Herrnhaag

Jugendwerkstatt gibt Perspektiven

Von Corinna WillführHerrnhaag

Seit 15 Jahren erhalten Teenager sowie junge Männer und Frauen in der Jugendwerkstatt Herrnhaag eine „Qualifizierung zur Arbeit“, werden mit Gartenarbeit und Hauswirtschaft und vielerlei Handwerken vertraut gemacht. Im Grafenhaus der Herrnhuter Brüdergemeine. Sie erfüllen im Erdgeschoss das historische und denkmalgeschützte Gebäude aus dem 18. Jahrhundert mit Leben.

Perspektive für Herz-IV-Empfänger

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Christian bereitet das mittagessen. (Fotos: Willführ)

Christian brät konzentriert Schinkenwürfel in einer Pfanne an. Die Karotten hat er schon geschält, Kartoffeln und Zwiebeln gewürfelt. Der 24jährige hat einen verantwortungsvollen Job. Gemeinsam mit seinem Fachanleiter Thomas Stuth bereitet er an diesem Tag das Mittagessen für seine Mitstreiter vor. Es gibt hausgemachte Linsensuppe. Seine Mitstreiter sind 18 junge Männer und Frauen im Alter zwischen 16 und 25 Jahren aus Büdingen und Umgebung. Was sie alle gemeinsam haben: eine Geschichte, die sie bislang nicht zu einem Schulabschluss geführt hat, sondern „aufs Amt“, konkret: ins Jobcenter Wetterau. Die Vermittlungsstelle der Kreisverwaltung vermittelt die „nicht für den ersten Arbeitsmarkt Vermittelbaren“ in die Jugendwerkstatt Herrnhaag. Eine Einrichtung, die seit 15 Jahren Qualifizierung und Arbeit für ebendiese Gruppe benachteiligter junger Menschen bietet. Alle 18 sind Hartz-IV-Empfänger.

Ungewöhnliches Projekt in ungewöhnlichen Räumen

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Alexander Mebs

Auf dem Flyer der Jugendwerkstatt Herrnhaag fällt das „Wir“ ins Auge. „Wir fällen Bäume, kochen Essen, kürzen Brüche, stell’n Gerüste, machen Feuer, schneiden Hecken“, heißt es dort. Alexander Mebs, „geboren an der Ostsee, sozialisiert im Ruhrpott“, heute 48, ist seit ihrer Eröffnung Leiter der Jugendwerkstatt Herrnhaag. Ein außergewöhnliches Projekt in außergewöhnlichen Räumen. Denn die Jugendwerkstatt Herrnhaag ist in einem von vier (einst 17) noch erhaltenen Gebäuden untergebracht, die von böhmischen Glaubensflüchtlingen ab 1738 „oberhalb von Büdingen“ errichtet wurden: dem Grafenhaus. Der Zimmermeister wohnt mit seiner Familie in einer ökumenischen Lebensgemeinschaft im einstigen Schwesternhaus. Nur wenige Schritte sind es von dort zum Grafenhaus.

Insektenhotel für Herrenhaag

Im Untergeschoss des barocken Baus werkeln Nina, Tamara, Susanne und Janine in der Kreativwerkstatt. Gemeinsam mit Manfred Wagner, dem Fachanleiter Schreinerei, haben die vier jungen Frauen im Alter zwischen 18 und 24 Jahren, ein „Insektenhotel“ fertig gestellt. „Die Sachen haben wir uns im Wald zusammen gesucht“, sagt Nina. „Die Muscheln, die drin sind, haben wir aber nicht unter den Bäumen gefunden“, protestieren ihre Mitstreiterinnen. Jede weitere Frage an die Vier geht in ihrem Lachen unter. Bis sie doch ein wenig ernst werden und zusammenfassen, „dass das Arbeitsklima hier richtig gut ist.“ Locker, man trotzdem was lernt. Man Spaß haben kann. Immer respektiert wird.

In der Jugendwerkstatt erhalten „unsere Klienten“ (Mebs) neben der handwerklichen Anleitung in verschiedenen Arbeitsbereichen wie Bau/Garten/Metall und Holz eine sozialpädagogische Betreuung. Außerdem werden sie bei Schulden beraten, bei der Suche nach einer Wohnung unterstützt oder lernen zu kochen. Die größte Herausforderung für Alexander Mebs und sein siebenköpfiges Team aber ist: „Die Jugendlichen erst einmal dazu zu bringen, dass sie regelmäßig erscheinen.“ Denn jeder von ihnen habe in seiner noch jungen Vita eine Vielzahl von Faktoren, die ihm schon dies zu einem Problem machen: Frustration, geringes Selbstwertgefühl, Drogenerfahrung, Lernbeeinträchtigung, Verschuldung, zerstörte Familienverhältnisse.

Der nächste Schritt ist schon ein Erfolg

„Wenn es gut läuft“, sagt Alexander Mebs, „schaffen sie den nächsten Schritt.“ Heißt: vielleicht einen Schulabschluss, eine Drogentherapie oder eine Lehre.“ In 2015 ist es gut gelaufen. „Zwei Drittel unserer Zeit“, sagt der 48jährige, „haben wir mit jungen Menschen verbracht, die den nächsten Schritt geschafft haben.“ Für das Team der Jugendwerkstatt ist es zentral, „den Knoten in ihrer Biografie lösen zu können“. Ein Erfolg, der sich in Zahlen nicht ausdrücken lässt. Denn ob die jungen Erwachsenen zwei Monate, ein halbes oder zwei Jahre in der Jugendwerkstatt sind, sie verlassen sie nicht mit einem Zertifikat oder einem alternativen Schulabschluss. Sicher aber: mit neuen Erfahrungen, gewiss mit einer veränderten Selbstwahrnehmung und hoffentlich mit einer besseren Zukunftsperspektive.

Ängste abbauen, Vertrauen gewinnen

Etwa 500 Menschen sind in den vergangenen 15 Jahren Teil des Teams der Jugendwerkstatt Herrnhaag gewesen. „Anfangs lag die Anwesenheitsquote bei rund 70 Prozent“, berichtet Mebs. „Wenn wir heute 40 Prozent haben, so ist das schon ein hoher Wert. Unsere Arbeit besteht immer mehr darin, den Erstkontakt herzustellen, Ängste abzubauen, Vertrauen zu gewinnen und zur Mitarbeit zu bewegen.“

Mitte Januar, genau zur Mitte des Monats, ist die Jugendwerkstatt 15 Jahre alt geworden. Für Alexander Mebs war das kein Anlass, einen „Wirbel“ um dieses Jubiläum zu machen. Für ihn zählt vielmehr: „Was für unsere Klienten gilt, gilt auch für uns: Sie brauchen ebenso wie wir verlässliche Partner.“ Eben solche, die das Projekt auch in Zeiten unterstützen, in denen es kein „Jubeljahr-Datum“ zu vermelden hat.

Die verlässlichen Partner, die den Betrieb (Kosten: jährlich rund 200.000 Euro) der Jugendwerkstatt Herrnhaag gewährleisten, sind: der Europäische Sozialfonds, das Land Hessen, der Wetteraukreis, der Arbeitskreis Qualifizierung und Arbeit der Diakonie Hessen, die Stadt Büdingen, die Bundesagentur für Arbeit – und Spender, die das außergewöhnliche Projekt an einem außergewöhnlichen Ort unterstützen.

Kontakt per E-Mail: jugendwerkstatt@herrnhaag.de

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