Kardiologen für Impfung

Impfen schützt vor Herzinfarkt

von Michael Schlag

Impfungen, insbesondere gegen Atemwegsinfektionen, schützen wirksam auch vor Herz-Kreislauf-Krankheiten. Das sollte stärker als bisher Teil der kardiologischen Vorsorge werden, darauf machte der niedergelassene Kardiologe Stephan H. Schirmer aus Kaiserslautern aufmerksam. Schirmer sprach darüber auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (DGK). Die Immunisierung sieht er als eine der wichtigen Säulen der Prävention gegen Krankheiten von Herz und Kreislauf. Das Deutsche Ärzteblatt berichtet darüber.

Risiko sechsfach erhöht

Die Verbindungen zwischen Atemwegsinfektionen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind bekannt und erforscht, erklärte Schirmer zu Beginn seines Vortrags. So kam eine kanadische Studie zu dem Ergebnis, dass in der ersten Woche einer Grippe das Risiko für einen Herzinfarkt sechsfach erhöht ist. Umgekehrt zeigte eine schwedische Studie, dass bei gegen Grippe Geimpften deutlich seltener schwere Probleme nach einem Herzinfarkt auftreten. Die sichersten Erkenntnisse bestehen zur Verbindung von Herzinfarkt und Grippe. Zu anderen schweren Atemwegserkrankungen gibt es derzeit weniger Daten, ein Zusammenhang sei aber auch hier naheliegend. Aus den Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) für Erwachsene haben laut Schirmer folgende Impfungen für Ältere einen kardiologischen Nutzen: Grippe, Corona, RSV, Pneumokokken und auch die Impfung gegen Gürtelrose.

Impfung schützt indirekt

Infektionen mit Pneumokokken (bakterielle Lungenentzündung) betreffen insbesondere Ältere und Menschen mit Vorerkrankungen. Hier zeigen die Datenanalysen, dass die Impfung gegen Pneumokokken spätere akute Herz-Kreislauf-Probleme (sogenannte „kardiovaskuläre Ereignisse“) um ein Drittel senken kann. Ähnlich die Beobachtungen für RSV: Auch hier, so die aktuelle Datenlage, gibt es teils deutlich erhöhte Raten von akuten Herz-Kreislauf-Erkrankungen in den ersten Tagen nach einer RSV-Infektion; die RSV-Impfung schützt somit indirekt auch vor Herzinfarkt und Schlaganfall. Bei einer Corona-Infektion treten Schirmer zufolge auch langfristig vermehrt kardiovaskuläre Komplikationen auf; auch hier rät er zum vorbeugenden Impfschutz.

Entzündungen nach Infektion erfassen den ganzen Körper. Image by brgfx on Magnific

Systemische Inflammation

Wie ist der Zusammenhang zu erklären, wie sind die krankmachenden Abläufe im Körper? Das Bindeglied zwischen Grippe, Corona, Pneumokokken usw. und den kardiovaskulären Problemen sind die Entzündungsprozesse, die diese Infektionen hervorrufen. Denn die Entzündungen betreffen nicht nur einzelne Körperregionen wie die Atemwege, sondern führen zu Reaktionen im ganzen Körper. Man spricht dann von „systemischer Inflammation“, sie schädigt neben anderem auch die innere Auskleidung der Blutgefäße und erhöht die Gerinnungsneigung des Blutes. Diese Mechanismen können Ablagerungen in den Arterienwänden lösen und darüber zum akuten Herzinfarkt führen. Anhaltende Entzündungen können schließlich auch langfristige Schäden am Herzmuskel nach sich ziehen.

Impfquoten viel zu niedrig

Diese Mechanismen und medizinischen Zusammenhänge sind längst bekannt und wissenschaftlich gut beschrieben. Dennoch besteht in Deutschland eine erhebliche Lücke bei den Impfungen. Schirmer führte an, dass 2024 die Grippe-Impfquote bei über 60-Jährigen bei lediglich 34 % gelegen habe, bei Gürtelrose 24 % und bei Pneumokokken etwa 21 %. Ähnlich niedrig die Rate der Auffrischungsimpfungen gegen Corona in dieser Altersgruppe.

Kardiologen plädieren für besseren Impfschutz
Impfung in die kardiologische Vorsorge

Schirmer plädierte für einen Perspektivwechsel: Impfungen sollte man nicht allein als Schutz vor Infektionskrankheiten verstehen, sondern begreifen als integralen Bestandteil der Vorsorge gegen Herz-Kreislauf-Krankheiten. Seiner Erfahrung nach würden Menschen, die stark auf Impfungen reagieren, diese öfter ablehnen. Tatsächlich aber hätten genau diese stark Reagierenden einen höheren Schutz vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen durch die Immunisierung. Kardiologen komme hier eine Schlüsselrolle zu, da sie Patienten mit hohem Risiko betreuten. Impfstatus und Impfberatung sollten systematisch in die kardiologische Vorsorge integriert werden. „Ein wirksamer Schutz des Herzens beginnt nicht erst bei der Therapie, sondern kann bereits bei einer Prävention infektiöser Auslöser unterstützen.“ Und schließlich seien Impfungen für das Gesundheitssystem sehr wirtschaftlich, denn „die Kosten für eine Impfung liegen weit unter dem Preis medikamentöser Therapien.“

Titelbild: Image by brgfx on Magnific

Quelle: Deutsches Ärzteblatt

Deutsches Ärzteblatt

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