Ein ganz besonderer Laden wird 50
Von Klaus Nissen
Einzelhändler haben es schwer. Buchhändler Scriba musste 2011 nach 159 Betriebsjahren schließen. Das Feinkostgeschäft Delikatus an der Südseite der Kaiserstraße machte 2023 zu. Gerade verriegelte eine weitere Friedberger Institution die Türen: Schreibwaren-König ist Geschichte. Die Betreiber versuchen es nun mit einem Regionalladen. Der „Ulenspiegel“ macht dagegen weiter.Zum Jubiläum des Ulenspiegel wird getrommelt
Wenn ein Laden 50 Jahre durchhält, ist das schon eine Feier wert. Doch weder Sektempfang noch Ansprachen wird es zum Jubiläum des „Ulenspiegel“ geben. Stattdessen lässt der Ladenbesitzer David Hesse lieber Trommeln sprechen. Am 26. September ab 19 Uhr kann jeder unangemeldet und kostenlos anhören, wie der Perkussions-Virtuose Mohammad Reza Mortazavi in der Stadtkirche von Friedberg im Wetteraukreis mit Daf und Tombak Klangwelten schafft. Ab 18 Uhr ist Einlass.

David (er bevorzugt seinen Vornamen und das „Du“) betreibt an der Ecke Wolfen- und Engelsgasse einen bunten Laden mit Waren aus aller Welt. Man findet darin Traumfänger und Batiktücher, Bongs und Blättchen für Marihuana-Freunde, Reispapier-Hängelampen, Freundschaftsbänder, bunte Becher, silberne Armreife, weiteren Schmuck und Dekorationsartikel. Der „Ulenspiegel“ wirkt wie eine Art Fachgeschäft für Hippie-Bedarf – obwohl in dieser Gegend seit 40 Jahren kaum noch Hippies zu sehen sind.
Keine Homepage, kein Online-Shop
Einen gewissen Retro-Charme hat auch der komplette Verzicht aufs Online-Geschäft. Der „Ulenspiegel“ besitzt keine Filiale im Internet. Auch keine Homepage. Die Facebook- und Instagram-Seite wurde schon länger nicht mehr aktualisiert.

Trotzdem funktioniert das Geschäftsmodell. „Der Laden hält sich“, sagt der Inhaber. Als der Reporter ihn besucht, kaufen zwei junge Frauen gerade einen Glücksstein und eine Umhängetasche. „Immer wieder nehmen Menschen eine weite Anreise auf sich“, erzählt David.
Ungewöhnlich ist auch, dass er das gesamte Sortiment präsentiert und besonders attraktive Waren keinen Vorzugsplatz bekommen. Der ganze, gar nicht kleine Laden schräg gegenüber der Stadtkirche ist vollgepackt. Die letzte Inventur habe fünf Leute fünf Tage lang beschäftigt, erinnert David bei einer Kaffeepause auf dem Elvis Presley-Platz. Es sei durchaus möglich, dass sich im Sortiment noch einzelne Ladenhüter aus der Anfangszeit befänden.
Enkel von Hermann Hesse landete zufällig in der Wetterau
Das war eine andere Zeit. 1976 lebte David Hesse in einer großen Wohngemeinschaft auf dem Hofgut Wickstadt. Der in der Schweiz aufgewachsene Enkel des Schriftstellers Hermann Hesse (1877-1962) hatte nach dem Abitur an der Odenwaldschule seinen bei Assenheim lebenden Freund Jo Pollak besucht. Und war geblieben.

„Wir haben damals gedacht, wir könnten die Welt verändern“, erinnert er sich. „Wir haben gebatikt, geschreinert, gemalt, Gold geschmiedet und getöpfert.“ Um die Dinge zu verkaufen, eröffnete Friedel Voltz den „Ulenspiegel“. Schon nach wenigen Tagen gesellte sich David dazu. Dort verkauften sie die von ihren Fernreisen mitgebrachten Dinge: Schafwolle aus Kreta, indische Zigaretten und Kleider, afrikanische Tücher, Hängematten und Bumerangs. Es folgte ein Umzug in die Judengasse. Dort wurde der „Ulenspiegel“ auch zur Teestube, in der schwänzende Schüler Zuflucht fanden.
Nach und nach stiegen Friedel Voltz und die anderen Ladenbetreiber aus. David blieb, zog mit dem „Ulenspiegel“ ins mehr als 500 Jahre alte Haus „Zur Drauben“ an der Usagasse. 2012 nutzte er die Chance, in den ehemaligen Spielzeugladen auf der Rückseite des Hotels Trapp einzuziehen, nur wenige Meter von der Steinhauer-Passage entfernt. Hier öffnet David den Laden im Wechsel mit einem Mitarbeitenden noch immer jeden Werktag von 12 bis 18 und samstags von 10 bis 14 Uhr.
Bumerangwerfer und E-Auto-Pionier
Im Privatleben wurde aus der WG eine kleine Familie. Sie lebt in einer alten Hofreite in Ostheim bei Butzbach. Da gibt es genug Spielraum für Hobbys – beispielsweise dem Bumerangwerfen. David versteht sich auf den Bau gebogener Hölzer zu bauen, die minutenlang in der Luft bleiben können. Kurz nach der Wende besorgte er sich einen alten Trabi, bestückte ihn mit Batterien und Elektromotor. Er schaffte es, ihn amtlich zuzulassen und nahm so die Verkehrswende 30 Jahre früher als andere vorweg. Jahrelang engagierte er sich zudem im Team des Kulturzentrums Altes Hallenbad und sponserte auch mal Konzerte.

Seit die Lebensuhr auf die 70 rückte, hält David nach einem „Ulenspiegel“-Nachfolger Ausschau. Aber das sei schwierig. Auch der Plan, den Laden- von einer Genossenschaft führen zu lassen, hat keine Früchte getragen. Also führt er das Geschäft einfach weiter, auch wenn die Verkäufe deutlich rückläufig sind. Bisweilen kommen Kundinnen und Kunden, die den „Ulenspiegel“ und die Teestube noch aus ihrer Jugend kennen. David: „Für viele ist es ein Ort, an den sie sich gerne erinnern und ihn mit einem Stück Friedberg verbinden. Und so soll es noch eine Weile bleiben.