Energiefraß statt geistiger Arbeit
von Dietrich Jörn Weder
Künstliche Intelligenz oder Klimaschutz. Denn beide zugleich sind mit einem Schlag nicht zu haben. Die für das Funktionieren von KI erforderlichen Rechenzentren benötigen mit allem Drum und Dran so viel Energie, dass sie unsere Bemühungen um mehr Klimaschutz auf Jahre hinaus aufwiegen.Grenzenlos Geld für KI
Die Erderwärmung muss die Menschheit dämpfen, um unter noch erträglichen Temperaturen zu leben. Auf die künstliche Intelligenz kann sie gut und gerne verzichten und sich die Zeit nehmen, bis ein begrenzter, weniger schädlicher Ersatz erfunden wird.
Aber eine Wahl wird uns nicht gegeben. Die Tec-Milliardäre pressen das digital abfragbare Allwissen in den Markt, ohne dass die Politik auch nur den Versuch macht, ihnen Einhalt zu gebieten. Allein die beiden KI-Giganten Open AI und Anthropic wollen im Herbst mit Aktienverkäufen jeweils fast eine Billion Dollar Kapital einsammeln, zusammen so viel, wie alle 40 deutschen Dax-Unternehmen zusammen an der Börse wert sind.
Und nur über die Eselsbrücke Strom wird aus diesem Geld wieder Geld. Für den Fall einer jetzt offenbar einsetzenden sprunghaften Entfaltung der Künstlichen Intelligenz rechnet die Internationale Energie-Agentur (IEA) mit einer Vervierfachung des daraus folgenden Stromverbrauchs bis 2035. In den USA könnten die Rechenzentren laut IEA am Ende mehr Strom fressen als die gesamte Industrieproduktion von Grundstoffen wie Aluminium, Zement, Stahl und Chemie. (IEA: Energy and AI, World Energy Outlook, Special Report, 2024.)
Gedankenarbeit verstromt
Und so wie uns fossile Energie einst die schwere körperliche Arbeit abgenommen hat, soll uns jetzt elektrische Energie die Gedankenarbeit abnehmen. Mit Hilfe von KI könne, so heißt es, ein erfahrener Ingenieur in wenigen Minuten die Arbeit erledigen, für die er bisher einen ganzen Tag brauchte. Doch künstlich erzeugte Energie, ob fossile oder erneuerbare, heißt das Pferd, das wir dafür satteln müssen.
Eine KI-Anfrage frisst mit 2,9 Wattstunden etwa zehnmal so viel Strom wie eine herkömmliche Suchmaschinen-Anfrage bei Google, um ein Kreuzworträtsel zu lösen. Die Energie zur Erstellung eines fünf-sekündlichen KI-Videos würde ausreichen, um mit einem E-Bike 60 Kilometer zurückzulegen, haben Forscher der Pekinger Tsinghua-Universität errechnet.
KI-Fragen nicht vom Wind getragen
Schon 2024, also digital gesehen in einer grauen Vergangenheit, verbrauchten die US-Rechenzentren laut Internationaler Energie-Agentur so viel Strom wie der 250- Millionen-Einwohner-Staat Pakistan. In unmittelbarer Nachbarschaft des Internet-Knotenpunkts Frankfurt ziehen Rechenzentren schon mehr als doppelt so viel Strom aus dem Netz, als die 750.000 Einwohner der Rhein-Main-Metropole privat verbrauchen.
300 leistungsstarke Rotortürme hätte es nach eigener Rechnung schon vor ein paar Jahren gebraucht, um die Frankfurter Serverhallen klimaschonend zu betreiben, und jetzt sollen gerade einmal vier Strom-Mühlen in Stadtnähe gebaut werden. In den Gemeinden werden die Erbauer neuer Rechenzentren als Gewerbesteuerzahler willkommen geheißen, aber niemand stellt die großen Fragen, wozu KI gut ist und gebraucht wird.
Klima-Hypothek wartet auf Einlösung
Müssen wir Ingenieure, Software-Entwickler und Juristen zu Lasten des Klimas von Arbeit befreien? Können wir noch anspruchsgerecht denken, planen, rechnen und uns in der Welt zurechtfinden, wenn das Internet einmal zusammenbricht oder aus übergeordneten Gründen, siehe Russland und Iran, stillgelegt wird?
Im besten Fall könne die Künstliche Intelligenz, so ihre Befürworter, ihre Klimaschuld durch ein Feuerwerk neuer Erfindungen auf vielen Gebieten selber begleichen. Hoffentlich behalten die gesuchten Erfinder auch bei steigenden Temperaturen einen kühlen Kopf. Aetas volat, die Zeit fliegt, sagen die Römer
Dr. rer. pol. Dietrich Jörn Weder war Jahrzehnte lang leitender Umweltredakteur und Fernsehkommentator des Hessischen Rundfunks. Seit seiner Pensionierung arbeitet er als freier Autor für Print- und Audiomedien. Er betreibt den Blog Wachposten Frankfurt, auf dem er Kommentare zu aktuellen Themen veröffentlicht. Wachposten
Titelbild: Das bei Bad Vilbel geplante Rechenzentrum. (Repro: Klaus Nissen)
