Kunst aus Stasi -Schnipsel

Steffi Barthel stellt in Lich aus

von Jörg-Peter Schmidtausst1

Collagen aus Schnipseln der schriftlichen Bewertungen von IMs-Spähern hat die Künstlerin Steffi Bartel gefertigt.  Ihre Arbeiten sind unter dem Titel „Schwarz.Rot.Gold“ bis zum 27. Februar 2016 in der Licher Kreisvolkshochschule (KVHS) zu sehen.

Stasi-Schnipsel werden zu Kunst

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Bei der Ausstellungseröffnung: von links: KVHS-Leiterin Dr. Marieanne Ebsen-Lenz, Steffi Barthel und Ines Veith. (Fotos: Jörg-Peter Schmidt)

Für Steffi Barthel, die 1956 in Halle (Saale) geboren wurde, war es   ein schlimmer Moment, als sie Ende der neunziger Jahre (sie war aus der DDR 1972 geflohen) ihre Stasi-Papiere in die Hände bekam: Sie war schon als Jugendliche beobachtet worden. Was macht man mit solch unseligen Akten der Mielke-Behörde? Barthel fand eine Lösung: Als frei schaffende Künstlerin integrierte sie in Collagen Schnipsel aus den schriftlichen Bewertungen von den IMs-Spähern und stellte die Arbeiten zu einer Ausstellung zusammen, die unter dem Titel „Schwarz.Rot.Gold“ bis zum 27. Februar 2016 in der Licher Kreisvolkshochschule (KVHS) zu sehen ist. Kürzlich fand unter der Beteiligung zahlreicher Gäste die Vernissage statt, zu der KVHS-Leiterin Dr. Marieanne Ebsen-Lenz eingeladen hatte.

Symbolisch in Schwarz, Rot und Gold getaucht

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Die Exponate sind durch die Farben Schwarz, Rot, Gold geprägt.

Wie man bei bei einem Rundgang durch die Ausstellungsräume schnell feststellte, findet sich in den Malereien, Fotografien und Collagen das Leben von Steffi Barthel. Durch ihre Flucht folgte sie Eltern und ihrer Schwester, die bereits vor dem Mauerbau (1961) den sozialistischen Staat nach Frankfurt/Main verlassen hatten – allerdings mit der Absicht, dass Steffi bald nachkommen würde, was sich lange Zeit als als Trugschluss erwies. Das Kind wuchs unter anderem bei dem systemkonformen Onkel auf und durchlitt Repressalien. Ihre Flucht führte sie nach Hessen und zwar zum Studium von Visueller Kommunikation in Gießen. Sie war 20 Jahre lang Lehrerin in Frankfurt/Main, bis sie sich 2003 entschloss, sich vollständig freischaffend der Kunst zu widmen. Dies war ein richtiger Schritt, wie ihre aktuelle Ausstellung in Lich beweist, die hochinteressant ist. Die Exponate sind entweder einzeln oder zusammen jeweils symbolisch in Schwarz, Rot und Gold getaucht, die Farben der DDR und der Bundesrepublik Deutschland.

Flucht unter Lebensgefahr
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Mit einem kleinen Boot wird das bedeutende Thema „Flucht“ symbolisiert.

Die Künstlerin verarbeitet in der Ausstellung nicht nur die eigene Flucht, sondern auch die derer, die aktuell unter Lebensgefahr aus Kriegsgebieten wie Syrien entkommen konnten. Sie hat mit vielen der Menschen gesprochen, die vor einem ungewissen Schicksal stehen. So hat ein kleines Boot, das sie in ihre künstlerischen Arbeiten eingebaut hat, symbolische Bedeutung für die Flucht über das Meer. Und immer wieder sind die Ausschnitte der Stasi-Akten in Collagen eingebaut. Da taucht auch schon mal der berühmt-berüchtigte Begriff „negative Einstellung“ in der typischen IMs-Bürokratensprache auf. Und auf einem Bild sieht man als Doppelmotiv für die einstige deutsch-deutsche Teilung das Brandenburger Tor und den Soldaten, der unmittelbar nach dem Mauerbau über eine Stacheldrahtrolle in den Westen sprang.
In einem anderen Raum der Ausstellung geht es nicht um Politik und Flucht, sondern um DDR-Kultur: Der Text des Liedes der Pionierorganisation „Unsere Heimat“ liegt auf Stühlen aus oder ist eingerahmt auf Bildern eingebettet. Bei der Vernissage hörte man per Tonband einen Chor das Pionier-Lied singen: „Unsere Heimat, das sind nicht nur die Städte und Dörfer, unsere Heimat sind auch all die Bäume im Wald…“

Eine Ost-West-Geschichte
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In Bildern und auf Stühlen ist in der Ausstellung der Text des Liedes der Pionierorganisation „Unsere Heimat“ zu sehen.

Beim Gang durch die Ausstellung war festzustellen, dass sich die Symbolik der Malereien und Fotografien sich nicht ausschließlich mit DDR, sondern auch der Bundesrepublik Deutschland beschäftigt, in der Steffi Barthel nach der Flucht ihre kritische Haltung bewahrt hat. Übrigens hatte sie zur Vernissage in Lich die Journalistin und Autorin Ines Veith mitgebracht, die sich in Büchern kritisch mit Missständen in der DDR auseinandersetzt. Besondere Aufmerksamkeit bewirkte ihre Tatsachen-Schilderung des verzweifelten Kampfes von Jutta Gallus um ihre Töchter unter dem Titel „Die Frau vom Checkpoint-Charlie“, verfilmt mit Veronika Verres in der Titelrolle. Es hat seinen guten Grund, dass Veith nach Lich mitgekommen war: Wie Steffi Barthel beschäftigt sie sich engagiert mit dem Thema „DDR/Bundesrepublik“. Die beiden Frauen arbeiten in verschiedenen Projekten gemeinsam und haben 2012 eine „Ost-West-Geschichte“ unter dem Titel „Seidenkind“ als Bildband herausgegeben, den sich am Rande der Ausstellung die Besucher mit großem Interesse anschauten.

Die Ausstellung ist bis zum 27. Februar 2016 im vhs Haus in 35423 Lich, Kreuzweg 33, zu sehen. Die Öffnungszeiten in diesem Zeitraum sind: Mo – Fr 9 bis 19 Uhr, Sa 9 bis 15 Uhr (sonntags ist der Ausstellungsbesuch nur im Rahmen der variablen Veranstaltungszeiten im vhs Haus und auf Anfrage unter Telefon 0641/93905700  möglich)

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