Frauen ins Parlament

„Unsere Konzepte sind frauenfreundlich“

24 Männer und nur drei Frauen schickt die SPD Bad Nauheim bei der Kommunalwahl am 14. März 2021 ins Rennen, um einen Sitz im Stadtparlament zu erobern. Wie konnte den Genossen so etwas passieren? Das fragt diese Zeitung Sozialdemokratin Adela Yamini, die sich auf Platz 4 um ein Mandat bewirbt. Die 44-Jährige weist auf die frauenfreundlichen Konzepte hin und fordert mehr attraktive Einstiegsangebote.

Frauen in SPD: „Programmatisch gut aufgestellt“

Adela Yamini (Foto: pv)
Adela Yamini (Foto: pv)

Der Neue Landbote: Frau Yamini, der Frauenanteil auf der Liste der SPD Bad Nauheim ist mit 11,11 % (3 von 27 Plätzen) sehr gering. (Im Bundestag hat die SPD einen Frauenanteil von 41,8 Prozent.) Weshalb kann die SPD Bad Nauheim so wenige Frauen für eine Mitarbeit gewinnen?

Adela Yamini: Zunächst das Eingeständnis: Diese Zahlen sind eindeutig. Frauen sind auf unserer Liste deskriptiv klar unterrepräsentiert. Mein Wunsch und das Ziel der SPD Bad Nauheim ist es, dass sich das bessert.

Zunächst ist mir die Unterscheidung zwischen deskriptiver und substantieller Repräsentation wichtig. Deskriptive Repräsentation besagt, dass die Zusammensetzung von Fraktionen und Listen nummerisch die Gesellschaft widerspiegelt. Mit Blick auf die Frauenrepräsentation verfehlen wir das aktuell leider. Substantielle Repräsentation hingegen bedeutet, dass sich Parteien programmatisch und inhaltlich für die Interessen einer Gruppe einsetzen. In dieser Hinsicht ist die SPD Bad Nauheim, obwohl wir zu wenige Frauen in unseren Reihen aufweisen können, sehr gut aufgestellt.

Vielleicht haben wir es bisher versäumt, deutlicher auf unsere frauenfreundlichen Politikkonzepte zu verweisen: Erschwingliche Angebote für Betreuung und frühkindliche Förderung für unter 3-Jährige, bezahlbare Bildungs- und Betreuungsangebote sind beispielsweise Kernanliegen der SPD und sollen Frauen die Vereinbarkeit zwischen Familie und Beruf erleichtern.

„Männlich geprägte Strukturen bestimmen Kommunalpolitik“

Yamini: Daran anknüpfend sind die Ursachen dafür, dass wir bisher wenige Frauen für die parlamentarische Mitarbeit gewinnen konnten, struktureller Natur. In der Kommunalpolitik wird Frauenförderung von männlich geprägten parteipolitischen Strukturen behindert. Ehrenamtliches Engagement in der Kommunalpolitik verlangt einen hohen Einsatz an Zeit, Motivation und Energie ab. Damit mehr zivilgesellschaftlich engagierte Frauen den Weg in kommunalpolitisches Engagement einschlagen, sollten bessere Rahmenbedingungen zur Vereinbarkeit von Kommunalpolitik mit Familie und Beruf geschaffen werden.

Moderne Kommunal­politik muss attraktiv und zeitgemäß gestaltet werden und mit den vielfältigen Lebenssituationen unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen übereinstimmen. Für Frauen sollte es daher mehr gleichstellungspolitische Programme und Projekte für eine gezielte Nachwuchs- und Frauenförderung geben. Finanzielle Anreiz-, Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten für Kommunalpolitikerinnen sollten ausgebaut werden. In diesem Zusammenhang gibt es bereits vorbildliche Projekte, wie das Internetangebo­t der Kampagne FRAUEN MACHT KOMMUNE, doch insgesamt ist das zu wenig.

Frauen empowern

Der Neue Landbote: Was müsste sich ändern, um die SPD Bad Nauheim attraktiver für Frauen zu gestalten?

Adela Yamini: Ortsvereine und Kreisverbände sollten bei der Aufstellung der Liste für die Kommunalwahlen anstreben, Frauen in Führungspositionen bzw. auf oberen Listenplätzen zu platzieren. Frauen sollten gezielt angesprochen werden, um sie von einer Kandidatur zu überzeugen. Die SPD hat in den letzten Jahren zwar gezielt Frauen angesprochen, um sie für eine Kandidatur zu motivieren, sie lehnten jedoch zumeist aus privaten Gründen ab. Persönliche Ansprache als auch mittels verschiedener Organisationen und Vereine könnte intensiviert werden. Die Partei sollte ihre attraktiven Einstiegsangeboten in die parteipolitische Struktur für interessierte Genossinnen sowie weibliche Nichtmitglieder weiter ausbauen und transparenter machen, die Frauen mit attraktiven Einstiegsangeboten in die parteipolitische Struktur einbinden. Zu diesen Angeboten gehören Fortbildungsmöglichkeiten und Foren, in denen Frauen sich austauschen und empowered werden können, um sich in der Männerdomäne Kommunalpolitik durchzusetzen.

Ein höherer Anteil weiblicher Mitglieder ist die Grundvoraussetzung für eine höhere Frauenrepräsentation auf den Listen und in den Fraktionen. Weibliche Parteimitglieder prägen innerparteiliche Willensbildungs- und Entscheidungsprozesse und die Parteiprogrammatik. Sie sind der Pool, aus dem das Spitzenpersonal sowie Kandidatinnen für öffentliche Ämter selektiert werden.

Eine verstärkte Ansprache darf aus zweierlei Gründen jedoch nicht nur kurz vor Wahlen stattfinden. Zum einen erscheint das potenziellen weiblichen Neumitgliedern und Wählerinnen wenig authentisch. Eine Ansprache von potenziellen Kandidatinnen für die Listen kurz vor der Wahl birgt zudem die Gefahr, dass diese Kandidatinnen keine überzeugte Sozialdemokratinnen sind, sondern lediglich die Chance wittern, eine machtpolitisch attraktive Position zu ergattern.

Fotomontage: Petra Ihm-Fahle unter Verwendung einer Abbildung der Frauenrechtlerinnen Annie Kenney und Christabel Pankhurst
Fotomontage: Petra Ihm-Fahle unter Verwendung einer Abbildung der Frauenrechtlerinnen Annie Kenney und Christabel Pankhurst
„Hohe Ansprüche an mich selbst“

Der Neue Landbote: Nach dem Ausscheiden von Fraktionsvorsitzendem Axel Bertrand im August letzten Jahres haben Natalie Pawlik und Sie drei Wochen lang die Fraktion geleitet, ehe erneut Männer ans Ruder kamen. Wieso haben Sie die leitende Funktion nicht beibehalten?

Adela Yamini: Sowohl Natalie Pawlik als auch ich haben 2020 beruflich mehr Verantwortung übernommen, die viel Zeit erfordert und es nur schwer möglich macht, nebenbei die Fraktion zu führen. Als Mutter und Berufsschullehrerin unter erschwerten Pandemiebedingungen und angesichts weiteren ehrenamtlichen Engagements, musste ich mir folgendes eingestehen: Ich kann den Fraktionsvorsitz nicht entsprechend meinen hohen Ansprüchen an mich selbst und für die BürgerInnen ausführen. In der Kommunalpolitik ist bei der Übernahme von Ämtern eine demokratietheoretische Erwägung elementar: Kann ich dem jeweiligen Amt und damit den BürgerInnen der Stadt mit voller Kraft und vollem Einsatz gerecht werden? Diese Frage steht dem persönlichen Ansehen, das mit einem Amt einhergehen kann, voran.

„In Außendarstellung womöglich nicht sichtbar“

Der Neue Landbote: Wieso sieht man am Rednerpult im Stadtparlament so selten Frauen der SPD Bad Nauheim?

Adela Yamini: Ein großer Anteil der ohnehin knapp bemessenen Redezeiten fällt zum einen oft auf die Fraktionsvorsitzenden, die im Falle der SPD Bad Nauheim männlich sind. Zum anderen sollte nicht dem Trugschluss aufgesessen werden, dass die Redezeiten die tatsächliche Arbeit in der Fraktion widerspiegeln. Frauen und Männer arbeiten in der Fraktion gemeinsam und auf Augenhöhe. Dies ist am Rednerpult, das maßgeblich der Außendarstellung der politischen Arbeit dient, womöglich nicht sichtbar. Das nehmen wir natürlich aufrichtig zur Kenntnis. Die Redezeiten diskutieren wir in unserer Fraktion vorab . Im Zuge einer ausgewogenen Aufgabenverteilung übernehmen aktuell vorwiegend Männer die Redebeiträge, zumal auch nur zwei Frauen in der Fraktion sitzen.

Neues Gesicht auf Spitzenplatz 2

Der Neue Landbote: Auf dem Spitzenplatz 2 steht Natalie Peterek, von der man bisher so gut wie nichts mitbekommen hat. Wer ist sie und wieso zeigt sie sich nicht? Weshalb steht sie auf Platz 2? Ist sie – überspitzt gesagt – eine „Alibi-Frau“?

Adela Yamini: Natalie Peterek ist ein neues Gesicht in der Stadtpolitik und verfügt über keinen Sitz im Stadtparlament. Damit fehlt ihr eine zentrale, öffentliche Arena der (Außen)-kommunikation. Die Kritik ist daher sehr verfrüht und ungerecht. Als Vorstandsmitglied prägt, bereichert und unterstützt sie unseren Wahlkampf enorm. Doch in außergewöhnlichen Zeiten der Pandemie findet selbst der Wahlkampf mit einer Art Schallschutz statt, und es ist schwierig, sich Gehör zu verschaffen. Kritik sollte immer sachgerecht sein und nicht zum Selbstzweck werden.

Natalie Peterek ist im Sommer 2019 nach Bad Nauheim gezogen und hat ziemlich unmittelbar danach begonnen, interessehalber immer wieder Sitzungen von Stadtverordnetenversammlung, Ausschüssen und Ortsbeirat zu besuchen. Daraus reifte mit der Zeit der Entschluss, selbst kommunalpolitisch aktiv zu werden. Viele junge Menschen, genauso Frauen, haben oft den Eindruck, die Politik repräsentiere sie wenig. Wenn man das ändern möchte, ist der naheliegende Schritt, damit selbst zu beginnen, wenn sich die Chance bietet.

Besonders am Herzen liegen bei ihr dabei Themen wie sozialer Wohnungsbau, politische Partizipation, Kultur, auch Jugendkultur und (Frei-) Räume für junge Menschen, Antirassismus und Inklusion in einem weit verstandenen Sinne, also Respekt und Einbeziehung aller Menschen, so wie sie sind. Hierfür möchte sie sich nachdrücklich einsetzen.

Zeit, Antrieb und Überzeugung

Yamini: Bei Kommunalwahlen kommt es bekanntlich oft zu deutlichen Verschiebungen innerhalb der Listenplätze. Die häufig schlechteren Chancen von Newcomern hat die SPD Bad Nauheim bedacht und daher eine entsprechende Listengestaltung vorgenommen. Ist sie deswegen eine Quotenfrau? Das hängt davon ab, was man darunter versteht. Hilft eine Quotierung tatsächlich, Frauen bessere Chancen einzuräumen? Ja! Aber das heißt nicht, dass man Frauen deswegen pauschal unterstellen dürfte, weniger motiviert oder qualifiziert zu sein. Nach wie vor ist eine Menge Zeit, Antrieb und Überzeugung nötig, um kommunalpolitisches Engagement zu wagen.

Wie mittlerweile etliche Menschen ist sie allerdings zurückhaltend geworden darin, umfassend, jederzeit abrufbar in sozialen Medien öffentlich aufzutreten. Geplant war, dies durch verstärkte Präsenz an Wahlkampfständen in der Fußgängerzone auszugleichen. Diese sind – was angesichts der Entwicklung der Corona-Pandemie nur richtig ist – aufgrund einer zwischen den Parteien in Bad Nauheim getroffenen Übereinstimmung nun kurzfristig vorerst ausgefallen. Insoweit bitten wir die Wählerinnen und Wähler um einen Vertrauensvorschuss.

Der Neue Landbote: Wir danken für das Gespräch.

Sozial aufgestellt

Adela Yamini ist beruflich Erziehungswissenschaftlerin. Ehrenamtlich engagiert sie sich außer in der Kommunalpolitik als Vorstandsmitglied in der Bürgerstiftung „Ein Herz für Bad Nauheim“ sowie in der Steuerungsgruppe Fairtrade in Bad Nauheim. Lange Zeit war sie Koordinatorin für Integrationslotsen in der Wetterau. Neben ihrer Bewerbung für das Bad Nauheimer Parlament kandidiert sie auf Platz 49 für den Kreistag.

Weitere Sozialdemokratinnen, die einen Sitz im Stadtparlament anstreben, sind Natalie Peterek und Natalie Pawlik.

Adela Yamini im Video

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