Steglitzer Schülertragödie

Tödliche Liebe

„Peng! Peng! … ! Peng!“ Die Gegend in Berlin-Steglitz ist lieblich und ruhig. Dass es heute vor 95 Jahren zur sogenannten „Steglitzer Schülertragödie“ dort kam, würden Spaziergehende erst einmal nicht vermuten. Beim Googeln stieß ich durch Zufall darauf, als ich jüngst in der Hauptstadt zu Besuch war. Die „Steglitzer Schülertragödie“ war einer der meistbeachteten Kriminalfälle des 20. Jahrhunderts in Berlin gewesen.

Steglitzer Schülertragödie: Berühmter Kriminalfall

Während meiner Reise las ich alles zu dem Fall, was ich im Internet finden konnte. Der 18-jährige Oberprimaner Paul K., der aus ärmlichen Verhältnissen stammte und zuhause sehr beengt lebte, freundete sich in der Schule mit dem 19-jährigen Primaner Günther Sch. aus Steglitz an. Paul interessierte sich für die Dichtkunst und hatte vor, eines Tages Schriftsteller zu werden. Günther lud ihn ein, im Sommer zu ihm in das Landhaus der Familie in Mahlow zu ziehen, wo sich die Familie während der warmen Jahreszeit aufhielt – statt in ihrer Wohnung in Steglitz. Es sollte Paul ermöglichen, der heimischen Enge zu entfliehen. Er lernte Günthers 16-jährige Schwester Hilde kennen und verliebte sich leidenschaftlich in sie.

in Steglitz (Bild: Petra Ihm-Fahle)

Steglitzer Schülertragödie: Zwischen zwei Männern

Hilde flirtete mit Paul. Sie las sein Tagebuch, in dem er seine romantischen Gefühle aufschrieb und textete ihm die neckischen Verse hinein: „Ein Mädel wird sich schön bedanken, / Wenn deine Glut nur aus Gedichten spricht. / Was nützt die Liebe in Gedanken? / Kommt die Gelegenheit, dann kannst du’s nicht.“

Steglitzer Schülertragödie: Der junge Koch

Es kam zu Zärtlichkeiten zwischen den beiden, doch am nächsten Tag wandte sie sich einem anderen jungen Mann namens Hans St. zu. Hans war 18 und Kochlehrling.

Auf sturmfreie Bude gehofft

Gemeinsam mit seinem Freund Günther kam Paul an diesem Tag, dem Montag, 27. Juni 1927, aus Mahlow nach Steglitz, da Günthers Eltern für einige Tage aus beruflichen Gründen nach Schweden gereist waren. Die jungen Männer erhofften sich in Steglitz sturmfreie Bude. Günthers Schwester Hilde hatte allerdings den gleichen Gedanken und sich den Kochlehrling Hans dorthin eingeladen.

Mörderische Gedanken

Während sie Hans – wie sie dachte, „unauffällig“ – in das Schlafzimmer ihrer Eltern gelotst hatte, betranken sich die zwei Freunde Paul und Günther in der Küche. Sie schlossen einen „Selbstmordpakt“, wollten aus dem Leben scheiden, dabei aber diejenigen mitnehmen, die ihnen „ihre Liebe gestohlen“ hatten. Gemeint waren Hilde und der Kochlehrling Hans.

Günther, so hieß es später, hatte einen Hang zu Männern. Einerseits liebte er den Kochlehrling Hans, andererseits hasste er ihn. Denn Hans soll Günthers Vater verraten haben, dass sein Sohn homosexuell gewesen sei. Wie die Morde/Selbstmorde verübt werden sollten, war auch klar: Mit einem Revolver, den Paul schon eine Weile besaß.  

Tödliche Schüsse

Am Dienstagmorgen, 28. Juni 1927 drang Günther in das Schlafzimmer der Eltern ein, als seine Schwester Hilde gerade ihrer Schulfreundin Ellinor die Wohnungstür öffnete. Es war gegen 7 Uhr. Günther fand Hans in dem Raum, obwohl Hilde den Liebhaber in einer Nische zwischen Schrank und Wand versteckt hatte. Kurzerhand schoss Günther auf ihn, anschließend beging er Selbstmord mit einem Kopfschuss.

Durch renommierten Anwalt verteidigt

Sein Freund Paul war während der Tat mit im Schlafzimmer gewesen, konnte die Tat aber nicht verhindern. Er war, nachdem er morgens wieder nüchtern war, von dem Mord-/Selbstmord-Plan zurückgetreten. Nun aber kam er ins Gefängnis, wo er wegen Mordverdachts acht Monate in Untersuchungshaft verbrachte. Ihn verteidigte der renommierte Rechtsanwalt Dr. Erich Frey.

Unerlaubter Waffenbesitz

Paul drohte die Hinrichtung. Schließlich jedoch verurteilte ihn das Gericht „wegen unerlaubten Waffenbesitzes“ zu drei Wochen Haft, verbüßt durch die Untersuchungshaft. Vom Mordvorwurf sprach ihn der Richter frei.  

Sensationsprozess stößt auf Kritik

Es war ein Sensationsprozess mit Beobachtern aus vielen Ländern, der vielfach auf Kritik stieß. Grund war, weil er öffentlich geführt wurde, die Protagonisten aber noch so jung waren. In gewisser Weise stand die gesamte Jugend vor Gericht, deren „Verfall“ die Öffentlichkeit beklagte.

Karl Kraus schaltet sich ein

Das Gericht entlockte den jungen Leuten viele intime Details, was die Presse teilweise skandalmäßig aufbereitete. Insbesondere Hilde sah sich einer Hexenjagd ausgesetzt – sie musste den Namen ändern, die Stadt verlassen und kam in ein Landschulheim. Später wurde sie Bibliothekarin. In ihrer Not schrieb sie dem österreichischen Schriftsteller und Medienkritiker Karl Kraus, der sich einmal mit ihr traf, Unterlagen anschaute und festhielt, „dass die Presse gelogen und erpresst und sich alles, ‚was immer da erschienen ist, aus den schmutzigen Fingern gesogen‘ habe“. (Quelle: Der Bund Nr. 89 vom 18.04.1998)    

Romane und Filme

Paul nahm ebenfalls einen anderen Namen an. Er veröffentlichte seinen ersten Roman „Mietskaserne“, der autobiografischen Charakter hat, unter dem Pseudonym Ernst Erich Noth. Er wurde ein nicht ganz unbedeutender Schriftsteller, musste 1933 aber aus Deutschland fliehen, weil er sich dem Kommunismus zugewandt hatte. Sein Buch verbrannten die Nazis. In den USA wurde er Professor für Moderne Sprachen und Literaturwissenschaften, den Namen Ernst Erich Noth nahm er dort auch offiziell an. Gestorben ist er 1983 in Bensheim. Die Steglitzer Schülertragöde wurde mehrfach verfilmt, zuletzt 2004 unter dem Titel „Was nützt die Liebe in Gedanken“. Kürzlich zeigte der Zoo Palast in Berlin den Film noch einmal, man kann ihn aber auch bei Netflix sehen. Ich kann ihn sehr empfehlen.

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