Musikinstrumente

Museum in Lißberg sucht eine Zukunft

Von Elfriede Maresch

An der Decke sind Flöten befestigt, an die Wand gelehnt stehen große historische Saiteninstrumente, die Vitrinen sind dicht mit Saiten- und Blasinstrumenten bestückt. Das Museum ist viel zu eng, Ausstellungsplatz fehlt. Außerdem brauchen die drei Ehrenamtlichen, die die ganze Museumsarbeit hier leisten, personelle Unterstützung. Racky: „Unsere Idealvorstellung ist die Übernahme als Landesmuseum, das mit Fachkraftstellen ausgestattet ist.“

Rund 2000 Musikinstrumente


Das Musikinstrumentenmuseum Lißberg braucht Zukunft!“ sagt Kurt Walter Racky kurz und bündig. Er ist Pfarrer im Ruhestand, Kirchenmusiker und leitet seit 1990 das Museum im Stadtteil von Ortenberg. „Unsere Idealvorstellung ist die Übernahme als Landesmuseum, das mit Fachkraftstellen ausgestattet ist.“

Chinoiserielandschaft auf dem Gehäuse: Kurt Racky am Nachbauinstrument eines historischen Cembalos. Foto: Elli Maresch

Das scheint ein ehrgeiziges Ziel. Racky begründet aber ausführlich: „Unsere Sammlungen in Lißbergs Alter Schule bilden das einzige Musikinstrumenten- Museum Hessens. Es ist zugleich Erbe des Musikinstrumentenbauers Kurt Reichmann, verstorben 2025.

Reichmanns Konzept gemäß hat das Museum didaktische Schwerpunkte. Es steht unter dem Motto „Die Entwicklung der Musikinstrumente von Michael Praetorius bis heute“, zeigt etwa die Schritte von archaischen Anfangsformen bis hin zu Instrumenten mit ausgefeilter Klangtechnik.

Sammler wollen seltene Instrumente spenden

Deutlich wird etwa die Entwicklung von der Schalmei zur Oboe durch Verbesserung der Klappentechnik. Racky: „Wir verfügen über mehr als 2000 Original- oder Nachbauinstrumente, darunter Weltunikate wie das Nürnbergisch Geigenwerk oder eine spezielle Sinfonia, Vorläuferinstrument der Drehleier. Wir haben die weltgrößte Sammlung von Dudelsäcken und Drehleiern und 15 weitere Weltbesonderheiten.“

Racky verweist darauf, dass das Museum aus einem internationalen Drehleier-Festival entstanden ist und meint: „2000 Kulturträger aus aller Welt hatten Kontakt, die teils selbst Instrumente sammeln und uns, sofern sie keine Erben haben, ganze Sammlungen vermachen wollen. Das wäre ein großes Potenzial des Museums.“ Aber schon musste die Spende von Sammlungen abgelehnt werden – aus schierem Platzmangel Racky: „Dankenswerterweise können wir zwei Räume der Lißberger Bürgerstiftung als Lager nutzen, aber das ist nur eine Behelfslösung.

Stimmungsvoll mit Drehleiermusik werden Gäste manchmal schon vor dem Museum empfangen. Foto: Maresch

Viel Wert legen die drei Museumsaktiven auf interaktive Elemente. Das Musikinstrumentenmuseum hat einen Probiertisch, wo Besucher, vor allem Kinder, Klangerzeugung bei Blas-, Tasten- und Zupfinstrumenten ausprobieren können. Ein Audioguide gibt systematisch Informationen zur Konstruktion der Instrumente beim Rundgang. Die Museumsaktiven legen aber Wert auf persönliche Führungen. Zweimal im Jahr werden Wochenendkurse zum Erlernen des Drehleierspiels angeboten, geleitet von erfahrenen Instrumentalisten wie Peter Streng, ebenso gibt es einen Kurs für Ensemblespieler

Museum ist Teil der Bonifatiusroute

Das Museum ist weit mehr als nur ein Aufbewahrungsort historischer Musikinstrumente. Racky: „Wir singen und spielen bei den unterschiedlichsten Anlässen und in besonderen Besetzungen – als instrumentales Bonifatiusensemble und in Verbindung mit den Chorstimmen des Lißberger Singkreises.

1988 als Jugendchor gegründet, singt die Gruppe mit derzeit 12 Sängerinnen und Sängern anspruchsvolle Kompositionen vom Mittelalter bis zur Moderne in bis zu achtstimmiger Besetzung. Der Name Bonifatiusensemble kommt von der Wanderroute, die Racky zusammen mit der damaligen Kreisarchäologin Dr. Vera Rupp initiieren konnte und die 2004 im 1350. Sterbejahr von Bonifatius eingeweiht wurde. Seither haben Bonifatiusensemble und Lißberger Singkreis immer wieder an Stationen der Route Konzerte gegeben. Wir vertreten also gleichermaßen klanglich das Museum wie die Bonifatius-Route.“

Personaldecke ist viel zu knapp

Neben der räumlichen Enge gibt es ein weiteres Problem. Racky: „Unsere Personaldecke ist viel zu knapp. Ich bin meinen Mit-Vorständen, der Geschäfts- und Schriftführerin Claudia Gottschalk und dem zweiten Vorstand und Schatzmeister Ulrich Ritter, unendlich dankbar für ihren Einsatz, aber drei ehrenamtlich Engagierte für ein Museum von internationalem Rang sind viel zu wenig! Wir brauchen fest angestelltes Fachpersonal!“

Vorführung einer historischen Drehleier bei einem Museums-Event im Jahr 2017. Foto: Maresch

Die ungewöhnliche Qualität ihrer Musik stellen Racky, das Bonifatiusensemble und der Singkreis am 18. September im Kloster Eberbach unter Beweis. Dort, am Drehort des Films „Der Name der Rose“, wird ein aufwändiges Programm zum 40. Jubiläum der Filmpremiere vorbereitet. Die Originalinstrumente des Soundtracks sind alle aus dem Musikinstrumentenmuseum Lißberg.

Filmkomponist James Horner hatte damals Arbeitskontakt mit Kurt Reichmann. Horner hat sich von ihm auf mittelalterlichen Instrumenten Klänge vorspielen lassen, diese digital gesampelt und als Spannungsmomente in der Filmmusik eingefügt.

Lißberger Instrumente sind im Kloster Eberbach zu hören

Thema des Jubiläumskonzerts am 18. September in Eberbach ist „Zwischen Himmel und Hölle“. Begonnen wird zunächst mit den homophonen Klängen des Nürnbergisch Geigenwerk, dem klanglich markantesten Instrument des Soundtracks. Zwischen dem ersten und zweiten Teil des Konzertes gibt es eine Wandelführung kleiner Gästegruppen, Spielorte und Requisiten im ganzen Klosterbereich werden gezeigt. Zurück in der Kirche wirken der Singkreis und das Bonifatiusensemble mit. Das langsame zärtliche Lied des Mädchens, der „Rose“, wird in dem großen Raum in intensivem Klang zu hören sein. Die Einladung zum Festakt in Eberbach spricht für die Qualität der Musik aus Lißberg.

Für die Weiterentwicklung des Museums haben sich Racky und seine Mitstreitenden viel einfallen lassen. Im August 2024 folgte Wissenschaftsminister Timon Gremmels der Einladung nach Lißberg. Er betonte, keine Mittel für das Museum zu haben, machte aber Vorschläge, etwa Auftritte beim Hessentag oder der Landesgartenschau, Sonderausstellungen der Exponate in größeren Museen. Racky: „Das ist sind bei unserer dünnen Personaldecke nur begrenzt realisierbar, keine tragfähige Basis für eine Neuentwicklung.“ Nach einem Besuch von Staatssekretär Christoph Degen im März 2025 passierte nichts mehr.

Minister Gremmels kennt die Probleme

Racky: „Im Herbst 2025 fand sich ein Investor für das renovierungsbedürftige Schlosshotel in Lißberg. Er zeigt Bereitschaft, das Museum als Einheit im neuen Nutzungskonzept aufzunehmen, wenn die Finanzierung für diesen Teil des Umbaus durch das Ministerium gesichert wäre – sicher eine günstigere Variante als ein Neubau. Aber das Ministerium hat den Vorschlag wie die weitere Kommunikation zu diesem Thema abgelehnt.“

De Förderverein kann nur den laufenden Museumsbetrieb finanzieren. Der Vorstand sucht seit Jahren deshalb Kontakt zu Stiftungen, zu wohlhabenden Mäzenen. Eine entscheidende Absicherung kam bisher nicht zustande. Aber die Zukunft des Museums ist nur durch ein grundlegendes und ausreichend finanziertes Konzept gesichert. Die Fördervereinsmitglieder drängen nun, verstärkt die Öffentlichkeit auf das Problem aufmerksam zu machen. Racky: „Immer wieder wird mir gesagt: wir müssen baulich, wirtschaftlich und personell eine Lösung finden, sonst geht eines Tages das Museum der Wetterau verloren – für immer!“

Nähere Informationen gibt es unter www.museum-lissberg.de

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