vier Kilo täglich ein gutes Pfund an Mäusen, Regenwürmern, Insekten, Aas, Fröschen und anderem Kleingetier. Die Störche sind aber nicht gezielt auf der Suche nach Junghasen oder den Nestern von Kiebitzen und anderen seltenen Vögeln, meint Udo Seum. Sie fräßen nur das, was sie zufällig in der Umgebung finden.

In der Wetterau siedeln Udo Seum zufolge auch einige der sehr viel selteneren Schwarzstörche. Wo genau, möchte er nicht verraten. „Denn sie reagieren wesentlich empfindlicher auf Störungen durch die Menschen.“

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