Strategie gegen Corona

„…Und hier gibt es dann Tote“

Noch immer ist bei der Corona Pandemie keine Entlastung in Sicht, sagt der Leiter des Wetterauer Gesundheitsamtes. Dr. Reinhold Merbs sagt, er sei sehr besorgt über die Situation in den Alten- und Pflegeheimen. Die Lage sei so ernst wie noch nie zuvor. Die Fragen stellte Michael Elsaß, der Sprecher des Wetteraukreises.

Interview mit Amtsarzt Reinhold Merbs

Herr Dr. Merbs, macht Ihnen das Pandemiegeschehen im Wetteraukreis Angst?

Angst nicht, aber es bereitet mir große Sorgen. Das gilt für die Zahlen der Neuinfektionen und für unsere Krankenhauskapazitäten, um Erkrankte zu versorgen. Hier haben wir seit acht Wochen eine noch nie dagewesene extreme Situation. Derzeit ist keine wirkliche Entlastung in Sicht. Gleichzeitig haben wir seit Jahren ab der dritten Januarwoche mit ansteigenden Krankenzahlen durch die saisonale Grippe zu rechnen. Allein das bringt uns Jahr für Jahr an die Machbarkeitsgrenzen in der ambulanten und stationären Versorgung von Erkrankten. Jetzt werden wir Corona und Influenza zusammen erleben. Vielleicht Corona mit einer neuen gefährlicheren Mutation.

Dr. Reinhold Merbs leitet das Gesundheitsamt des Wetteraukreises. Foto: Wetteraukreis

Besonders gravierend ist die Entwicklung der Sterbezahlen.

Ja, da haben Sie leider recht. Aber die Sterbezahlen sollten uns allen immer wieder vor Augen führen, das Corona eine wirkliche Herausforderung ist. Seit Anfang Dezember sind 303 Menschen im Wetteraukreis an den Folgen der Corona-Infektion verstorben, viele von ihnen in unseren Alten-Pflegeheimen.

Haben Sie dafür eine Erklärung?

Die Risiken der Erkrankung steigen mit dem Lebensalter und zwar mit jedem Lebensjahrzehnt. Nach der ersten Welle, bis in den Oktober hinein waren die positiv getesteten Menschen im Durchschnitt deutlich unter 50 Jahren. Das hat sich in den letzten Wochen drastisch geändert und damit haben auch die schweren Erkrankungen dramatisch zugenommen. Daraus resultiert die Situation in unseren Kliniken.

Die Umweltbedingungen für das Virus sind derzeit offenbar perfekt. Wenn sich ein Familienmitglied infiziert, wird das Virus sehr häufig an alle Familienmitglieder weitergegeben, was wir durch die Testungen immer wieder belegen können. Die Kinder haben, wenn überhaupt oft nur kurz mal Symptome, die Eltern vielleicht grippeähnliche Beschwerden, die Großeltern werden richtig krank. Und hier gibt es dann Tote.

„Das Virus ist über Wochen nachweisbar“

Wieso haben wir jetzt Infektionsausbrüche in den Altenheimen?

Wir hatten Ausbrüche in der ersten Welle. In den letzten Monaten haben wir lange durchgehalten und bis auf wenige Einzelerkrankungen keine Übertragungen in den Einrichtungen gehabt. Mit steigender Viruspräsenz in der Bevölkerung steigt auch die Gefahr eines unbeabsichtigten Eintrags.

Die Altenheime sind bei allen Schutzmaßnahmen niemals absolut sicher vor Eintragungen. Bewohner müssen in Kliniken und kommen zurück. Die Menschen, die die Bewohner versorgen stehen im Leben. Müssen auch im Supermarkt einkaufen, haben Familien. Bewohner hatten auch Besuche im Heim. Das sind alles gute Möglichkeiten für das Virus und irgendwie findet es seinen Weg.

Kevin Schubach zeigt die leeren Kühlschränke für den noch fehlenden Impfstoff im Büdinger Impfzentrum. Foto: Nissen

Wir haben Altenheime, in denen jeder zweite sich angesteckt hat?

Das stimmt. Hierzu muss man aber folgendes wissen: Bei einer Virusinfektion vermehrt sich das Virus in den infizierten Zellen seines Wirtes. Jeder infizierte Mensch stellt somit neue Viren her, die andere anstecken können. Macht man jetzt einen Abstrich, findet man im Test das Virus auf der Schleimhaut.

Bei jungen und gesunden Menschen dauert die Zeit von der eigenen Ansteckung bis zum Überwinden der Infektion durch das Immunsystem wenige Tage. Das haben wir bei den Kindern und jungen Menschen häufig festgestellt. Da gab es auch oft asymptomatische Verläufe. Bei den älteren Menschen finden wir das Virus auf der Schleimhaut nicht nur Tage, sondern Wochen. Gleiches gilt auch für die schwer Erkrankten in den Kliniken. Dort wird im Abstand von wenigen Tagen fortlaufend getestet und das Virus ist über Wochen nachweisbar. Die Wahrscheinlichkeit einer Ansteckung hängt auch von der Anwesenheit des Virus in den Erkrankten ab.

Ausbrüche in fast der Hälfte der 44 Altenheime

Die Situation in den Heimen ist also dramatisch?

Ja. Wir hatten mittlerweile in fast der Hälfte der 44 Alten- und Pflegeeinrichtungen im Wetteraukreis Ausbrüche zu verzeichnen. Das betrifft mehr als 1000 Heimbewohner. Das ist für mich und für meine Kolleginnen und Kollegen, die wir die Bewohnerinnen und Bewohner untersuchen und testen, sehr belastend. Denn wir wissen, dass ein Fünftel der Menschen, die wir heute abstreichen, die heute symptomlos und wohlauf sind und durchaus noch Lebensfreude haben, in den nächsten drei Wochen tot sein können.

Es gibt ja den Vorschlag, alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Alten- und Pflegeeinrichtungen regelmäßig per Schnelltest zu testen und jeden Besucher und jede Besucherin ebenfalls.

Guter Ansatz, um bei asymptomatischen Menschen das Virus zu suchen. Aber Vorsicht – es gibt derzeit viele Tests am Markt, meines Wissens haben sich nur wenige Hersteller bewährt. Diese Tests benutzen wir auch in den Kliniken und haben daher entsprechend gute Erfahrungen bezüglich der Zuverlässigkeit.

Ein negativer Antigen-Schnelltest sagt nichts aus

Die Antigen-Schnelltests müssen auch dafür eingesetzt werden, wofür sie auch gemacht sind und taugen. Es sind „Suchtests“. Wenn der Schnelltest positiv ist, gibt es eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass das Virus auch vorhanden ist, das sollte aber durch einen PCR geprüft werden Ein negatives Testergebnis sagt nichts. Möglicherweise nur, dass der Abstrich nicht fachgerecht durchgeführt worden ist. Wenn wir auf Basis von negativen Schnelltests Besuche in Altenheimen zulassen wäre das fachlich völlig falsch.

Seitdem die Tests in den letzten Wochen auch tatsächlich verfügbar sind, werden wir durch Reihentestungen auf unerkannte Virusträger aufmerksam, und können diese mittels eines wesentlich genaueren PCR Tests überprüfen und dann die notwenigen weiteren Schritte einleiten.

Beispielsweise in einer Einrichtung im Altkreis Büdingen, da wurden neun Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter per Schnelltest getestet, zwei waren positiv und sieben waren negativ. Der nachfolgende PCR-Test führte dann zu dem Ergebnis, dass alle neun Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter positiv waren. Schnelltests sind als Suchtest gut, die negativen Ergebnisse sind aber nicht sicher.

Manchmal reichen 14 Tage Quarantäne nicht aus

Gibt es Ansätze, die Zeit der Quarantäne zu verkürzen, weil viele Menschen unter dem Lockdown leiden?

Die Quarantänezeit, die wir üblicherweise bei dem Nachweis des Virus für einen positiv Getesteten verhängen, also die Zeit seiner Isolation, ist ja bislang festgelegt auf 14 Tage. Diese Zeit nach unten zu verändern halte ich für absolut falsch. Wir müssen meines Erachtens in Hinblick auf die häufig längeren Nachweiszeiten des Virus auf der Schleimhaut überlegen, diese Isolationszeit zu verlängern. Was nützen 14 Tage Isolation, wenn ich am Tag 15 bis 21 weiter ansteckend bin, wie wir das häufig sehen.

Genauso halte ich es für falsch die Quarantänezeiten von zehn Tagen auf fünf Tage bei Reiserückkehrern zu verkürzen und am sechsten Tag mit einem fraglich negativen Schnelltest aus der Quarantäne zu kommen. Es mag ein von vielen gewollter Kompromiss sein, fachlich aber daneben.

In Bayern sollen jetzt die Menschen auch für den Einkauf im Supermarkt FFP 2 Masken tragen. Was halten Sie von diesem Vorschlag?

FFP 2 Masken sind ein besserer Schutz als die sogenannten Alltagsmasken, sofern sie richtig getragen werden.

„3500 Impfungen hätten wir in zwei Tagen geschafft“

Es gibt seit kurzem Impfstoffe gegen das Virus, können wir alle bald aufatmen?

Um bei den Altenheimen zu bleiben, auch mal eine gute Nachricht. Wir hatten im Dezember in einer Einrichtung einen Infektionsausbruch mit dem Corona-Virus. Dort waren wir im Frühjahr auch in einem Ausbruchsgeschehen und haben jetzt Menschen wieder getestet, die im Frühjahr positiv waren. Diese Menschen leben in einer Umgebung wo jetzt fast alle betroffen waren, haben aber keine neue Ansteckung gehabt. Sie waren nach durchgemachter Erkrankung immun. Genau das wollen wir mit der Impfung ja auch erreichen.

Zunächst einmal bleibt der Impfstoff ja leider knapp. Wir könnten mit unserem Impfzentrum in Büdingen und mit den mobilen Impfteams längst schon viel mehr erreicht haben, wenn denn der Impfstoff verfügbar wäre. Die 3500 Impfungen der letzten drei Wochen hätten wir auch in zwei Tagen absolviert, wenn der Impfstoff da gewesen wäre.

Solange das nicht der Fall ist, brauchen wir weiter Geduld. Ich glaube aber, wenn die besonders gefährdeten Personengruppen geimpft sind, wird das Virus seine Gefährlichkeit verlieren. Allerdings brauchen wir, wie bei jeder Infektionskrankheit, eine Durchimpfung und den Schutz von mindestens dreiviertel der Menschen in unserem Land. Wenn wir das geschafft haben, dann sind wir über den Berg.

„Kontakte rigoros vermeiden“

Was schlagen Sie bis dahin vor?

So ungeliebt die Botschaft ist: Weiter die Kontakte vor allem im privaten Bereich rigoros vermindern. Je mehr die Menschen zuhause bleiben, desto besser. Jeder Infizierte steckt weitere Menschen an. Damit steigt das Risiko einer Ansteckung für die Menschen in den gefährdeten Gruppen. Je mehr relevant erkrankte Menschen es gibt, desto mehr Probleme bekommen wir im Gesundheitswesen mit der Versorgung dieser Erkrankten, siehe Kliniken.

Und hoffentlich bekommen wir bald den Impfstoff den wir dringend brauchen. Das ist unsere einzige echte Chance, um aus der Pandemie raus zu kommen.

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