Dannenröder Forst

Ernste junge Leute beim Klimacamp

Von Klaus Nissen

Vom 9. bis 18. April 2021 treffen sich Activistis (so die gender-gerechte Selbst-Bezeichnung) zum Klimacamp in Dannenrod bei Homberg im Vogelsbergkreis. Es sind viele meist junge Leute, die in Deutschland und Europa gegen Straßenbauprojekte aktiv werden. In der Einladung auf https://wald-statt-asphalt.net heißt es: „Wir wünschen uns Tage der intensiven Vernetzung, um Kämpfe zu verbinden.“ Der Neue Landbote hat sich am 10. April vor Ort umgeschaut.

Sie wollen die Welt verändern

Es regnet, und es ist kalt. Trotzdem campen mindestens 200 junge Leute am Rande des Dannenröder Forstes. Aufwärmen und duschen können sie sich im Gasthaus Jakob am Dorfrand, das von Klimaschutzaktivisten gemietet wurde – als Rückzugsort und Zentrum des Protestes gegen den Autobahnbau durch den Wald, für den im Sommer 2020 eine drei Kilometer lange und 40 Meter breite Schneise geschlagen wurde. Man wolle das Gasthaus kaufen, sagt die junge Frau am Eingang, um dort einen Treffpunkt für Leute zu schaffen, die es mit der Verkehrswende in Deutschland wirklich ernst meinen.

Davon scheint es eine Menge zu geben. Allein aus Berlin kamen sie mit einem Reisebus in dieses 170-Seelen-Dorf, um auf freiem Feld mehr als eine Woche lang zu lernen, zu diskutieren und Gleichgesinnte zu treffen. An diesem Samstag sind sie meistens in kleinen Gruppen auf dem weitläufigen Gelände unterwegs. Alle tragen trotz der großen Abstände FFP2-Masken vor den Gesichtern. Es wird kaum geraucht, tagsüber ist auch niemand mit einer Bierflasche in der Hand zu sehen. Keine Festivalstimmung ist zu spüren, sondern eher eine ernste Entschlossenheit.

Auf der Bühne zeigt eine junge Frau, welche Dienste noch zu vergeben sind. Beim Orga-Treffen kurz zuvor gab es noch nicht genug Freiwillige, die Waschwasser schleppen und das Essen von der „KüFA“ auf den Versammlungsplatz bringen. Fotos: Nissen

Die „Küche für alle“ liegt unter Planen neben dem Gasthaus. Freiwillige hacken da Zwiebeln, spülen Bottiche aus. Finanziert wird das Essen aus Spenden, niemand muss seine Portion bezahlen. An allen Tagen gibt es Veganes. An diesem Tag Chili mit Bohnen, Tofu und Reis. Die Essensausgabe ist einen halben Kilometer weiter auf dem Feld. Mehr als hundert Meter erstreckt sich die Schlange der Hungrigen. Niemand meckert, obwohl es nur sehr, sehr langsam vorangeht.

Die beiden Neuankömmlige wollen auch auf die Bäume. Dafür brauchen sie eine gründliche Einweisung, sagen die erfahrenen Kletterinnen.

Die Infrastruktur ist bescheiden. Für dringende Bedürfnisse stehen vier hölzerne und wasserfreie Komposttoiletten am Feldrand. Immerhin gibt es Wlan. Im Zentrum des Feldes eine Festivalbühne, auf der aber nur abends manchmal Musik spielt. Für Freitag, den 16. April sind Klavus & Seven angesagt, danach soll das Frankfurter Antagon Theater eine Show bieten.

Auf dem Feld stehen auch mehrere Großzelte. Eins ist zum Ausruhen vorgesehen, ein anderes enthält eine Ausstellung mit Schwarz-Weiß-Fotos aus dem Danneröder Forst, die an Fäden festgeklammert sind. In Farbe einige nackte junge Frauen inmitten des verschneiten Waldes. Dazu ein Gedicht: „Ohne Waffen, ohne Kleider, ohne Sachen bleibt dem Menschen nur das eigen Lachen“.

Theorie und Praxis des widerständigen Lebens

In einem anderen Zelt kann man sich mit Farben auf Pappen kreativ betätigen. Die meisten Zelte sind Obdach für die vielen Diskussionen und Vorträge in den Tagen des Klimacamps. Auf dem Programm stehen Themen wie „Grundlagen der autonomen Pressearbeit“, eine Zukunftswerkstatt zur Mobilität, Tipps zur Umgehung von Fahrkartenkontrolleuren in öffentlichen Verkehrsmitteln. Bei unserem Besuch erzählt ein junger Mann gerade, wie man sich nach den Erfahrungen des Rodungs-Sommers am besten bei ähnlichen Aktionen gegenüber der Polizei verhält. Beispiel: Wenn „Aktivisti“ bei der Festnahme persönliche Dinge abgenommen bekommen, sollten sie auf ein Beschlagnahmeprotokoll bestehen.

Am Waldrand stehen Gedenkkreuze zur Erinnerung an die für die Autobahn gefällten Bäume des Danneröder Forstes.

Die meisten Veranstaltungen dienen dazu, dass sich Widerständler aus ganz Europa kennenlernen, praktisches Wissen austauschen und sich vernetzen. Manche haben schon persönliche Erfahrungen bei unterschiedlichen Protestaktionen gemacht, beispielsweise im Hambacher Forst und im „Danni“. Fünf Gehminuten vom Camp entfernt treffen wir Oslo aus Berlin, die einen Teil des Sommers im Baumhaus auf der Trasse der künftigen Autobahn 49 verbrachte. Neben ihr steht die junge Hazel, die sie bei der Besetzung des Mormont-Hügels im schweizerischen Kanton Waadt kennenlernte. Dort wolle der Zementhersteller Holcim ein Orchideen-Biotop abbaggern, heißt es auf der Webseite der Besetzer.

Der Wald links des Zaunes wirkt noch deutlich gesünder als in den gerupften Forsten des Rhein-Main-Gebiets. Rechts ist er für die künftige Autobahntrasse abgesägt worden. Sie ist schwer bewacht.

Wut und Trauer empfinde sie beim Anblick der gerodeten Bäume, sagt Oslo. So wie viele auch ältere Besucher aus der Region läuft sie mit Hazel am gut zwei Meter hohen Metallgitterzaun entlang, auf dessen Krone scharfkantiger S-Draht drapiert ist. Auf dem künftigen Autobahn-Mittelstreifen liegen noch die zerfetzten Wurzelstöcke der gerodeten Waldbäume. Daneben ein Auto mit zwei Sicherheitsleuten. Gelegentlich fährt langsam ein Polizei-Kleinbus die Trasse ab. In kurzen Abständen stehen auf mobilen Masten leistungsstarke Strahler, die nachts die Szenerie ausleuchten. Es ist ein Menetekel, das für die meisten Menschen angenehm abgelegen ist und nicht mehr wahrgenommen wird, wenn sie dereinst in ihren Autos durch den „Danni“ von Marburg nach Kassel brausen und dabei eine Viertelstunde sparen.

Hier wird schon die nächste Aktion gegen Naturvernichtung durch Straßenbau vorbereitet.

Das Klimacamp in Dannenrod ist bis zum 18. April für alle Interessierten zugänglich. Informationen gibt es unter wald-statt-asphalt.net und der Telefonnummer 0178-681 85 34

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