Historiker

Hommage an Professor Kaminsky

von Jörg-Peter Schmidt

Wenn Prof. Dr. Hans Heinrich Kaminsky (*9. Mai 1938 – †1. Juni 2018), der an der Justus-Liebig-Universität Gießen Mittelalterliche Geschichte lehrte, über historische Vorgänge sprach, hörte man dem gebürtigen Leverkusener gebannt zu. Seine Vorträge waren das Gegenteil von hochtrabendem, abgehobenem Dozieren. Er brachte fundiert und detailreich geschichtliche Zusammenhänge verständlich auf den Punkt.

Der Geschichtslehrer  Günther Schäfer und der Historiker Dr. Ludwig Brake haben dem einstigen wissenschaftlichen Mitglied  der historischen Kommission für Hessen ein Buch gewidmet. Es ist im M.-G.-Schmitz-Verlag (Nordstrand, Nordfriesland) erschienen, trägt den Titel „Edelherrn und Edelfrauen an der mittleren Lahn“  und enthält ausgewählte Aufsätze und Vorträge Kaminskys.

Günther Schäfer und Dr. Ludwig Brake (rechts) erinnern sich gern an den bedeutende Historiker. (Foto:  privat)

Unveröffentlichte Beiträge zutage gebracht

In dessen Nachlass fanden sich noch bislang nicht veröffentlichte Beiträge, die sich mit folgenden Themen beschäftigen und in dem Band enthalten   sind: „Salome –  Annäherung an eine gleibergische Gräfin des 12. Jahrhunderts“, „Ruttershausen zu Lollar in der urkundlichen Überlieferung“, „Ruttershausen – die Lage im Reich“, „Konrad von Merenberg“  und „Aufstieg und Fall der Ritter von Hattenrod im 13. Jahrhundert“. Man sieht anhand dieser Themenauswahl: Der Wissenschaftler vertiefte sich gern in die mittelhessische Geschichte und brachte dabei Hochinteressantes zutage, unter anderem in Vorträgen beim Oberhessischen   Geschichtsverein in Gießen.

Tabu im 12. Jahrhundert durchbrochen

Ein Beispiel: Der langjährige Vorsitzende der Gießener Numismatischen Gesellschaft  zeigte in seiner Beschreibung des Lebens und Wirkens der einstigen Inhaberin der gleibergischen Vogtei über das Stift Schiffenberg, das durch ihren Namen ein  Tabu durchbrochen wurde.  Es geht um Salome von Gießen, die um 1125  geboren wurde. Denn ihr wurde dieser Name gegeben, obwohl doch Salome  für die Christen  grade  im Mittelalter als Symbol der Sünde galt. Schließlich hatte ja die biblische tanzende Salome das Haupt des Johannes  gefordert und erhalten.

Prof. Kaminsky ging in seinen Vorträgen oft auch auf die Burg Gleiberg ein (hier. Merenberger Bau und Bergfried). (Fotoquelle: Wikipedia, Jörg Braukmann)

Kaminsky hatte sehr gründlich recherchiert  und keine Ruhe gefunden, bis er die Lösung gefunden hatte,  warum die Kirche bei einer Taufe eines Mädchens nicht diesen Namen verweigerte: Der Name eines königlichen Ahnherrn Salomon lebte unter seinen weiblichen Nachfahren bzw. Verwandten weiter (Salome, Salomea, Salomena). Kaminsky kam in seinem Vortrag zu folgendem Schluss: „Die hohe Abkunft war es, welche die tanzende  Sünde in den Evangelien verblassen ließ“.

Perlen wissenschaftlicher Arbeit

Die Autoren des Buches, das Prof. Kaminskys wissenschaftliche Arbeit würdigen, weisen in der  94 Seiten umfassenden Veröffentlichung darauf hin,   dass „jede der fünf  ausgewählten Miniaturen sich als wertvolle Perle wissenschaftlicher Arbeit  im Fach Mittelalterlicher Geschichte mit Schwerpunkt Hessischer Landesgeschichte“ darstellen. Brake und Schäfer berichten eingangs ihrer Publikation, das Zustandekommen des Bandes  sei auch darauf zurückzuführen, dass Stefan Prange (Gießen-Kleinlinden) auf den Nachlass von Prof. Kaminskys aufmerksam machte, der äußerst vielseitig war: Zum Lexikon  des Mittelalters  trug er durch  Veröffentlichungen zur Geschichte Italiens in der Zeit des Frühmittelalters  bei.

Fähigkeit zu begeistern

Von dem enormen Wissen über Geschichte und seiner menschlichen Art sowie seiner Fähigkeit zu begeistern profitierten auch die Gießener Studentinnen und Studentinnen, die künftigen Geschichtspädagogen, wie  Günther Schäfer selbst es erlebt hat. Er schreibt: „Auch große Überblicksvorlesungen beinhalteten Kaminskys Lehraufgaben, wobei er fast immer über den Tellerrand der mittelalterlichen  deutschen Verhältnisse nach Europa hineinblickte. Folgende Beispiele seien hier aufgezählt:  Europa im Zeitalter der Ottonen, Europa im Zeitalter der Karolinger, Europa im Zeitalter der frühen Staufer, europäische Geschichte im Zeitalter der Staufer… Hervorzuheben ist weiterhin, dass Hans Heinrich Kaminsky fächerübergreifend in Richtung Archäologie, Germanistik und Kunstgeschichte arbeitete. Eine Tugend, die sich auch pädagogisch einsichtige allgemeinbildende Schulen zu Nutze machen.“

Kein Dozieren vom Elfenbeinturm aus

Das Buch trägt wesentlich dazu bei, dass ein Historiker nicht in Vergessenheit gerät, der bewies, dass man Wissenschaft nicht strohtrocken  oder vom Elfenbeinturm aus lehren sollte, sondern sie mit viel Herzblut spannend und mit Achtung vor der  Leistung der Vorfahren vermitteln kann. 

Der Band „Hans Heinrich Kaminsky   – Edelherrn und Edelfrauen an der mittleren Lahn“ ist im M.-G.-Schmitz-Verlag  erschienen und kostet  9,80 Euro (ISNB 978-3-944854-62-5). Email:  kontakt@schmitz-verlag.de

Titelbild: Im Vortrag zum Thema   „Salome – Annäherung an eine gleibergische Erwähnung Gießens (1203) ein: „pie memorie domina Salome comitessa de Giezzen“ („…zum gnädigen Andenken an die Hausherrin Salome. Gräfin zu Gießen“)

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