Pablo Fierro und sein Museum
Von Klaus Nissen
Zugegeben – Puerto Varas liegt nicht gerade um die Ecke. Doch die Stadt am chilenischen See Llanquihue im Norden Patagoniens hat eine einzigartige Sehenswürdigkeit. Es ist die Wirkungsstätte des Künstlers Pablo Fierro. Eines Mannes, der seine Traumwelt aus Holz, Metall und Fundstücken einfach nachgebaut hat. Wer dort hinein schaut, ist seltsam berührt.Ein Traumort in Chile
Nur zufällig kamen wir an diesen Ort. Bei einem Spaziergang durch die Randbezirke der 41 000 Seelen zählenden Stadt Puerto Varas, gut tausend Kilometer südlich von Santiago de Chile. Wir waren auf dem Weg zu massentouristischen Hotspots, den Gletschern der südlichen Anden, dem Fitz Roy bei El Chalten.

Doch vorher strolchten wir durch Puerto Varas. Eine auch von deutschen Siedlern gegründete Stadt in einer grünen, eher kühlen Landschaft voller Seen. Wir wollten ans Ufer des Lago Llanquihue und die jenseits davon aufragenden Vulkane Calbuco und Osorno angucken. Wir entdeckten an der Uferstraße einen ehemaligen Bootsanleger. Die Brücke war schon weg, die Betonpfosten gab es noch. Aber sie waren komplett in Graffiti-Manier bemalt. Mit Gesichtern, die vielleicht die Geister des Sees darstellen.
Eine Cabrio-Scheibe und ein alter Schulbus
Auf der anderen Straßenseite, an einer grünen Böschung, ragt ein blau gestrichenes, vielgliedriges Holzhaus auf. Links davon stehen drei Autos. Ein amerikanischer Straßenkreuzer, dessen Beifahrerseite, an den Hang befestigt ist. Jemand hat vom Wagen einfach eine Scheibe abgeschnitten.
Daneben steht ein alter orangefarbener VW-Bus. Und ein amerikanischer Schulbus. Vom Haus aus kann man durch einen verwinkelten Gang in sein Inneres gelangen und sich auf dem Fahrersitz oder auf den Passagierplätzen niederlassen. Auf einmal kommt man sich wieder wie ein Fahrschüler vor.
Von dort sind es nur wenige Schritte in eine Art Klassenzimmer der sechziger oder siebziger Jahre, mit hölzernen Bänken und einer Wandtafel. Kreide und Schwamm liegen bereit. Und ein paar alte Bücher, auch in deutscher Sprache.
Ein Schiff ragt aus dem Haus
Aus der linken Flanke des Hauses ragt der vordere Teil eines Kutters hervor. Die Bugspitze zeigt auf den See. Im Inneren des Schiffes hängt eine Fischreuse. Alles ist gespickt mit Visitenkarten, Quittungen, Gepäckabschnitten. Der Raum fühlt sich unwirklich an – wo ist man hier hingeraten?
Über eine enge, steile Holztreppe kann man im Haus die Ebenen wechseln. Kleine Zimmer und Gänge voller Krimskrams, teils verstaubt. Alte Werkzeuge, Holzgeräte. An den Wänden hängen Zeichnungen bunter patagonischer Vögel. Ein Ibis mit gelbem Hals sitzt wie ein Passagier auf dem Gepäckträger eines Radfahrers.
Rechts neben dem Haus ragt die braun gestrichene Front einer riesigen, begehbaren Kuckucksuhr. Ihr Erbauer steht im Zentrum des Hauses hinter einem Tisch voller Papiere, Zeichnungen und Bastelmaterialien. Ein sehr hagerer Mann unbestimmbaren Alters. Pablo Fierro, der Hausherr. „Als ich Kind war, hatte meine Mutter so eine Kuckucksuhr. Ich wollte unbedingt hineinkriechen. Und weil das nicht ging, hab ich mir später die große Uhr gebaut.“
Dioramen des Innenlebens
Man kann das eigene Leben, die prägenden Erinnerungen einfach nur für sich rekapitulieren. Man kann es in Tagebüchern festhalten, es verfilmen oder Autobiografien schreiben. Ganz wenige Leute bauen Dioramen, um ihr Inneres, ihre Träume und die Vergangenheit festzuhalten. Die im nördlichen Brandenburg lebende Künstlerin Ada Stronzki hielt Szenen aus ihrer Kindheit und Jugend in Puppenstuben-ähnlichen Installationen fest. Die baute sie sie für wenige Tage in die noch komplett möblierten Räume ihres Elternhauses in Sonneberg ein. Die Eltern waren tot, das Haus wurde danach verkauft.
Ähnlich, aber ganz anders sammelt und gestaltet Pablo Fierro im fernen Patagonien. Der Weg zu seinem eigenen Museum war lang. Der Chilene kam 1964 in Temuco südlich von Santiago zur Welt. Die Eltern trennten sich, mit der Mutter und den Schwestern wuchs der Junge in der südlichen Großstadt Puerto Montt auf. Er spielte gern Basketball und wusste bis weit in seine Zwanziger nichts mit seinem Leben anzufangen, berichtete Fierro dem patagonischen Kultur-Portal milkaos.cl. Weil er gern auch mit Bic-Kugelschreibern zeichnete, schickte ihn seine Mutter damit auf die Straße. Und wunderte sich, dass der Junge die Blätter gleich verkaufen konnte. Pablo Fierro landete in der Streetart-Szene von Puerto Montt, ergatterte eine kleine Werkstatt-Galerie im Pueblito Melipulli im Hafenviertel.
1998 reiste Fierro zu einem Kunst-Event nach Frankreich. Das Geld dafür lieh er sich, in der Hoffnung, die 25 mitgenommenen Bilder verkaufen zu können. Das gelang. Und zudem bekam Fierro von einem Freund das Angebot, in Frankreich zu bleiben und dort als Restaurator zu arbeiten. Doch der Chilene lehnte ab. Er wolle in der Heimat ein eigenes Museum aufmachen.
Anfänge in der Streetart-Szene von Puerto Montt
Die ersten vier Jahre waren hart. Kaum jemand interessierte sich für die Installationen des eher introvertierten Mannes. Dann bekam er das Angebot, ein stillgelegtes Wasserwerk am Seeufer von Puerto Varas zu übernehmen. Es war anfangs nur ein Maschinenraum und ein Müllhaufen, berichtet Fierro. Dann begann er, mit lauter gebrauchten Teilen sein blaues Haus zu bauen.

Die exponierte Lage führt immer wieder Einheimische und Touristen daran vorbei. Seit 2006 werkelt Fierro nun fast täglich in und an seinem Museum. Er pendelt aus Puerto Montt hierher, wo er mit seinen Töchtern und seiner Frau – einer Lehrerin – lebt. Für das Museum verlangt Fierro keinen Eintritt und beantwortet die immer wieder gleichen Fragen der Menschen, die sich hinein wagen.
Sie kaufen ihm für kleines Geld die Reproduktionen seiner Zeichnungen ab und berichten weltweit begeistert von ihrem Zufallsfund. Inzwischen besitzt Pablo Fierro 35 vollgeschriebene Gästebücher. Seine Facebookseite Museo Pablo Fierro hat 9480 Follower. Der Hausherr habe sie sogar im Kunstwerk übernachten lassen, berichtet darauf ein Fan. Sie sei mit Freundin und Sohn bei einer Wandertour ohne Obdach gewesen.
Er sei in seinem Museum auch schon ausgeraubt und bestohlen worden, berichtet Fierro. Darüber ärgert er sich natürlich. Andererseits bekomme er hier am Seeufer viel mehr zurück als er jemals geben könne. Er habe viel mehr Dinge als andere Leute, sagt er auf milkaos.cl. Aber: „Ich will nichts besitzen. Dieses Haus gehört allen und letztlich niemandem.“



