Gasversorgung

Lehren aus Northstream und Krieg

Von Dietrich Jörn Weder

So abhängig, wie wir es sind, hätten wir uns von russischem Erdgas nicht machen dürfen und so abhängig dürfen wir nicht bleiben. Die einfache Antwort heißt: Mehr Eigenständigkeit in der Energieversorgung! Aber das heißt auch, in vieler Hinsicht über den eigenen Schatten springen:

Die letzten Kernkraftwerke ein paar Jahre länger laufen lassen; unser Schiefergas in tieferen Erdschichten vorsichtig erschließen, sich also an das bisher verteufelte Fracking heranwagen; ein paar große Braunkohlekraftwerke weiter betreiben, das klimaschädliche Rauchgas aber abschöpfen und aus diesem Verfahren, CCS genannt, einen Exportschlager machen. Und so weiter.

Haselmäuse statt Windmühlen

Alles nicht nötig, rufen orthodoxe Ökos, mit Sonne und Wind allein machen wir das alles viel besser. Ich freilich, möchte diese uneingeschränkten Lobpreisungen der Erneuerbaren am liebsten gar nicht mehr hören, am wenigsten von Leuten, die kaum je um einen Einwand verlegen sind, wenn es in der Sache zum Schwur kommen soll.

Wie kann es sonst sein, dass das Verwaltungsgericht Kassel auf entsprechende Eingaben hin den größten geplanten Windpark des Landes im Reinhardswald wegen fehlender Rücksichtnahme auf eine Haselmaus stoppt? Und wo es eine Haselmaus nicht tut, lässt sich nur zu oft ein Rotmilan als Anti-Windkraft-Joker finden, dieser geschützte Vogel, der übrigens, statistisch nachgewiesen, nur selten an den Rotorblättern zu Schaden kommt.

Windmühlen-Industrie retten

Wegen schleppender Genehmigung neuer Windmühlen und eben des Widerstands von Bürgerinitiativen gegen neue Anlagen gehen unsere Windkraftbauer gerade finanziell in die Knie und einer von ihnen verlagert demnächst die letzte Fertigung von Rotorblättern in Deutschland nach Indien, weil Löhne und Steuern dort weniger hoch sind. Lassen wir so, lieber Robert Habeck, eine Industrie vor die Hunde gehen, auf die wir in der Zukunft viel mehr als bisher bauen wollen?

Energie-Zukunft aus Katar?

Nun kann man, wie unser Wirtschaftsminister es jüngst vereinbart hat, Russengas zum Teil durch Flüssig-Gas aus dem Scheichtum Katar ersetzen. Nicht ganz übersehen sollten wir dabei, dass unsere neuen „besten Gasfreunde“ in ihrer naturfernen klimageregelten Kunstwelt mehr Kohlendioxyd emittieren als alle anderen Menschen in der Welt. Mit den Arbeiterrechten ist es dort auch nicht gut bestellt.

Mit diesen Kataris müssten wir uns bis auf Weiteres arrangieren, schrieb mein Jüngster dieser Tage von einer Reicse nach Doha, jedenfalls solange bis jedes Haus bei uns eine Solaranlage auf dem Dach habe und man keine Autofahrt von Stadt zu Stadt mehr unternehmen könne, ohne an 2.000 Windrädern vorbeizufahren.

Das klingt nach Science Fiction, aber es passt doch zu der Zeitenwende, von der die Politik neuerdings so gerne redet. Diese Wende liefe freilich, wie gerade skizziert, auf eine sehr lange Reise hinaus, und das in einem Tempo, das uns der Wind um die Ohren pfeifen müsste. Als Verkehrsmittel zu diesem Zweck wäre die Bundesbahn im Augenblick nicht geeignet.

Dr. rer. pol. Dietrich Jörn Weder war Jahrzehnte lang leitender Umweltredakteur und Fernsehkommentator des Hessischen Rundfunks. Seit seiner Pensionierung arbeitet er als freier Autor für Print- und Audiomedien. Er betreibt den Blog Wachposten Frankfurt, auf dem er Kommentare zu aktuellen Themen veröffentlicht. wachposten

Titelbild: Die Hochhaussilhouette von Dohas. (Foto: Peer Weder)

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