Konzept in Bad Vilbel umstritten
Von Klaus Nissen
Ab 2045 soll Bad Vilbel klimaneutral sein. Wie geht das? Es wird schwierig – immerhin beschloss das schwarz-rot dominierte Stadtparlament im Februar ein gut 200 Seiten starkes Konzept. Was nun passiert, berichteten Klimaschutzmanager Andreas Frank und der Stabsstellenleiter Christian Kühl am 2. März 2026. Sie ernteten viele kritische Fragen aus dem rund 40-köpfigen Publikum im Haus der Begegnung. Am Ende wirkten alle frustriert.Klimaschutz und -frust
Ein Jahr lang hat der eigens dafür angestellte Andreas Frank die Studie mithilfe des Büros Cooperative erarbeitet. Sie ist auf bad-vilbel.de unter dem Reiter „Umwelt, Klima & Energie“ einsehbar. Das „Integrierte Klimaschutzkonzept“ (IKSK) benennt, wo klimaschädliche Gase entstehen und wie viel Energie verschwendet wird. Der Bund gab 150 000 Euro, damit die Stadt es aufstellen konnte.

38 erste Gegenmaßnahmen werden vorgeschlagen. Ab sofort kann man sich im Rathaus eine Thermografiekamera ausleihen. Die zeig, wo zu viel Wärme aus der Wohnung weicht. Ab Mai finanziert die Stadt zudem 50 „aufsuchende Energieberatungen“ für Hauseigentümer, die sich rechtzeitig melden. Dabei gibt es auch Hinweise, welche Heizung vor Ort optimal wäre.
Solarpaneele über den Klärbecken
In Kitas und Grundschulen ist schon das „Energiefahrrad“ im Einsatz, hieß es bei der Veranstaltung des Netzwerkes „Bad Vilbel Plastikfrei“. Die Kinder lassen strampelnd Lampen leuchten. Andreas Frank: „Die Kinder erzählen dann ihren Eltern: Ich habe heute Strom erzeugt.“ Das rege sie an, jetzt oder später Solarmodule in Betrieb zu nehmen. Und Energie zu sparen.

Einen noch viel stärkeren „Wumms“ hat laut Frank die Aufrüstung der Klärwerk-Gebäude und Klärbecken mit teils faltbaren Solarmodulen. Das sehe man sich noch im März auf einer Anlage in Greven an.
Untersucht werde aktuell auch, ob künftig stillgelegte Erdgasleitungen in Bad Vilbel für die Versorgung mit „kalter Nahwärme“ genutzt werden können. Dabei arbeitet der Energielieferant mit niedrigen Vorlauftemperaturen – auch die Kühlung städtischer Räume wäre damit möglich.
Große Hoffnungen setzen Frank und Kühl auch auf die energetische Ertüchtigung von Gewerbegebieten. Es bringe viel, wenn Unternehmen beispielsweise Wärme und Strom auf ihren Hallendächern erzeugten. Leider habe die Landesenergieagentur dieses Förderprogramm gerade eingestampft, bedauerte der Vilbeler Klimaschutzmanager. Man suche jetzt andere Wege, das Gewerbe klimaneutraler zu machen.
Schon während des Vortrags ergriffen Zuhörer das Wort. Wer garantiert das Controlling aller Klimaschutz-Maßnahmen? fragte jemand. Die Stelle von Andreas Frank laufe zum 30. Juni aus, ließ sich Christian Kühl entlocken. „Wir werden dem Parlament – wie auch immer es ab dem 15. März zusammengesetzt ist – Vorschläge machen“.
Publikum stellt bohrende Fragen
„Frankfurt will schon 2035 klimaneutral sein“, sagte eine Frau. „Warum kann Bad Vilbel das nicht auch?“ Eine andere Frau setzte nach: Laut Konzept fahre die S-Bahn im 15-Minuten-Takt. „Aber in Wirklichkeit ist das während der Woche ein Roulettespiel, und an Wochenenden stimmt es nicht. Der Vilbus fährt sonntags auch nicht. Wie gehen Sie mit solchen Fehlern um?“ insistierte die Dame. „Das ist erstmal der Plan“, entgegnete der SPD-Stadtverordnete Bernd Hielscher. „Bis 2045 könnte es ja wieder stimmen.“ Ein empörtes Raunen ging durch den Saal.
Bad Vilbel müsse zur entsiegelten Schwammstadt werden, war eine der vielen folgenden Forderungen. Der Autoverkehr sei zugunsten des Fahrrads einzudämmen. Er wolle eine Wärmepumpe anschaffen, sagte ein Vilbeler. Aber die Stadtwerke hätten nicht mal geanwortet, als er sich nach einem passenden Stromliefervertrag erkundigte. Ein anderer Zuhörer dazu: „Es ist Aufgabe der Stadtwerke, hier einen Vorreiter zu spielen!“ Beifall brandete auf. Er sei für die Stadtwerke nicht zuständig, entgegnete der Stabsstellen-Leiter und SPD-Vorstand Christian Kühl.
„Ich gehe mit einem schwammigen Gefühl nach Hause“, beichtete eine Zuhörerin nach gut 90 Minuten. „Es ist alles so halbherzig und unkonkret“. Andreas Frank machte die Kritik am Klima-Konzept sichtlich zu schaffen. „Das ist für mich total enttäuschend“, sagte er schließlich. Wir haben ein Jahr lang daran gearbeitet!“
