Bio-Orangen aus Spanien

Die Plantage in der Halbwüste

Von Klaus Nissen

Spanische Farmer bieten gegen eine Beteiligung den Direktversand von Bio-Orangen nach Deutschland an. Landbote-Autor Klaus Nissen hat eine solche Plantage zwischen Murcia und Malaga besucht.

Es ist nicht ganz einfach, die Orangenplantage zu besuchen. Die Finca Dona Ana bietet über die Plattform crowdfarming.com ihre südspanischen Bio-Zitrusfrüchte zum Direktversand nach Deutschland an. Ein Freund hat auf der 174 Hektar großen Plantage die Patenschaft für einen Orangenbaum übernommen. Und weil wir gerade in der Gegend sind, bat er uns, den Baum zu besuchen und nachzuschauen, wie es mit dem Projekt steht.

Jeder Patenbaum trägt eine Nummer und die Namen der Spender am Stamm. Die Finca kann aber nicht garantieren, dass die Früchte genau dieses Baumes an die Paten geliefert werden.

Also schrieb ich an einem Tag im Dezember 2021 eine Mail an die Crowdfarmer, mit der Bitte, den Baum mit der Nummer ANAPWL2101547/001 besuchen zu dürfen. Wenn möglich, am nächsten Freitag gegen elf Uhr. Doch niemand antwortete auf dieses Begehren, auch nach mehrfacher Nachfrage. Erst drei Wochen später traf eine Antwort von der Organisation ein, die den Direktversand der nach Bio-Richtlinen erzeugten Orangen, Mandarinen und Zitronen an die Kunden und Baumpaten managt. Die 2017 von vier spanischen Junglandwirten gegründete Crowdfarming-Plattform vermittelt nach eigenen Angaben mittlerweile Agrarprodukte und Baum- und Tierpatenschaften von 189 Landwirten aus acht Ländern an die Verbraucherinnen und Verbraucher.

Ohne Bewässerung geht nichts

Erst der Telefonkontakt mit Ana Maria von der Finca Dona Ana führt weiter. Die junge Frau wirkt überrascht und hektisch, als ich ihr in einem Kauderwelsch aus Spanisch und Englisch unser Anliegen erkläre. Vor mir habe bislang nur einmal jemand seinen Paten-Orangenbaum wirklich sehen wollen. Und nun, Anfang Dezember, passe es eigentlich nicht so recht. Man sei mitten in der Ernte. Doch am Ende willigt sie in ein Treffen ein. Freitag um zehn Uhr an der Abfahrt zur Finca Dona Ana an der Landstraße RM-D17 zwischen der Repsol-Tankstelle und dem Ortseingang des Dörfchens Pozo de la Higuera.

Hunderte Kilometer ziehen sich die Reihen der Zitrusbäume auf der Finca Dona Ana bei Pozo de la Higuera. Das satte Grün kontrastiert das Gelbbraun der ausgetrocknet Landschaft drumherum. (Fotos: Nissen)

Pozo heißt Brunnen. Also Wasser. Davon brauchen alle spanischen Landwirte eine ganze Menge. Die Gegend zwischen Murcia und Malaga ist eine Halbwüste, in der es nur ganz selten ein bisschen regnet, erzählt der Betriebsleiter der Finca bei unserem Treffen auf der Plantage. Der 27-Jährige heißt Francisco Sanches Canovas, aber alle nennen ihn Paco. Ohne Bewässerung gehe garnichts, berichtet er. In früheren Jahrzehnten standen hier Oliven- und Mandelbäume – die sind recht genügsam. Vor etwa 20 Jahren pflanzten die Eigentümer auf ihrer Finca Orangen-, Mandarinen- und Zitronenbäume. Die versprachen mehr Gewinn.

Inzwischen sich die Familie der Crowdfarmin-Initiative angeschlossen und pflegt die Bäume nach Ökolandbau-Kriterien. Die Landwirte schalten den Zwischenhandel aus und bauen über das Internet eine Beziehung zu den Verbrauchern in Deutschland, Frankreich und Großbritannien auf. Die bezahlen einen Festpreis für ihren Paten-Baum und bekommen die Ernte per Postpaket zugeschickt. Nicht unbedingt vom eigenen Patenbaum, denn der hat zwar eine Metallmarke mit der individuellen Nummer am Stamm. Doch die Zuordnung der Früchte zu den Paten wäre für die Erntehelfer kaum zu leisten. Die Bäume stehen zu Tausenden auf der Finca. Und um die Nummer zu lesen, müsste man sich mühsam durch die dichten Zweige an den Stamm vorarbeiten.

Direktvermarktung zahlt sich aus

Die Direktvermarktung der Bio-Zitrusfrüchte per Internet zahlt sich offenbar aus. Die Kunden posten Fotos des frisch eingetroffenen Orangen-Pakets auf Facebook oder Instagram und berichten, sie hätten noch nie so leckeres Obst verzehrt. Man ist hip, nachhaltig, Avantgarde. Das zieht weitere Kunden an. Und die Erzeuger erzielen laut Paco Canovas für ihre Früchte ein Drittel mehr Einnahmen als beim konventionellen Orangenanbau mit Mineraldünger-Einsatz und dem Umweg über den Obst-Großhandel. Der Bio-Anbau lohnt sich, auch wenn die Orangenbäume laut Paco Junior deutlich weniger Ertrag bringen. Immerhin verkauft Familie Canovas in der von November bis Juni dauernden Erntezeit nicht weniger als vier Millionen Kilo Orangen, Mandarinen und Zitronen.

In einem großen Geländewagen kutschiert uns Paco Canovas gemeinsam mit dem Obstbauberater Domingo Hernandez Carrillo durch das Gelände. Wir holpern über Geröllwege. In mehreren hundert Meter langen Reihen stehen die Bäume dicht nebeneinander. Jetzt, im Dezember, werden die Mandarinen gepflückt. Aber nicht im Großeinsatz, sondern je nach Bedarf. Bisher hat noch niemand eine Maschine für die Ernte von Zitrusfrüchten entwickeln können, sagt Pancho. Die sei einfach zu komplex, ergänzt der 49-jährige Domingo Carrillo. Er zückt eine zierliche Obstschere – die Tichera – und trennt eine Mandarine am Stiel vom Baum. Wenn man sie mit der Hand pflückt, bekomme die Frucht eine Wunde, sagt er. In der Tat: Beim Abdrehen reißt die Schale der Mandarine ein.

Mit dieser speziellen Schere, der Tichera, werden die Mandarinen und Orangen vom Baum geschnitten.

Auch die Orangenernte setzt gegen Jahresende ein. Weil es frühe und späte Sorten gibt, können die spanischen Erzeuger den Markt mehr als ein halbes Jahr lang mit frischen Früchten beliefern. „Midnight“ heißt die letzte Sorte, die auf der Finca zwischen April und Juni geerntet wird. Diese Orangen sind bei richtiger Lagerung noch zwei bis drei Monate lang lagerfähig, erzählt Domingo Carrero.

Im Frühjahr sind die Zitronen pflückreif. Jetzt, in der Adventszeit, hängen sie noch ritzegrün an den dicht stehenden Zweigen. Wir treffen bei unserer Plantagen-Exkursion einen dreiköpfigen Pflegetrupp. Die Männer wühlen sich geradezu in die Bäume hinein und schneiden Äste mit wenig Fruchtbehang heraus. Die Arbeiter tragen wegen der auch im Winter stechenden Sonne und der langen Zitronenstacheln feste Kleidung und dicke Handschuhe. Den Grünschnitt werfen sie auf einen Haufen; später wird er einer Schafherde vorgelegt, sagt Domingo Carrillo: „Was die Schafe übrig lassen, wird verbrannt. Wir können den Grünschnitt auch schreddern und als Deckschicht und Dünger unter den Bäumen verteilen.“

Kleinselbständige auf Honorarbasis

Die Bio-Zitrusbäume dürfen keinen Mineraldünger mehr bekommen. Nur noch aus dem Mist von ökologisch gehaltenem Vieh und aus Kompost ten sie ihre Nährstoffe. Der Kompost werde aus dem gut 300 Kilometer entfernten Ballungsraum von Valencia angeliefert.

Der Trupp der Zitronen-Pfleger arbeitet emsig weiter, während wir den Vorarbeiter ausfragen. Die meisten der etwa 20 Arbeiter auf der Finca sind „Subcontractos“ – Kleinselbstständige auf Honorarbasis. Die Finca selbst beschäftige nur fünf Festangestellte, berichtet ihr Chef Paco Canovas. Für sei sei in der Regel mehr als der spanische Mindestlohn von sieben Euro pro Stunde drin. „Wir setzen Leute ein, die schaffen wollen. Und denen geben wir auch 9,50 Euro pro Stunde.“ Während der Orangenernte zwickt ein Arbeiter pro Tag mehr als Tonne der vitaminreichen Früchte von den Zweigen und verstaut sie in große Plastikkisten, die dann mit dem Gabelstapler auf ein Fahrzeug zum Abtransport in die Versandhalle gehoben werden.

An der harten Arbeit in der Plantage zeigten seine spanischen Mitbürger leider kaum Interesse, sagt Paco. Er sei dafür auf Ausländer angewiesen, beispielsweise auf Bulgaren und Flüchtlinge aus Afrika, die es bis Südspanien geschafft haben.

Dieser See wird aus einer Meerwasser- Entsalzungsanlage und aus Flusswasser gespeist. Es muss über viele Kilometer hergeleitet werden.

Der Geländewagen steuert den höchsten Punkt der riesigen Orangenfarm an. Vom Hügel aus gelingt ein Panoramafoto auf die sattgrüne Oase in der sonst nur mit lückenhaftem Buschwerk bewachsenen Halbwüste. Hier liegt auch ein etwa fußballfeldgroßer Teich. Ein Reiher fühlt sich von uns gestört und flieht flatternd aus dem spärlichem Binsenbewuchs. „Wir haben noch viel größere Wasserreservoire“, versichert Paco Canovas. Aus den Teichen und Containern befördern Pumpen das Nass in dünne schwarze Schläuche. Sie liegen kilometerweit unter den Baumreihen. Für jeden Baum gibt es drei Ventile, die eine genau dosierbare Wassermenge ins Wurzelwerk entlassen. Die Orangenbäume in der Nähe des Teiches bekommen momentan dreimal am Tag jeweils 16 Liter – pro Baum braucht der Landwirt also selbst im Winter gut 50 Liter am Tag.

Ohne die Wasser-Pipeline würden die Orangen hier nicht wachsen. Früher schafften das an dieser Stelle nur die Mandel- und Olivenbäume.
Sechs Millionen Tonnen Orangen

So viel geben die Brunnen in Pozo de la Higuera bei weitem nicht her. Er bekomme das Wasser aus dem Stausee von Negratin, aus einer Pipeline vom zentralspanischen Fluss Tajo und der Meerwasser-Entsalzungsanlage von Aguilas, berichtet Paco Canovas. Die Bezugspreise dafür stiegen natürlich immer weiter an. Aber noch lohnt sich der Anbau von Orangen, Mandarinen und Zitronen in der spanischen Halbwüste.

Francisco „Paco“ Sanchez Canovas zeigt ein Ventil der Bewässerungsanlage für seine Mandarinenbäume. Ein Baum braucht täglich 16 Liter, um die saftigen Früchte zu entwickeln.

Es fällt mir schwer, dieses weiträumige Wasser- und Dünger-Management als regional und nachhaltig zu bezeichnen. Denn die Bäume verbrauchen genauso wie die riesigen Gemüsefelder bei Almeria viel mehr Wasser, als dauerhaft in Spanien verfügbar ist. Nachhaltig wäre, sehr viel weniger Plantagen anzulegen und für die leckeren Früchte so viel zu bezahlen, wie sie tatsächlich wert sind.

Gewaltig ist der Appetit auf Orangen: Nicht weniger als 6,2 Millionen Tonnen dieser vitaminreichen Früchte wurden nach Angaben der Europäischen Statistikbehörde Destatis im Jahre 2017 geerntet. Mit 3,4 Millionen Tonnen stammen die meisten Orangen aus Spanien, wo die bei weitem größten Anbauflächen liegen. Weitere europäische Orangenplantagen liegen in Griechenland und Italien. Zusätzlich importierte die EU im Jahr 20917 insgesamt 1,1 Millionen Tonnen Orangen aus Südafrika, Marokko, Ägypten, Argentinien, Zimbabwe, Brasilien und Uruguay. Ein großer Teil der Früchte wird versaftet. Weitere Details liefert der Obst- und Gemüsehändler-Newsletter freshplaza.de.

In der Weihnachtszeit werden die kernlosen Bio-Mandarinen von Pozo de la Higuera direkt an die Verracer geschickt.

Der groß angelegte Gemüse- und Zitrusfrüchte-Export aus dem südlichen Spanien verzehrt zunehmend die dortigen Wasser-Ressourcen. Die meisten Kunden und die Anbauer verdrängen die Erkenntnis, dass es auf Dauer nicht so weitergehen kann. Nur vereinzelt gibt es Berichte über illegale Brunnen gleich neben dem wichtigen Feuchtgebiet Donana südlich von Sevilla, über den hohen Kohlendioxid-Ausstoß der Meerwasser-Entsalzungsanlagen und das Absinken der Grundwasserspiegel um mehrere hundert Meter. Die Folgen sind das Eindringen salzigen Meerwassers in tiefe Bodenschichten, die Erosion der ausgetrockneten Erdoberfläche jenseits der Plantagen, die auch für das nördliche Spanien und Portugal verheerenden Folgen, falls noch mehr Wasser aus den großen Flüssen Ebro und Tajo hunderte Kilometer weit in den Süden geleitet wird.

Titelbild: Plantagenbesitzer Paco Sanchez Canovas (links) und dein Obstbauberater Domingo Hernandez Carrillo zeigen einen erntereifen Mandarinenbaum. Ehe er soweit ist, muss er nach der Pflanzung acht Jahre wachsen.

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