Jeder Vogel ist einzigartig
Von Klaus Nissen
Die Vögel sind das Thema der neuen Ausstellung im Sinclair-Haus am Bad Homburger Schloss. Die Stiftung Kunst und Natur beleuchtet unser Verhältnis zu den gefiederten Wesen. Die Erkenntnisse von Wissenschaftlern und die Arbeiten von 20 Künstlerinnen und Künstlern machen die Schau interessant. Die Kernaussage: Vögel haben es nicht verdient, von uns als Natur-Kulisse wahrgenommen zu werden. Jedes Tier ist einzigartig.„Die Vögel und wir“ im Sinclair-Haus
Nicht nur Vogel-Ignoranten – auch ausgesprochene Liebhaber und Kenner der Saurier-Verwandten werden in dieser Ausstellung Aha-Erlebnisse haben. Sie ist bis zum 9. August 2026 im Museum Sinclair-Haus an der Löwengasse 15 in Bad Homburg zu erleben, gegenüber der Erlöserkirche und neben dem Landgrafenschloss in Bad Homburg.

Das Sinclair-Haus ist dienstags bis freitags von 14 bis 19 Uhr geöffnet, an Wochenenden und Feiertagen von 10 bis 18 Uhr. Jeden ersten Donnerstag im Monat kann man die Schau bis 21 Uhr ansehen. Montags ist geschlossen. Der Eintritt kostet sechs, ermäßigt vier Euro. Bis 18 Jahre zahlt man nichts, mittwochs ist der Eintritt für alle frei.
Wir Menschen teilen mit den Vögeln einen winzigen Planeten. Wir gestalten und verunstalten ihn gemeinsam, wir sind auf ihn und auch aufeinander angewiesen. Ein Beispiel für letzteres, das in der Bad Homburger Ausstellung nicht genannt wird: Erst durch die Nutzung der Vogelexkremente „Guano“, die massenhaft von den Felsen an der südamerikanischen Westküste abgekratzt wurden, lernten die Menschen ihre Äcker so intensiv zu düngen, dass sie ihren eigenen Hunger besiegten.
Vögel gibt es schon viel länger als uns
Vögel und Menschen stehen auf Augenhöhe – das ist die These, die das Kuratoren-Team und Hausherrin Kathrin Meyer vertreten. Auch wenn wir Menschen uns herausnehmen, die Vögel nach Belieben zu dezimieren und zu missbrauchen. Meyer zitiert eine Statistik,nach der weltweit die Bestände bei 49 Prozent aller Vogelarten zurückgehen. Durch die Vernichtung ihrer natürlichen Lebensräume. Und durch den Bau von Häusern, deren Fenster Vögel nicht als Hindernis erkennen können.

Gleichzeitig halten wir Vögel milliardenfach unter teils haarsträubenden Bedingungen, nur um Frühstückseier und Grillhähnchen genießen zu können. Der Künstler Andreas Greiner reagierte darauf, indem er einen Hahn aus einem Mastbetrieb kaufte. Er gab ihm den Namen Heinrich, porträtierte ihn sorgfältig.
Dann schloss Greiner einen Vertrag mit dem Kinderbauernhof Nusz bei Berlin, damit Heinrich dort weiterleben konnte. Über 150 Millionen Hühner gab es 2023 in Deutschland, steht in der Erläuterung. Knapp 90 Millionen von ihnen waren Masthühner – mehr als es hier Menschen gibt. Sie leben nur kurz, auf viel zu wenig Raum. Die Hühnermobile sind Feigenblätter, mit denen wir diesen Umstand verdecken.
Video der atemberaubenden Schwarmtänze von Staren
Die individuelle Würde der Vögel zeigen andere Künstlerinnen und Künstler in Bad Homburg auf vielfältige Art und Weise. Karin Kneffel malt individuelle Porträts, in denen die Tiere als Individuen mit Eigenwillen erkennbar sind.

Stare und andere Vögel können die Feldlinien des Erdmagnetfeldes spüren und sich daran bei ihren interkontinentalen Reisen orientieren. In Bad Homburg wird das mit dem Online-Vogelzugatlas der Europäischen Union für Vogelberingung illustriert. Christoph Brech zeigt im Obergeschoss des Sinclair-Hauses das knapp achtminütiges Video „La Sosta“ der allabendlichen atemberaubenden Schwarmtänze unzähliger Stare über Rom.
In einem anderen Raum hat Robin Meier-Wiratunga eine Art Labor nachgebaut. Darin zeigt er die Hirnströme des Zebrafinken B5 – eines Tieres, das fünf Jahre lang in so einer künstlichen Umgebung leben musste. Die Forscher fanden laut Kathrin Meyer heraus, dass Zebrafinken Melodien zunächst träumen, bevor sie sie Tage später singen. Eine Tonspur macht sie hörbar. Ein Monitor zeigt auch andere Tiere beim Träumen. Etwa eine Ratte, deren Tasthaare bei einem geträumten Abenteuer zittern.
Wer die Nachtigall findet
Da wäre noch der Nachtigallen-Wettstreit. Diese kleinen Vögel schmettern ihre Arien gerne im Schutze von Gebüschen. Kunstvoller noch als ihre menschlichen Tenor-, Bariton- und Sopran-KollegInnen auf den Bühnen der Opernhäuser. Daniela Friebel hat die Strophen der Nachtigallen bei Berlin aufgezeichnet und dazu die Reviere fotografiert, die von den Vögeln zeitweise mit dem Gesang besetzt werden.

Und wir lernen: Gebüsch ist nicht gleich Gebüsch. Zudem sich darin kunstvolle Nester verbergen, wie sie durch Björn Braun gezeigt werden. Er hat die Nester zweier Zebrafinken, die bei ihm lebten, ins Sinclair-Haus gebracht. Die Vögel nutzten dafür auch menschliche Hinterlassenschaften wie Plastikreste und Garn.
An Tauben scheiden sich die Sympathien der Menschen. Manche füttern sie, viele andere wollen sie möglichst flächendeckend vergiften. Sie verbreiten die Legende, Tauben seien unsauber, ihr Kot verätze alles, was mit ihm in Berührung kommt. In den Erläuterungen zur Ausstellung heißt es: “Die Stadttaube wird zum Sinnbild für die ehtischen Spannungen des Zusammenlebens mit anderen Spezies im urbanen Raum.“
Vroni Schwegler stellt dazu im Sinclair-Haus ihre Tauben-Porträts, begleitet von kurzen Texten der Schriftstellerin Anna Yeliz Schentke: „ Die Nägel so flach und schwarz. Ich sehe Miniaturdinosaurierkrallen, rosafarben durchblutet. Ich fasse sie an, streichle mit einem Finger über die Haut, die von nahem aussieht wie in Segmente zerteilt. Teilweise ein wenig verhornt porös. Sie sind ganz weich.“ Und: „Weil wir uns den Lebensraum teilen, denke ich, wenn es um Tauben geht, immer auch an gebrochene Genicke, heraustreibende Gedärme.“
Die Goldammer ragt über zwei Meter auf
Die Realität ist nicht immer schön. Aber man kann auch Schönes machen. Matthias Garff baut künstliche Vögel aus Schuhen, Textilien, Zollstöcken, Scheren und metallischem Abfall. Liebhaber können sie kaufen und in die Wohnung stellen. Wohl eher nicht das Extrastück – eine 2,4 Meter hohe Goldammer aus Rohren, Latten und Reflektoren. Sie kann auf das Publikum der Ausstellung herabschauen. Wie übrigens nahezu alle wildlebenden Vögel, die es noch gibt.
Wer das Thema interessant findet, kann bis in den Sommer 2026 hinein diverse Begleit-Veranstaltungen im und am Sinclair-Haus Besuchen.
Am 15. April ab 19 Uhr führt der Ornithologe Dominik Eulberg mit Direktorin Kathrin Meyer durch das Haus. Am 24. April und 31. Juli ab 18 Uhr gibt es weitere Rundgänge mit Kuratoren unter demMotto „Apéro und Kunst“. Einen philosophischen Streifzug zur Vogelwelt unternimmt Stefan Scholz von derKatholischen Akademie Rabanus Maurus am 28. Mai und 18.Juni jeweils ab 17Uhr.
Konzertabend zum Thema Vögel
„Vogelsang und Menschenklang“ist das Motto des musikalischen Abernds mit Musik und Liedern, dargeboten durch Berchta Spohr. „Vom Schwanenganz & Nachtigallengesang“ heißt eine Veranstaltung am 27. Mai ab 19 Uhr mit der Tänzerin Sarah Altherr und der Schauspielerin Anna Staab. „I’m like a bird“ lautet das Motto des Abends am 1. Juli ab 19 Uhr mit Liedern aus Folk, Singer-Songwriting und Chansons von Blackbird bis Nightingle.
Ein Gespräch über Vögel in der Stadt beginnt am 22. Juli um 19 Uhr im Sindlair-Haus. Stephan Hübner moderiert dabei die Beiträge der Wildnisbotin Silke Frank und des Wissenschftlers Henrik Brumm aus dem Masx-Planck-Institut.
Weitere Kurse, Veranstaltungen und Erläuterungen auf www.museum-sinclair-haus.de
