Plakatkunst

„Bitte um Aushang“

von Michael Schlag

Ausstellungsplakate sind ja eigentlich Gebrauchskunst mit Ablaufdatum und nur solange relevant wie die beworbene Ausstellung läuft. Doch als historische Zeugnisse des Kunst- und Ausstellungsgeschehens vergangener Jahrzehnte erhalten Plakate noch einmal ganz neue Bedeutung. Das lässt sich derzeit erleben im Landesmuseum Kunst und Kultur in Oldenburg in einer Sonderausstellung über die Plakatkunst der Nachkriegsjahre in Deutschland. Die Plakate erscheinen jetzt als Dokumente des künstlerischen Neuanfangs mit dem Entstehen von neuen Kunstformen und Künstlergruppen.

Das Werbemedium der Zeit

Wer in den 50er und 60er Jahren eine Kunstausstellung machte, bewarb sie mit Plakaten, dem Werbemedium dieser Zeit. Die Plakate wurden an andere Museen, Galerien und Kunstvereine verschickt „Mit der Bitte um Aushang“. Am Ende der Ausstellung hatten sie eigentlich ihren Zweck erfüllt, sie waren sozusagen abgelaufen, machten Platz für neue und wanderten ins Altpapier. Nicht so in Oldenburg. Hier wurden die Plakate aufbewahrt und über die Jahrzehnte entstand ein kunsthistorischer Schatz. Der allerdings noch zu heben war.

Ausstellung „Maler der Brücke“ in Dangast 1957

In einem zweijährigen Forschungsprojekt katalogisierte Kuratorin Runa König über 3000 Blätter und ordnete sie nach künstlerischen Entwicklungen, Strömungen und Künstlergruppen. Die Ausstellung im Oldenburger Schloss bildet nun den Abschluss des Niedersächsischen Forschungsprojektes. Gezeigt werden die Plakate jetzt als eigene Werke über ihre Funktion als Werbemittel hinaus.

Georges Braque (1882-1963), Ausstellung in der Kunsthalle Bremen 1951

Künstler als Plakatmaler

Bekannte Künstler betätigten sich auch als Plakatmaler, auch Oskar Kokoschka, Günter Fruhtrunk oder Rupprecht Geiger. Sie bewarben damit ihre eigenen Ausstellungen oder die Ausstellungen ihres Künstlerbundes, malten auch Plakate für befreundete Galerien. Das älteste Plakat der Ausstellung stammt von Georges Braque, eine Lithografie für eine Ausstellung in der Kunsthalle Bremen im Frühjahr 1951.

Lithografie von HAP Grieshaber (1909-1981) über Deutsche Kunst nach 1945 in der Städtischen Kunsthalle Recklinghausen 1954.
Neue Künstlergruppen

Die Ausstellung führt den Besucher strukturiert durch diese Zeit: Plakate als Zeugnisse der künstlerischen Entwicklung in den Nachkriegsjahren. Die Kunstströmung „Informel“ löst sich von der gegenständlichen Darstellung und rückt jetzt Gestik und Material in den Mittelpunkt. Es bildeten sich neue Künstlergruppen, zum Beispiel „ZEN 49“, getragen von namhaften Lehrern an Kunsthochschulen.

Ausstellungsraum für die Gruppe „ZEN 49“
ZEN 49

„ZEN 49“ gründete sich im Juli 1949, sie nannten sich zunächst die „Gruppe der Gegenstandslosen“. Abstrakte Formen und leuchtende Farben als Symbole für Aufbruchsstimmung in der Nachkriegszeit. Unterstützt wurden sie vom Galeristen Otto Stangl, ihre Plakate stehen auch für den Wiederaufbau des Kunstbetriebs in Deutschland. Hann Trier aus der Berliner Kunstszene gehörte dazu, er schuf 1957 das Plakat für die 7. Ausstellung des Deutschen Künstlerbundes in Berlin.

Offset-Druck von Hann Trier (1915-1999) zur Ausstellung des Deutschen Künstlerbundes 1957
ZERO

Eine andere Künstlergruppe nannte sich „ZERO“, gegründet 1958 in Düsseldorf von Heinz Mack und Otto Piene. Wieder ein künstlerischer Neuanfang und wieder ein Bruch mit der bisherigen Kunst. ZERO strebte nach Klarheit in Farbe und Form, unterstützt von der 1957 in Düsseldorf gegründeten Galerie Schmela.

Künstlergruppe ZERO, rechts das Plakat von Otto Piene (1928-2014) für die Ausstellung Fauna und Flora in der Galerie Schmela, Düsseldorf 1962
Konkret

Und dann jene Grafik, die uns bis heute begleitet: „Konkret“. Ein weiterer Schritt der Abstraktion mit streng geometrischer Formensprache und klaren Farben. Zu Berühmtheit brachte es die Streifenkomposition von Günther Fruhtrunk, sie wurde Anfang der 1970er Vorbild für die Einkaufstüte von Aldi Nord und noch heute begegnet man dem blau-weißen Muster auf den Tiefkühltaschen. Auch der Entwurf von Anton Stankowski für das Logo der Deutschen Bank besteht bis heute.

Konkret: Diagonale im Quadrat, Siebdruck von Otto Herbert Hajek (1927-2005), Deutscher Künstlerbund Berlin 1967
Schriftkünstler

Und schließlich die abstrakten, typografischen Ansätze. Der „Schriftkünstler“ Josua Reichert verarbeitet Buchstaben, Linien und Kalligrafie zu typografischen Kompositionen.

Der Schriftkünstler Josua Reichert (1937-2020)

Jahrzehntelang kamen die Plakate für Ausstellungen per Post in Oldenburg an – mit der „Bitte um Aushang“. Rückblickend wird diese Bitte nun ein zweites Mal und in viel weiter gehendem Kontext erfüllt. Die Ausstellung läuft noch bis zu 21. Juni 2026 im Bibliotheksflügel des Oldenburger Schlosses. Landesmuseum Oldenburg

Der gesamte Bestand wurde auch digitalisiert und alle Plakate sind vollständig im digitalen Sammlungsarchiv zugänglich Digitales Sammlungsarchiv

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