Wohnprojekt

Neues Leben in Ilbenstadt

Von Klaus Nissen

Auf den Klosterhügel von Ilbenstadt ist das Leben zurückgekehrt. Das schlossähnliche Anwesen neben der uralten Basilika dient jetzt als Rathaus. Und auf dem Gelände des Klosterhofs leben seit Frühjahr 2026 rund 50 Erwachsene und 18 Kinder in den neuen Wohnungen der Genossenschaft Oekogeno.

Rundgang durch das Wohnprojekt

Ein älterer Herr mit Sommerhut steht tief gebeugt an der Ecke des sandfarbenen Neubaus. Er jätet verdorrte Gräser auf dem Streifen zwischen seiner neuen Heimat und dem vom Dachwasser gespeisten Teich. Ja – es gefalle ihm gut hier, sagt er auf Anfrage. „Man wohnt hier super!“Recht oft kommen Neugierige vorbei und schauen auf den 6000-Quadratmeter-Garten neben dem Oekogeno-Wohnprojekt. Das störe ihn nicht. Er lebe ja gerade hier, um nicht allein zu sein.

Blick aus dem Dachfenster des Neubaus auf das 290-jährige Kutscherhaus. Es nimmt die Gemeinschaftsräume und Gästezimmer des Wohnpojekts auf. Foto: Nissen

„Geht einfach rein – guckt Euch das an!“ sagt auch Joerg Weber, der das Wohnprojekt vor zehn Jahren angestoßen hat und jetzt mit seiner Frau hier lebt. Für den Garten wurde ein Verein gegründet, dessen Mitglieder alle möglichen Gemüsesorten anbauen und selber ernten. Sie zahlen pro Monat 57 Euro. Davon wird Saatgut finanziert und die Halbtagsstellen der beiden Gärtnerinnen. Dreimal schon waren die Landfrauen zur Besichtigung hier, sagt Weber stolz.

Mehr als 30 Wohnungen

Die Besichtigung gilt eigentlich dem Wohnprojekt. Auf dem früheren Wirtschaftshof des Ilbenstädter Klosters sind nach ökologischen Standards drei Neubauten mit insgesamt 30 barrierefreien Wohnungen entstanden. Der hessische Grünen-Landtagsfraktionschef Mathias Wagner schaut sich das Wohnprojekt im Rahmen seiner Sommertour an – und der Landbote-Reporter hängt sich einfach dran.

Im Fahrradraum des Wohnprojekts. Er ist schon jetzt zu klein. Foto: Nissen

Zuerst der Fahrradraum im Hof. Der hat eine Schrauber-Ecke und Platz für mehr als 30 Räder, erzählt Jörg Weber. Doch er reicht nicht aus. Also stehen einige Fahrräder in der eigentlich für Autos gebauten Tiefgarage. Die ist nicht komplett vermietet, weil etliche Bewohner keine eigenen Wagen haben.

Viele Wohn-Interessenten

Wer sind die Bewohner? Viele sind im Rentenalter – aber es gibt auch Familien mit insgesamt 18 Kindern, berichtet Weber. „Ich werde überrannt von Leuten ab sechzig, die ihr Haus verkaufen wollen“. Die lieber in einer guten Gemeinschaft leben wollen. „Boomer – wie willst Du leben?“ ist der Arbeitstitel einer Folge der ZDF-Dokureihe „37 Grad“ Die Fernsehleute haben hier gerade gedreht, erzählt Joerg Weber.

Der Landtagsabgeordnete Mathias Wagner (rechts), die Niddataler Grünen-Politikerin Birgit Scharnagl und Grünen-Stadtrat Arno Menk lassen sich vom Initiator das frisch bezogene Wohnprojekt der Oekogeno in Ilbenstadt (Wetteraukreis) zeigen. Foto: Nissen

Der Initiator und Quasi-Hausmeister des Wohnprojekts steuert mit seiner Neugierigen-Truppe das Treppenhaus im linken hinteren Eck des Hofes an. Sie steigt ins Dachgeschoss, vorbei an den offenen Lauf- und Terrassengängen der ersten und zweiten Etage. Auf der anderen Seite des Hauses hat jede Wohnung eine eigene, aber kleine Loggia.

Unterm Dach liegt eine ungewöhnliche Großwohnung

Das Dachgeschoss ist noch zu vermieten. Es besteht aus einem breiten Korridor und mehreren nebeneinander liegenden Zimmern mit eigenen Bädern. An der Schmalseite ein Wohnzimmer mit Gemeinschaftsküche. Die Erbauer hatten eine Wohngemeinschaft für diese ungewöhnliche Bleibe im Sinn – doch bisher hat die sich nicht gefunden.

Von der Terrasse der Dachwohnung geht der Blick über Solarpaneele und die südwestliche Wetterau auf den Taunus. Foto: Nissen

Weiter auf die Terrasse der Dachwohnung – von dort blickt man über die südliche und westliche Wetterau auf den Vordertaunus. Und etwas tiefer auf die Flachdächer der beiden rechtwinklig stehenden anderen Neubauten. Sie sind mit Solarstrom-Modulen bestückt. „Wir haben hier ein Mieterstrom-Modell“, sagt Joerg Weber.

Aber keinen Energiespeicher und auch keine Wärmepumpe. Für die Beheizung des Wohnprojekts hätte man gerne eine Leitung zur knapp zwei Kilometer entfernten Bioabfall-Anlage des Wetteraukreises gebaut. Dort fällt bei der Kompostproduktion Prozesswärme an. Doch die Investition wäre zu teuer geworden. Also heizt man hier mit Holzpellets.

Im „Flexitreff“ wird kommuniziert

Die Treppe runter, über den Hof und die nächste wieder hinauf. Dort mündet auf halber Höhe links ein Verbindungsgang zwischen dem Neubau und dem 1736 erbauten Kutscherhaus des einstigen Klosterhofs. Im Verbindungsgang treffen sich die Bewohner – sofern sie Zeit und Lust dazu haben – jeden Tag um 11 Uhr zum Klönen und Planen. Dieser „Flexitreff“ sei recht hilfreich im Alltag der Bewohner, meint Weber. Zusätzlich kommunizieren sie digital in einer eigenen Signal-Gruppe.

Im Treppenhaus zwischen Alt- und Neubau ist auch Platz für die Schuhe der Bewohner. Foto: Nissen

Rechts von Treppe und Aufzug geht es ins Obergeschoss des Kutscherhauses. Es hat einen langen Mittelgang mit Räumen links und rechts. Zwei Handwerkerinnen sind dabei, die alten Türrahmen abzuschleifen. „Hier entstehen die Gästezimmer und Coworking-Räume“, erzählt Joerg Weber. Wer Besuch bekommt, kann ihn hier gegen Gebühr unterbringen. Und manche Heimarbeiter unter den Bewohnern haben sich fest eingemietet. Denn die Wohnungen selber sind eher knapp geschnitten.

Das Wohnen ist hier nicht billig

Warum warum lebt es sich auf dem riesigen Gelände nicht großbürgerlich? Ganz einfach: Jeder Quadratmeter ist richtig teuer. Bewohner mit Handicaps zahlen laut Weber eine subventionierte Kaltmiete von zwölf Euro. Die anderen müssen um die 17 Euro pro Monat und Quadratmeter aufbringen. Und eine Genossenschafts-Einlage von 50 000 Euro oder mehr pro Person. Falls man dereinst wieder auszieht, wird sie nach zwei Jahren zurückgezahlt.

Es leben also keine armen Leute im Wohnprojekt von Ilbenstadt. „Mit nur einem Gehalt kann ich so eine Wohnung hier nicht finanzieren“, räumt Joerg Weber ein. Denn das Projekt hat keinen Mäzen außer den Bewohnern selber. Die Baukosten sind über die Jahre auf bislang 23,4 Millionen Euro gestiegen.

Joerg Weber ist Initiator des Wohnprojekts. Foto: Nissen

Deshalb ist Weber auch stark daran interessiert die noch freien Räume schnell zu vermieten. Neben der Clusterwohnung im Dachgeschoss sind das drei noch nicht fertiggestellte Wohnungen im früheren Pächterhaus aus dem Jahre 1730, außerdem zwei Gewerbeflächen mit 115 und 36 Quadratmetern.

Handwerker wuseln auch noch in den beiden Ex-Wagenhallen des Kutscherhauses. Eine davon wird zum knapp 100 Quadratmeter großen Gemeinschafts-Wohnzimmer der Klosterhügel-Siedlung. Das ebenfalls mit Gewölbedecke versehene Nachbarlokal könnte ein Café werden. Sanitäranlagen gibt es auch, berichtet Weber. Vorerst habe der Garten-Verein das Lokal für ein Jahr gemietet.

Auf Dauer könnte so ein öffentliches Café den neu belebten Klosterhügel von Ilbenstadt noch attraktiver machen. Das schlossähnliche Haus gebenüber, neben der 800-jährigen Basilika, hat die Stadt Niddatal von der Katholischen Kirche gekauft. Seit wenigen Monaten sitzt hier die Stadtverwaltung. Dahinter ist der jahrzehntelang abgeriegelte Klosterpark mit seinen alten Bäumen wieder öffentlich zugänglich. Im Haus St. Gottfried sitzt neuerdings die Wirtschaftsförderung für den Wetteraukreis. Und die moderne Großküche in diesem Ensemble nutzt eine Unternehmerin, um mehrere Kindergärten mit Essen zu beliefern. Werktags wird hier für alle, die es mögen, ein Mittagstisch aufgetragen.

Hier könnte bald ein Café die Göste auf dem Ilbenstädter Klosterhügel bewirten. Foto: Nissen

All dies hat nichts mit der Oekogeno zu tun, belebt aber den neuen Sitz der Wohngenossenschaft. Die Oekogeno ist ein Überbleibsel der 1987 gegründeten Ökobank. Das Frankfurter Geldinstitut stellte 1999 den Betrieb ein – doch die bundesweite Trägergenossenschaft mit ihren etwa 15 000 Mitgliedern sollte fortbestehen. Von Freiburg aus errichtet sie seitdem Mehrgenerationenhäuser.

Das Ilbenstädter Projekt ist das nördlichste und einzige in Hessen. Der einstige Ökobanker Joerg Weber hatte mit Freunden 2015 in Frankfurt, Hanau und Offenbach vergeblich nach einer Immobilie für ein Wohnprojekt gesucht. Dann entdeckte er den seit gut 20 Jahren brach liegenden Klosterhof. Die Oekogeno kaufte ihn vom Land Hessen. Dessen Vorgängerstaat – das Großherzogtum Darmstadt – hatte die Liegenschaft im frühen 19. Jahrhundert im Rahmen des von Napoleon geforderten „Reichsdeputationshauptschlusses“ von der enteigneten Kirche erhalten. Nun fängt auf dem Klosterhügel ein neues Kapitel einer langen Geschichte an.

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