Dichtung und Wahrheit

Karl May und Egon Erwin Kisch

von Bruno Rieb

Dem einen war nichts spannender als die Wahrheit, dem anderen lag sie fern. Karl May wurde mit seinen erfundenen Abenteuern zum erfolgreichsten deutschen Autor. Egon Erwin Kisch wurde mit seinen Reportagen aus dem wirklichen Leben zum gefeierten Journalisten – und er verehrte Karl May, dessen Romane er in seiner Jugend verschlungen hatte. Beide verstanden es, ihre Leser zu fesseln.

In sehnenden Gedanken

Er und seine Mitschüler folgten „Tag und Nacht mit unserem ganzen Sinnen und Trachten den Spuren Old Shatterhands“, schreibt Kisch. Sie reisten mit ihm „in sehnenden Gedanken vom wilden Westen Nordamerikas in den wilden Osten Südeuropas“. Die Leistungen in der Schule litten darunter: „Auf der Strecke von Bagdad nach Stambul waren wir besser zu Hause als in den Gebirgsketten der Alpen, deren Kenntnis der Geographieprofessor von uns verlangte. In den Cordilleren, in Ägypten, am Rio de la Plata, im Lande des Mahdi, im wilden Kurdistan, im Reiche des silbernen Löwen kannten wir uns unvergleichlich vortrefflicher aus als in den im Reichsrate vertretenen Königreichen und Ländern. Die Biographien Sam Hawkins, Old Wabbles, Old Death, Old Surehands, Old Firhands, des ‚blau-roten Methusalem‘, Hadschi Halef Omars Ben Handschi Abbas Ibn, des ‚roten Gentleman‘ Winnetou, Ikwehtsi‘pas, des Utah-Häuptlings Tusahga-Saritsch kannten wir viel detaillierter als jene Schillers, Grillparzers, Lenaus. Mit der Naturgeschichte der Prärie und der Sahara waren wir vertrauter als mit jener Pokornys, und die nur für den echten Araber aussprechbare und deshalb als nationales Erkennungszeichen angewandte ‚Sure des Todes‘ konnten wir fließender auswendig hersagen als die ‚im Kanon für den Lehrplan der II. Mittelschulklasse vorgeschriebenen Gedichte‘“, berichtet Kisch.

Der Journalist und sein Schriftsteller-Idol stammten aus völlig unterschiedlichen sozialen Verhältnissen: Karl May (1842-1912) war das fünfte von vierzehn Kindern einer völlig mittellosen Leinweberfamilie in Ernstthal bei Chemnitz. Kisch (1885-1948) war der zweite von fünf Söhnen einer wohlhabenden Prager Tuchhändlerfamilie.

Karl May als Old Shatterhand 1896

Als Karl May im Oktober 1898 nach Prag kommt, besucht ihn Kisch: „Wenn es auch mit der kritiklosen Bewunderung längst vorbei war – das Interesse für den Autor unserer Jugend war noch nicht erstorben. Wir wollten diesen einmal von Angesicht zu Angesicht sehen. Wir ließen im Hotel de Saxe, in dem er logierte, nachfragen, ob wir mit ihm sprechen dürften. Er ließ uns vor und machte geheimnisvolle Andeutungen über ein entsetzliches Ende, das Hadschi Halef genommen hatte, über eine Goldgrube, die er im Llano Estacado entdeckt hatte, aber deren Ausbeutung sehr gefahrdrohend sei. Und dergleichen. Mir, als dem Sprecher der Schüler, hat er zum Andenken den dritten Band ‚Old Surehand‘ geschenkt, in dem sich sein Bild mit der Silberbüchse, dem Trapperhut, den Ledermokassins und Henrys Revolver vorfindet.“ Auf die erste Seite des Buches schrieb Karl May einen Spruch und setzte seinen Namen darunter. Kisch: „Der Spruch ist wirklich überaus schön. Er stammt von – Goethe.“

Der Abenteuer-Autor als Abenteurer

Welchen Goethe-Spruch sich Karl May angeeignet hatte, verrät Kisch nicht. May nahm es nicht nur mit geistigem Eigentum nicht so genau. Er ist mehrfach wegen Diebstahles verurteilt worden. Seine Eltern hatte ihre ganze Hoffnung auf ihn gesetzt. Er war auf dem Weg, Lehrer zu werden. Da machte er zum ersten Mal lange Finger. 1862 wird er zu sechs Wochen Haft verurteilt und von der Liste der Lehramtskandidaten gestrichen. Danach wird er noch mehrfach wegen Diebstahls und anderer Straftaten verurteilt, sitzt vier Jahre im Arbeitshaus und vier Jahre im Zuchthaus. Hätte er als Jugendlicher Fan von Karl Mays krimineller Vergangenheit gewußt, es hätte seine Bewunderung nicht geschmälert, schreibt Kisch. „Im Gegenteil! Im Bannkreis unserer Gymnasiastenromantik hätten wir es noch überwältigender gefunden, wenn der Autor unserer Abenteuer wirklich ein Abenteurer gewesen wäre. Wir hätten wahrscheinlich seine damaligen Kämpfe gegen Gesetz und Recht als vielversprechenden Beginn zur Karriere des Westmannes angesehen.“

Kisch-Portrait von Rudolf Schlichter

Kisch erfüllt auch nicht gerade die Träume seiner Eltern. Er ist ein schlechter Schüler, verbringt die meiste Zeit seines Militärdienstes in Arrest und bricht zwei Studiengänge schnell ab. Im Ersten Weltkrieg führt er eine Doppelexistenz als Militärjournalist und betätigt sich im illegalen Soldatenrat. Er wird Kommandant der Roten Garde in Wien und schließt sich 1919 der Kommunistischen Partei Österreichs an. 1921 zieht er nach Berlin und wird zu einem der bedeutendsten Journalisten Deutschlands. Sein Sammelband „Der rasende Reporter“ macht ihn berühmt. 1977 wurde von Henri Nannen der „Egon Erwin Kisch-Preis“ gestiftet, einer der bedeutendsten Journalistenpreise Deutschlands. „Egon Erwin Kisch ist kein rasender Reporter; das ist ein Spitzname, den er sich nicht ohne Selbstironie gegeben hat; er ist ein gewissenhafter und gründlicher Schriftsteller und macht seine Berichterstattung zu literarischen Werken“, schrieb sein Zeitgenosse Joseph Roth über ihn.

Karl May begann seine Schriftsteller-Karriere als Verfasser von Kolportageromanen. Bei diesen Fortsetzungsromanen – oft bis zu 100 Folgen und mehr – musste die Spannung hoch gehalten werden, damit die Leser die nächste Folge kauften, und der Autor musste ein Gespür für die Bedürfnisse der Leser haben. Gleich sein erster Fortsetzungsroman für den Kolportageverlag Münchmeyer im Jahr 1883 wurde ein Erfolg: „Das Waldröschen oder Die Verfolgung rund um die Erde. Großer Enthüllungsroman über die Geheimnisse der menschlichen Gesellschaft von Capitän Ramon Diaz de la Escosura.“ Der Roman war so fantasievoll wie das Pseudonym, das sich Karl May dafür zugelegt hatte: Capitän Ramon Diaz de la Escosura. Der Abenteuer-Autor wurde zum erfolgreichsten Schriftsteller Deutschlands. Über 80 Millionen Exemplare von seinen Werken wurden verkauft und sie wurden in mehr als 30 Sprachen übersetzt, berichtet das „Literatur Lexikon“ des Verlags J.B. Metzler.

Old Shatterhand skalpiert

Aber seine kriminelle Vergangenheit holte den Erfolgsautor ein. 1910 verlor Karl May einen Beleidigungsprozess, den er angestrengt hatte, weil er als „berufsmäßiger Verbrecher“ bezeichnet worden war. Seine Niederlage vor Gericht führte zu Schlagzeilen wie „Karl May, der Räuberhauptmann“, „Ein literarischer Schinderhannes“ und „Old Shatterhand skalpiert“.

Karl May 1896 in seinem Arbeitszimmer

Egon Erwin Kisch stand zum Idol seiner Jugend. Er besuchte Karl May in der Villa „Shatterhand“ in Radebeul bei Dresden. Pfingsten 1910 erschien in der Prager „Bohemia“ über drei Seiten die Reportage über diesen Besuch. In überarbeiteter Form nahm sie Kisch unter dem Titel „Im Wigwam Old Shatterhands“ 1926 in seine Reportagesammlung „Hetzjagd durch die Zeit“ auf. Kischs Reportage in der Bohemia war „der beste publizistische Beistand für den von allen Hunden gehetzten achtundsechzigjährigen Phantasie-Helden“, schreibt Harald Wessel in dem Buch „Kisch war hier“. Kisch stellt gegen Ende von „Im Wigwam von Old Shatterhand“ fest: „Man muss als deutscher Schriftsteller genau so schreiben, wie Karl May schreibt, um ein solches Haus haben zu können, und auch ihm wird es nicht vergönnt, man macht dem wüsten Abenteuerschilderer zum Vorfwurf, dass er in seiner Jugend wüste Abenteuer erlebt, man beschimpft ihn, wie man nie einen betrügerischen Kaufmann, einen gemeingefährlichen Fabrikanten, einen bestechlichen Beamten, einen selbstherrlichen Gutsherrn oder gar einen misshandelnden Offizier zu beschimpfen wagen würde.“

Titelbild des Buches „Ich“. Karl May -Leben und Werk. Karl-May-Verlag Bamberg 1995

Ab 1933 konnte Kisch nicht mehr nach Radebeul reisen. Er floh vor den Nazis ins spanische Exil. Von dort aus verteidigte er Karl May vor rassistischer Vereinnahmung durch die neuen machthaber in Deutchland. In der von ihm mitgegründeten Zeitschrift „Freies Deutschland“ erschien im November 1941 der Artikel „Karl May, Mexiko und die Nazis“. Es geht um Mays Frühwerk „Waldröschen“, das Teils in Mexiko spielt. May vertrete in dem Roman „eine Tendenz, die nimmermehr die der Nazis sein kann“, schreibt Kisch. „Mildernde Umstände“ hätten dessen Werke vor der Bücherverbrennung geschützt. May habe Mexiko in der Ära nach dem deutsch-französischen Krieg von 1870/71 in seiner Fantasie aufgesucht, „und so wogte sein Franzosenhass mit jener Heftigkeit, die späterhin Lesern des Buches ‚Mein Kampf‘ als nationale Pflicht gepredigt ward“. Aber: „Nur ging Karl May in seinem Hohn gegen die Intervention Napoleons III. in Mexiko zu weit, nämlich so weit, sich bedingungslos auf die Seite der mexikanischen Unabhängigkeitsbewegung und ihres indianischen Führers Benito Juárez zu stellen. So etwas läuft den Weltherrschaftsplänen des Faschismus strikt zuwider“, so Kisch.

Titelbild: Kisch 1934 bei bei seiner Ankunft in Australien. Er war vom Pariser „Welt-Komitee gegen Krieg und Faschismus“ zum Antikriegskongress in Melbourne entsandt worden. Kisch wird dort nicht vom Schiff gelassen. Kisch schang sich über die Reling an Land und brach sich dabei ein Bein. Seine Erlebnisse beschreibt er 1936 in dem Buch „Landung in Australien“.

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