Abenteuer Schreibtisch

Der Kauf wird zum DramaSchreibtisch1

Von Juliane Kuglin

Einen Schreibtisch zu kaufen kann zum Abenteuer werden, wie Landbote-Mitarbeiterin Juliane Kuglin erleben musste. Ein Drama in sieben Akten.

Prolog

Wir wollen einen neuen Schreibtisch kaufen, einen, der neben PC-Bildschirm und Tastatur genügend Platz bietet, auch mehrere Aktenordner und Papiere abzulegen. Keinen aus Pressspan, sondern aus Vollholz. Mit der Suche nach dem Prachtstück beginnen wir am letzten Märztag vor der Haustür, in Bad Vilbel-Dortelweil, weil wir kurze Wege schätzen und dabei auf schnellen Service hoffen. In Dortelweil gibt es den großen Möbelladen P. Und wirklich: Wir werden fündig. Schreibtisch, Beistellcontainer und Rollcontainer, massive Kernbuche. Der nette Verkäufer will uns Prozente einräumen, wenn wir uns in den kommenden Tagen entscheiden.

Akt 1

Tags drauf, am 1. April – kein Scherz! – bestellen wir unseren neuen Schreibtisch. Die Lieferung soll in der 24. Kalenderwoche (circa) erfolgen. Von den rund 1.800 Euro Kosten gehen 200 Euro als „Aktion“ ab. Weil wir nun schon im Laden sind, kaufen wir noch eine neue Deckenlampe für unser Büro und dazu eine Lampe für den Schreibtisch.

Mit Datum 27. April erhalten wir ein Schreiben vom Service Center des Möbelhauses: Die Lieferung könne leider erst ca. in der 26. Kalenderwoche erfolgen. Wir haben also genug Zeit, den alten Schreibtisch zu entsorgen und das Büro komplett zu renovieren.

Akt 2

Mit Datum 20. Mai wird uns per Postkarte mitgeteilt, dass unsere neuen Möbel bereits am 3. Juni angeliefert werden sollen. „Unsere Monteure informieren Sie am Auslieferungstag bis 9 Uhr über die ungefähre Ankunftszeit.“ Große Freude bei uns. Jetzt heißt es aber Gas geben! Die Pfingstfeiertage (24. und 25. Mai) verbringen wir mit der Renovierung unseres Büros. Den alten Schreibtisch haben wir bereits am 23. Mai zum Wertstoffhof in Bad Vilbel gefahren – unsere letzte Chance vor der Lieferung, das Teil loszuwerden. Den PC haben wir abgebaut. Seitdem steht der große PC-Bildschirm im Wohnzimmer hinterm Sofa – damit er in Sicherheit und aus den Füßen ist. Ich habe nun keine Möglichkeit mehr zu arbeiten und zu schreiben, Texte auszudrucken und Bilder zu bearbeiten. An wichtige Dokumente komme ich nicht mehr ran.

Am 2. Juni erhalten wir einen Anruf aus dem Möbelhaus: Die Lieferung würde sich nun doch verzögern, bis zum 29. Juni, wobei der Rollcontainer erst im Juli kommen würde. Nach mehreren vergeblichen Versuchen, das Logistik Center des Bad Vilbeler Möbelhauses telefonisch zu erreichen – alle Leitungen dort, in der Nähe von Köln, sind durchgehend besetzt – besuchen wir den freundlichen Herrn, der uns die Möbel verkauft hatte. Um wieder arbeiten zu können, habe ich mir inzwischen überlegt, mich mit dem Laptop bei P an einen der Schreibtische zu setzen. Dort ist ja viel Platz. Aber leider kein WLAN, erfahre ich. Und dass man uns nun mit dem Preis entgegen kommen würde. Angeboten werden 150 Euro. Ach ja, das Möbelhaus selbst, wird uns gesagt, versucht gar nicht mehr, sein Logistik Center telefonisch zu erreichen: Man korrespondiere per E-Mail. Anders gehe es nicht.

Mit dem Laptop arbeite ich nun nicht im Möbelladen, sondern zu Hause, seit dem 22. Mai. Das macht wenig Spaß, am Esstisch im Wohnzimmer! Für jede Mahlzeit muss ich weichen, und die Konzentration lässt oft mächtig nach, da um mich herum das ganz normale Leben tobt.

Post erhalten wir weiterhin von Ps Logistik Center:

3. Juni: Wir beliefern Sie am 29. Juni.

16. Juni: Wir beliefern Sie am 29. Juni

23. Juni: Wir beliefern Sie am 29. Juni

24. Juni: Wir beliefern Sie am 3. Juli.

Am 30. Juni kommt ein Anruf vom Logistik Center: Die Lieferung erfolge wirklich am 3. Juli, allerdings ohne Rollcontainer. Der komme die Woche drauf, wann auch immer.

Akt 3

Und wirklich: Am 3. Juli kommt früh der Anruf von den Monteuren, und wenig später sind drei kräftige Männer bei uns, die Schreibtisch und Beistellcontainer liefern. Während zwei der Männer den Schreibtisch zusammenbauen, macht sich der dritte daran, die Rollen am Container zu befestigen. 16 Schrauben werden dazu ins Holz gedreht. Als er damit fertig ist, stellen seine Kollegen fest, dass er die Rollen an der Rückwand des Containers befestigt hat, nicht am Boden… Auf ein Neues! Der Preis für den Container wird um 50 Euro reduziert. Würde der nicht an der Wand stehen sollen, hätten sie ihn mit 16 Extra-Löchern gleich wieder mitnehmen können. Derweil ist der Schreibtisch fertig montiert und wird vom Kopf auf die Füße gestellt. Erst einmal mit der Rückseite nach vorn, so dass das Führungsloch für die PC-Kabel nicht hinten, sondern vorn ist. Stutzig werde ich – leider – nicht. Ich mache die Männer nur darauf aufmerksam, und sie drehen den Tisch um, wobei die Tischbeine fast die gerahmten Bilder von der Wand fegen.

Schreibtisch
Der Schreibtisch.                                                                                                                                (Foto: Kuglin)

Frohgemut ans Werk! Endlich den PC wieder aufbauen und nach einem Tag „Lüftungszeit“ (so schreibt es die Betriebsanleitung vor) den Beistellcontainer in Benutzung nehmen. Endlich wieder komfortabel arbeiten!

Am Montag, 6. Juni, schauen wir erneut im Möbelhaus vorbei, um nach dem Termin für den fehlenden Rollcontainer zu forschen. Die Lieferung erfolgt diese Woche noch, sagt man uns.

Am Donnerstag, 9. Juli, kommt wieder einmal ein Anruf: „Wir liefern morgen.“

Am Freitag, 10. Juni, klingelt das Telefon um 7.15 Uhr: „Wir liefern in einer halben Stunde.“ Wir reiben uns den Schlaf aus den Augen und freuen uns, dass unser Büro bald wieder komplett ist. Zwei Männer bringen das Möbelstück. Diesmal sind die Rollen bereits montiert, am richtigen Platz. Wir stellen den Container mitten rein ins Zimmer, da kann er mit geöffneten Schubladen prima lüften.

Akt 4

Samstag, 11. Juli: Mit Datum vom 9. Juli bekommen wir heute Post, dass die Lieferung am 10. Juli erfolgen solle. Naja. Mittags ist Schluss mit Lüften! Nun soll der Container an seinen Platz, auf die rechte Seite unter der Schreibtischplatte. Die ist 80 Zentimeter tief, der Container 57 Zentimeter. Wir schieben. Nach 20 Zentimetern ist Schluss. 37 Zentimeter des Rollcontainers ragen unter der Tischplatte raus. Warum geht das nicht weiter? Weil dort eine Zarge montiert wurde, die a. die Stabilität des Tisches sichert, b. verhindern soll, dass der Rollcontainer weiter als 57 Zentimeter unter der Platte verschwindet. Nur leider wurde das Brett an der falschen Stelle verschraubt: vorn statt hinten. Anruf im Möbelhaus. Dort sitzt ein ganz Schlauer am Telefon: „Drehen Sie den Schreibtisch doch einfach um.“ Damit das Führungsloch für Stehlampen-, Lautsprecher- und PC-Strippen dann vorn statt hinten ist??? Da muss der Kundendienst ran. Wann kann der kommen? „Ich kümmere mich drum.“

Akt 5

Am Montag, 13. Juli, rufe ich erneut beim Möbelhaus an. Ich will endlich einen Termin vom Kundendienst. „Ich reiche das weiter an unser Service Center“, wird mir beschieden. Das sitzt, wie bereits erwähnt, in der Nähe von Köln. Warum eine Vilbeler Firma einer Vilbelerin nicht selbst einen Termin geben kann, erschließt sich mir nicht. Die Monteure kommen ja mit Sicherheit nicht aus Köln angereist. Eine Antwort erhalte ich auch: „Das ist bei uns so.“

Ich gebe nicht auf und rufe beim Service Center an. Die freundliche Dame am Telefon kann mir immerhin mitteilen, dass meine Reklamation bereits vorliegt. Und wann kommt der Kundendienst? frage ich. „Das kann ich Ihnen nicht sagen. Ich mache keine Termine.“ Wer macht die Termine? „Die Kollegin.“ Mit der möchte ich sprechen. Das Verbinden klappt nicht, Dauerbesetztzeichen. Ich lasse mir die Durchwahl geben und verbringe eine weitere halbe Stunde am Telefon. Nach Dauerbesetzt folgt Dauerklingeln, bis endlich jemand das Telefon bedient. Immerhin habe ich nun eine Dame an der Strippe, die das Problem erkennt. „Sie werden über einen Kundendienst-Termin informiert“, sagt sie. Ich möchte diesen Termin JETZT wissen. „Ich kann Ihnen keinen geben.“ Langsam wird diese Nummer zu einem Beitrag beim hr-Fernsehen unter der Rubrik „Ebbe langt’s!“.

Akt 6

Mit Datum 13. Juli bekomme ich einen Brief vom Service Center: Terminvorschläge für den Kundendienst würden mir in Kürze zukommen. Mit Datum 14. Juli wird mir per Postkarte mitgeteilt, dass die Techniker am 27. Juli erscheinen würden. Ich greife zum Telefonhörer und rufe das Service Center an, um dort einer netten Dame mitzuteilen, dass ich keineswegs mit dem Termin einverstanden bin – 17 (!) Tage nach der Reklamation. Nun bekomme ich einen neuen Termin: 21. Juli. Der wird mir mit einer Postkarte (Datum 15. Juli) bestätigt.

Akt 7

Am Montag, 20. Juli, befassen wir uns froher Hoffnung wieder einmal mit dem PC-Abbau. Wir sind ja schon routiniert darin. Bildschirm, Lautsprecher und Tischlampe zu verstauen, gehört auch dazu. Und tatsächlich: Am Dienstag, 21. Juli, klingelt um 7.45 Uhr das Telefon. Der Kundendienst kündigt sich an: „Ich komme zwischen 9 und 11 Uhr zu Ihnen.“ Die lang ersehnte Hilfe naht um 9.30 Uhr. Als der Handwerker sieht, was seine Kollegen verbockt haben, meint er nur trocken mit schnellem Blick auf die Montageanleitung: „Wer lesen kann, hat mehr vom Leben.“ Keine halbe Stunde später steht der Schreibtisch an seinem Platz, mit dem Querbrett an der richtigen Stelle und dem Rollcontainer unter der Tischplatte. 17 Wochen nach dem Kauf der Möbel ist alles komplett. Tausend Dank!

Epilog

In den vergangenen Wochen haben wir mehrfach intensiv darüber nachgedacht, künftig wieder Möbel mit putzigen Namen bei den Schweden zu kaufen. Selbst zusammenbauen und wenn etwas nicht funktioniert: umtauschen.

Merke: Ein Leben ohne Mops, so Loriot, ist möglich, aber sinnlos. Ein Leben ohne funktionstüchtigen Schreibtisch ist ebenfalls möglich, aber beschwerlich.

Ein Entschuldigungsschreiben von P kommt am 13. August, zusammen mit zwei Gutscheinen für ein Mittagessen nebst Getränk „für unser Restaurant“: „Die Ihnen entstandenen Unannehmlichkeiten sind nicht die Regel und auch nicht Stil unserer Hauses. Umso bedauerlich ist es für uns, dass ausgerechnet Ihnen ein solcher Vorfall passiert ist.“

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