Ilko-Sascha Kowalczuk

Auf die Zivilgesellschaft kommt es an

von Michael Schlag

Ilko-Sascha Kowalczuk ist Historiker, Publizist und wissenschaftlicher Berater des „DDR Museum“ in Berlin. Aufgewachsen in der DDR, drangsaliert vom System, ist er heute einer der bekanntesten Experten zur Geschichte der DDR und deren Nachwirkungen. Seine Kenntnisse bezieht er nicht nur aus der Forschung, sondern ganz direkt aus der eigenen Lebenserfahrung in der DDR. Wie erklärt Kowalczuk den Rechtsruck in Ostdeutschland, woher kommt die Sehnsucht nach dem autoritären Staat? Sein neues Buch „Faschismus ist keine Meinung“ gibt Antworten.

Faschismus verschwindet nicht

Deutschland gehöre zu jenen besonderen Oasen in der Welt, denen es so gut gehe wie noch nie in der Menschheitsgeschichte, schreibt Kowalczuk, und das gelte selbstverständlich auch für Ostdeutschland. Mit einem politischen System, das auf gesellschaftlichen Ausgleich und Kompromissfähigkeit angelegt ist und bislang auch so funktionierte. Aber: „Faschismus und Kommunismus verschwinden nicht einfach aus den Köpfen, nur weil es den Menschen materiell besser geht.“

Viele fühlen sich ausgeliefert

Doch gerade in den vergangenen Jahrzehnten erlebt man die Konzentration von Kapital, Macht und Medien in den Händen einer kleinen Gruppe. Und der Staat ordne sich den Bedürfnissen dieser Gruppe unter, „der Rest ist Spielmasse und kaum in der Lage, sich wirkungsvoll zu wehren“. Befeuert noch von der digitalen Revolution, sie beschere uns „eine globale Zukunftslosigkeit, die eine auf die Zukunft setzende Menschheit extrem verunsichert hat“. Viele fühlten sich dem Tempo der gewaltigen Umbrüche gegenüber ausgeliefert und hilflos. Wo aber keine Zukunftsvorstellungen existierten, da entstehe eine große Sehnsucht nach dem Bekannten und Vertrauten.

Verklärung der Vergangenheit

Und was jetzt passiert: „Die Vergangenheit wird zum Sehnsuchtsort, ihre Verklärung verspricht Sicherheit.“ Auf einmal steht die DDR für eine Gesellschaft von sozialer Gerechtigkeit, von Aufstiegschancen und Bildung für alle – und für eine homogene Gesellschaft ohne Migration. Und wie erscheint demgegenüber das heutige Deutschland, 35 Jahre nach der Wiedervereinigung: Offenbar alles Mist hier. Schlechte Gegenwart, unbekannte schlechte Zukunft, aber sichere und geordnete Vergangenheit. So passt auf einmal alles zusammen, denn „nichts verachten Extremisten so sehr wie positive Narrative über die Gegenwart und kritisch-rationale Perspektiven auf die Vergangenheit,“ schreibt Kowalczuk. Deutschland sei nach wie vor eines der politisch stabilsten, sozial sichersten, wirtschaftlich stärksten und gesellschaftlich freiheitlichsten Länder der Welt.

Doch die Populisten vermitteln ein ganz anderes Bild, beschwören den Niedergang herauf und verherrlichen autoritäre Systeme vergangener Zeiten und von heute. Das ist ein sicheres Kennzeichen des Faschismus: Ablehnung der Moderne und Pflege von Ahnenkult. Kowalczuk nennt weitere Kennzeichen: auf Führerfiguren orientierte Staatsstruktur, homogene Gesellschaft, Ablehnung von Meinungspluralismus. Und all das galt nach dem Untergang des Nationalsozialismus noch 40 weitere Jahre in der DDR. Eine Demokratie funktioniert aber nur mit gesellschaftspolitischem Engagement und sozialer Verantwortung aller – mit einer lebendigen Zivilgesellschaft.

Fehlende Zivilgesellschaft

Wie jede Diktatur hat auch die DDR diese freie Zivilgesellschaft mit allen Mitteln verhindert. Eine entsetzliche Folge sei bei den Pogromen in Rostock und Hoyerswerda 1991/92 zutage getreten, schreibt Kowalczuk: Die Bürger standen „am Rande des mörderischen Geschehens, klatschten Beifall und feuerten die Täter an. Es gab keine Zivilgesellschaft, die sich gegen den Mob stellte, keine, die sich mit den Opfern solidarisierte“. Die Anschläge im westdeutschen Solingen und Mölln in der gleichen Zeit waren nicht weniger grauenvoll, aber hier hätten die Opfer zumindest Solidarität aus der Gesellschaft erfahren. Kowalczuk kommt zu einem schlimmen Fazit über den Rechtsradikalismus in Ostdeutschland: Die ideologischen Grundlagen des Neofaschismus und Rassismus hätten sich hier viel stärker verfestigt und weitaus mehr Teile der Gesellschaft erfasst als in der alten BRD.

Unterstützung für die Ukraine

Immer sei der Kampf um Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit auch ein Kampf um die Vergangenheit und ihre Deutung. Das gilt weltweit: So erlebt man es derzeit in den USA und mit den katastrophalsten Folgen in Russland. Deshalb spricht sich der ostdeutsche Historiker auch für jede denkbare Unterstützung der Ukraine aus: „In der Ukraine entscheidet sich jetzt, Mitte der 2020er Jahre, wie ‚1989‘ ausgeht.“ Und was bedeutet es für den Alltag des Einzelnen hierzulande? „Freiheit bedeutet, sich in seine eigenen Angelegenheiten einzumischen, sich gesellschaftspolitisch zu engagieren, soziale Verantwortung zu übernehmen. Überall, wo Menschenfeindliches gesagt wird, müssen wir widersprechen.“

Ilko-Sascha Kowalczuk
Faschismus ist keine Meinung
Stabil bleiben in autoritären Zeiten
ISBN 978-3-406-84923-7
Verlag C.H. Beck 236 S., 23 €, als E-Book 19,99

Blick ins Buch
Ilko-Sascha Kowalczuk

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