Medien

Tauwetter für die Wetterau

Von Klaus Nissen

Blicken wir zurück in die Achtziger. Friedberg und die Wetterau hatten damals zwei progressive Institutionen, die beide längst verschwunden sind: Das Friedberger Burgfest und die Alternativzeitung „Tauwetter“. Ans Burgfest erinnert der „Talk im Foyer“ am 10. Oktober 2026. Und die „Tauwetter“ existiert noch in einigen vergilbten Heften und der Erinnerung des Autors.

Das Burgfest – und ein Alternativblatt

Vor 50 Jahren, am 12. Juni 1976, veranstaltete der Stadtjugendring das erste Friedberger Burgfest. Über 24 Jahre zertrampelten tausende Besucher jeden Sommer den Burggarten, während diverse Rock- und Folkgruppen den Norden der Friedberger Kernstadt beschallten. Erst 1999 endete diese Tradition.

Eine der wenigen Aufnahmen mit Besuchern auf der Wiese unter dem Adolfsturm beim 2. Burgfest im Jahr 1977

Wie es vor 50 Jahren zu dem außergewöhnlichen Musikfest kam und wie es sich danach entwickelte, darüber spricht Harald Schuchardt, Mitinitiator des ersten Burgfests, unter anderem mit dem langjährigen Stadtjugendpfleger Jürgen Umsonst und weiteren „Burgfest-Aktiven“, die heute allesamt im vorgerückten Alter sind. Und glänzende Augen bekommen, wenn sie an diese wilde, kreative Zeit denken.

Ausstellung und Zeitzeugengespräch

Die Veranstaltung in der Reihe „Talk im Foyer“ beginnt am Sonntag, 11. Oktober um 16 Uhr im Alten Hallenbad an der Haagstraße in Friedberg. Der Eintritt ist frei.
Bereits ab 15 Uhr kann eine kleine Ausstellung mit Plakaten, Fotografien und anderem mehr besichtigt werden. Musiker Martin Schnur, der mit Schnurstracks schon beim 5. Burgfest auftrat, wird aufspielen.

Eine Eintrittskarte hat die Jahrszehnte überdauert. Man sieht: Jeder konnte sich den Besuch des Festivals leisten. Foto: privat

Das Burgfest war stets eine prima Gelegenheit für das etwa zehnköpfige Macherteam der Alternativzeitung „Tauwetter“, ihr Blättchen für jeweils zwei Mark unter die Leute zu bringen. Die 32 Seiten starke Zeitschrift im A4-Format erschien monatlich mindestens drei Jahre lang zwischen 1982 und 1985. Sie sollte auf regionaler Ebene die Weltsicht all jener Leute transportieren, die sich als Linke, Undogmatische oder Alternative empfanden. Auch der Autor dieses Textes gehörte zum Redaktionsteam, während er in Frankfurt ein Orchideenfach studierte und sein Geld als freier Mitarbeiter der eher konservativen „Frankfurter Neuen Presse“ verdiente.

Die „Tauwetter“ – Experiment in Medien und Journalismus

Acht der mindestens 36 Ausgaben haben sich auf dem Dachboden noch über die Jahrzehnte gerettet. Beim Durchblättern fällt auf, wie dilettantisch, aber auch kreativ das Blättchen war. Politische Denkschriften standen da neben Liebesgedichten, Zeichnungen und Berichten beispielsweise über die Blockade der Friedberger US-Kaserne.

Das Titelbild dieser Ausgabe zeigt ein Foto der Friedberger Kasernentor-Blockade. Manche Teilnehmer bekamen Ermittlungsverfahren wegen Nötigung auf den Hals. Ernsthafte Konsequenzen hatte die Aktion aber nicht. Foto: Archiv Nissen

Die Redaktionsmitglieder bekamen kein Geld für ihre Arbeit. Die Druckkosten bezahlte man aus den mageren Anzeigenerlösen des Bad Homburger Musiklokals „Gambrinus“, des Naturkostladens „Mehlwurm“ in Nidda oder der Friedberger Kellerkneipe „Club Lascaux“. Auch letztere wäre einen langen Artikel in den Friedberger Geschichtsblättern wert.

Fotomontagen, Gedichte, politische Aufsätze

Der Inhalt der „Tauwetter“ speiste sich aus dem, was den Mitgliedern des Redaktionskollektivs gerade in den Sinn kam. Schauen wir in die Ausgabe 26 vom November 1983: Auf zwei Seiten sind Fotos der Friedensdemo und Kasernenblockade mit Friedensgedichten von Hans Cäsar Schneider drapiert. Es folgt eine Fiktion über das Sexleben des US-Präsidenten, ein Nachdruck von Gustave le Bons vor 1910 erschienendem Aufsatz über die Beeinflussung der Massen. Und eine Fotocollage, wie man sich als Kriminalkommissar ausstaffiert.

Die Vorlage für diese Fotomontage fand sich in im Fundus für Pressefotos, die der Autor zur Ankündigung neuer Kinofilme zugesandt bekam.

Weiter geblättert: Ausgabe 27 berichtet in der Monatschronik, dass die Polizei gegen die Blockierer der Friedberger Kaserne wegen Nötigung ermittelt. Und dass die hessischen Grünen als Voraussetzung für die erste rotgrüne Koalition von der SPD die Abschaltung des Kernkraftwerks Biblis fordern. Es gibt ein langes Interview mit dem anonymisierten Mitarbeiter eines Warnamtes, der an seiner Aufgabe zweifelt. Zum Herausnehmen sind in der Mitte des Heftes auf stärkerem Karton selbstgestaltete Polit-Postkarten zum Ausschneiden. Gefolgt von einem ausführlichen Lebenslauf des neuen Wetterauer CDU-Landrats Sigurd Beyer.

„Einladung zur Katastrophe“ hatte Konsequenzen

Nicht unter den Dachboden-Funden ist eine „Tauwetter“-Ausgabe, an die sich der Autor dieser Zeilen noch sein Leben lang erinnern wird. Sie enthielt die Kopie einer langen Pressemitteilung des Wetteraukreises zur Ankündigung einer Katastrophenschutzübung in der verlassenen Zuckerfabrik zwischen Friedberg und Fauerbach. Das Redaktionsteam fand es witzig, aus dem Faksimile jeweils das Wort „Übung“ wegzuretuschieren, so dass aus dem Text eine „Einladung zur Katastrophe““ wurde.“

Die CDU arbeitete sich in den Achtzigerjahren an der angeblichen Bedrohung durch Linke ab, die ihrer Meinung nach aus dem Osten gesteuert wurden.

Nach dem Erscheinen des Späßchens wurde der Autor in seiner Eigenschaft als Reporter der Lokalzeitung ins Landratsamt gebeten. Dort hielt ihm Wolfgang Effinger, damals die rechte Hand des Landrats Helmut Münch (CDU), eine heftige Standpauke. Es sei übelst, so der Tenor, eine Pressemitteilung des Landkreises so zu verfälschen. Zur Strafe bekam der Reporter mit sofortiger Wirkung ein Hausverbot im Landratsamt. Er durfte nicht mehr zu den Pressekonferenzen kommen und erhielt auch keine Mitteilungen der Kreisverwaltung mehr.

Die sich als linksalternativ verstehende Tauwetter-Redaktion zeichnete daraufhin dieses Organigramm. Es bewies, dass die örtlichen CDU-Politiker Helmut Münch und Wolfgang Egerter vom lieben Gott bzw. dem Pentagon gesteuert wurden. Alle Fotos: Archiv Nissen

Das war ein gefundenes Fressen für die Journalistengewerkschaft der IG Druck + Papier – die Deutsche Journalistenunion (dju). Sie warf dem Landrat einen Angriff auf die Pressefreiheit vor – die Attacke zog medial ihre KreiseI und gipfelte darin, dass der damalige hessische Innenminister Herbert Günther (CDU) zur Affäre Stellung nehmen musste. Er schlug sich auf die Seite seines Parteifreundes Helmut Münch.

Am Ende fiel das Hausverbot fürs Landratsamt

Auf Dauer wuchs allerdings im Landratsamt die Einsicht, dass der Katastrophenschutz-Ulk der „Tauwetter“ es nicht wert war, sich einen Eingriff in die Pressefreiheit vorwerfen zu lassen. Man lud den Lokalreporter zum Essen ein und hob das Hausverbot auf. Einige Zeit später wurde Wifried Rohloff, damals Redakteur der Frankfurter Rundschau und treibende Kraft der dju-Kampagne gegen Helmut Münch, mit dem Wächterpreis der Tagespresse ausgezeichnet. Er hatte auch herausgefunden dass Münch bei der Vergabe des Auftrags zum Bau einer Müllumladestation einen persönlichen Vorteil angenommern hatte. Der Landrat musste gehen.

Diese Auksgabe wurde nur von Frauen gestaltet. Dafür leistete man sich einen auf 52 Seiten erweiterten Umfang und ein farbiges Titelbild. Die technischen Möglichkeiten des Blattmachens waren noch eingeschränkt.

In der zweiten Hälfte der Achtzigerjahre schwand langsam der Spaß am selbstgebastelten Medium. Die Gruppe löste sich auf, die „Tauwetter“ erschien nicht mehr und geriet in Vergessenheit. So erging es Dutzenden Alternativzeitschriften in ganz Westdeutschland. In Frankfurt überlebte der „Pflasterstrand“ als kommerzielles Veranstaltungs-Magazin. Doch wer erinnert sich beispielsweise noch an die Gießener Alternativzeitung „Elefantenklo?“

Obwohl die Alternativpresse einige Jahre lang ein bedeutender Teil der westdeutschen Medienlandschaft war, hat die sonst fast alle Publikationen sammelnde Deutsche Bibliothek diese Zeitschriften nicht archiviert.

Das besorgte schließlich der „Informationsdient zur Verbreitung unterbliebener Nachrichten“, kurz ID. Dessen Aktivisten sammelten von der Hamburger Allee in Frankfurt aus zwischen 1973 und 1981 Berichte von und über politische Basisbewegungen in Deutschland. Sie sollten selbst über ihre Anliegen berichten und nicht mehr vom geringen Interesse etablierter Journalisten abhängig sein.

Der ID – ein wichtiger Vorläufer von „Tauwetter““ und „taz“

Ein wichtiger Mitarbeiter des ID war Richard Herding, der im Projekt auch die Berichterstattung über die Schicksale von Querulanten vorantrieb. Seite These: Am Umgang mit Querulanten kann man sehen, ob und wie wie liberal ein Staat ist.

Doch auch diese Forschung versandete irgendwann. 1981 ging der eintönig layoutete, im A4-Format erscheinende ID ein, während das Nachfolgeprojekt der „Tageszeitung“ (taz) die Medienlandschaft bis heute bereichert.

Was an der Europawahl 1984 so schrecklich war, lässt sich heute kaum noch nachempfinden. Die Bedeutung der Europäischen Union wurde damals von den Linken eher unterschätzt. Gleich geblieben ist der Eindruck, dass Europa-Abgeordnete, wenn sie erst einmal in Brüssel sind, sich kaum noch in ihren großen Wahlkreisen blicken lassen.

Nur die Archivabteilung des ID machte einige Jahre weiter. Sie sammelte alle Alternativblätter, die sie bekommen konnte und bewahrte ganze Jahrgänge in der Hamburger Allee 45 auf. Bis es 1988 kein Geld mehr für Arbeitsbeschaffsungsmaßnahmen der Archivare gab und die Miete nicht mehr bezahlt werden konnte. Beinahe wäre die gesamte deutsche Alternativpresse damals im Altpapiercontainer gelandet.

Dem Altpapiercontainer gerade so entkommen

In letzter Minute übernahm das Internationale Institut für Sozialgeschichte den Fundus und seine Archivare. Heute überdauern die „Tauwetter“ und das „Elefantenklo“ die Zeiten in Amsterdam gemeinsam mit den Nachlässen und Manuskripten von Emma Goldman, Karl Kautsky und Leo Trotzki.

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