Flüchtlinge in Hubertus

Weit draußen im Walde

Von Klaus Nissen

Nach gut fünfjährigem Dornröschenschlaf ist wieder Leben im Kreisjugendheim Hubertus im Wald zwischen den Butzbacher Stadtteilen Bodenrod und Münster. Handwerker richten die Unterkunft zur Aufnahme von Flüchtlingsfamilien her. Es gibt auch Neues über die Mühen, die ein „Rechtskreiswechsel“ den ukrainischen Geflüchteten und den Behörden-Mitarbeitern bereitet.

Ukraine-Flüchtlinge bekommen mehr Geld

Im Juli 2022 werden rund 90 Geflüchtete aus diversen Ländern in den Zimmern des Kreisjugendheims einziehen. Obwohl das Haus sehr abgelegen ist und vor Ort keine ehrenamtlichen Flüchtlungsbetreuer wohnen. Es bleibt keine andere Wahl, heißt es im Landratsamt.

Der Dornröschenschlaf des Kreisjugendheims Hubertus ist vorbei. Flüchtlingsfamilien mit insgesamt 90 Personen ziehen in die abgelegene Unterkunft ein. Foto: Nissen

Kreis-Sprecherin Deliah Eckhardt: „Aufgrund des aktuellen Weltgeschehens muss der Wetteraukreis kurzfristig alle Möglichkeiten nutzen, um Kapazitäten zur Unterbringung von Geflüchteten zu schaffen.“ Die Stadt Butzbach werde die Menschen sozialarbeiterisch betreuen. Der Wetteraukreis richte einen Fahrdienst ein, damit die Menschen von Hubertus ausw einkaufen können und die Kinder in die Schulen kommen.

Umbaupläne landeten in der Schublade

Das schon seit 1949 vom Landkreis betriebene Jugendheim diente lange als Unterkunft für Klassen-Freizeiten. Als 2015 tausende Flüchtlinge in die Wetterau kamen, wurde es vorübergehend zur Wohnstätte unbegleiteter minderjähriger Geflohener. Seit 2017 war die drei Hektar große Anlage eingemottet. Die Reaktivierung als Jugendheim erschien der schwarz-roten Koalition zu teuer. Die Kreisverwaltung ließ eine Machbarkeitsstudie erstellen. Sie empfahl, Hubertus zu einem modernen Touristen- und Jugendgästehaus mit 120 Betten in Zwei- und Vierbettzimmern umzubauen und zugleich einen Stützpunkt für durchreisende Wohnmobil-Touristen zu schaffen. Die Kosten wurden auf mehr als drei Millionen Euro beziffert.

Doch das Konzept landete in der Schublade, als im Dezember 2020 die Stadt Butzbach ihr Interesse an dem Jugendgästehaus bekundete. „Wir suchten Wege, wie man es nutzen könnte“, sagt Bürgermeister Michael Merle auf Anfrage. „Aber dann haben sich die Ereignisse überschlagen“. Nun brauche man jede freie Unterkunft für Geflüchtete. Unklar ist, ob die Butzbacher noch ein echtes Interesse an Hubertus haben.

Die Schulturnhalle in Nidda diente schon 2015 als provisorische Flüchtlingsunterkunft. Bis in den Juni 2022 kamen dann Geflohene aus der Ukraine darin unter. Sie sind inzwischen in die Obhut der Gemeinden des Wetteraukreises übergeben worden. Foto: Wetteraukreis

Im Juni 2022 betreute der Wetteraukreis laut Deliah Eckhardt rund 2500 Geflüchtete – ohne die Ukrainer mitzurechnen – in diversen Unterkünften. Die Notunterkunft in zwei Niddaer Sporthallen wurde Ende Mai und am 11. Juni aufgelöst. Nun leben die Geflohenen unter anderem in den früheren US-Kasernen in Büdingen und Friedberg. In Büdingen will der Kreis laut Deliah Eckhardt bald Geflüchtete im Hotel Sonnenberg unterbringen.

3300 Geflohene aus der Ukraine

Aus der Ukraine sind seit dem 24. Februar zusätzlich etwa 3300 Menschen in den Wetteraukreis geflohen. Der Zustrom hat sich von anfangs etwa 300 auf jetzt 25 bis 80 Neuankömmlinge pro Woche verringert, hieß es bei einem Treffen der Arbeitsgemeinschaft Flüchtlingshilfe mit Behörden-Mitarbeitern. Geflohene aus der Ukraine werden von den 25 Wetterauer Städten und Gemeinden untergebracht – sie müssen aber von der ohnehin überlasteten Ausländerbehörde des Kreises „verwaltet“ werden.

Und das wird noch schwieriger, weil Geflohene aus der Ukraine einen „Rechtskreiswechsel“ erleben. Seit dem 1. Juni haben sie nicht mehr den Status von Asylbewerbern, sondern gelten nach dem Sozialgesetzbuch II als Arbeitssuchende und Menschen in besonderen Notlagen.

Ukrainer bekommen mehr Geld als andere Geflohene

Das bringt den Frauen, Kindern und Jugendlichen aus der Ukraine gut 20 Prozent mehr Sozialhilfe als Geflohenen aus anderen Ländern. Aber dieser Vorteil wird mit zusätzlicher Bürokratie erkauft. Denn sämtliche Anträge auf Aufenthalt und Unterhalt sind neu zu stellen, erläuterte die Kreis-Sozialdezernentin Stephanie Becker-Bösch beim Treffen mit den Flüchtlingshelfern.

Alle Menschen aus der Ukraine brauchen kurzfristig eine „Fiktionsbescheinigung“ – also eine Art vorläufiger Personalausweis. Für sie gab es vorübergehend aber nicht genug grüne Vordrucke. Inzwischen sei das Problem gelöst, heißt es nun.

Wer über 57 ist, bekommt Alters-Grundsicherung

Weiteren Verwaltungsaufwand bereiten die rund 320 Geflohenen über 57 Jahre, die nach ukrainischem Recht Rentenansprüche haben. Sie bekommen in der Wetterau auf Antrag eine Grundsicherung im Alter nach dem Sozialgesetzbuch XII. Dazu muss man beispielsweise aber seinen in kyrillischer Schrift gehaltenen Reisepass von der heimischen Botschaft übersetzen und beglaubigen lassen.

Die seit Juni geltenden Aufenthaltsregeln für Ukrainer erlauben für ein Jahr auch die Arbeitsaufnahme in Deutschland. Sie müssen sich nach dem „Rechtskreiswechsel“ nun selber eine Krankenversicherung suchen.

Über die wechselvolle Geschichte des Kreisjugendheims Hubertus hat der Neue Landbote schon mehrfach berichtet:

https://landbote.info/?s=Hubertus

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