Migration

Weniger Menschen flohen in die Wetterau

Von Klaus Nissen

Es herrscht kein Notstand mehr. Viel weniger Geflüchtete als in früheren Jahren muss der Wetteraukreis momentan aufnehmen. Landrat Jan Weckler hat nun Zahlen genannt. Bei der Geflüchtetenkonferenz am 4. November 2025 im Friedberger Kreishaus dankte mit der Kreisbeigeordneten Marion Götz den Helfern, die sich seit 2015 ehrenamtlich, ohne Bezahlung um tausende Hilfsbedürftige kümmern. Zur Sprache kamen auch aktuelle Probleme – etwa den Mangel an Sprachkursen und Wohnungen.

„Größte humanitäre Leistung seit Kriegsende“

Die Aufnahme tausender Geflüchteter war seit Ende 2015 „die größte humanitäre Leistung seit Kriegsende“, findet Jan Weckler. „Wir mussten wir uns ganz schön strecken“ – aber jetzt sei man im Wetteraukreis „ein ganzes Stück weiter gekommen“. Die Aufnahme Geflüchteter sei inzwischen „eine Form der Normalität“.

In notdürftig hergerichteten Massenunterkünften musste der Wetteraukreis die vielen Geflüchteten im November 2015 unterbringen. Hier in der Schulturnhalle in Nidda. Foto: Wetteraukreis

Zahlen belegen diese Entspannung. Im Jahr 2022 nahmen Kreis und Kommunen 4900 Menschen auf, berichtete der Landrat. 2023 waren es 2600, 2024 dann noch 1500. Für 2025 rechnet er nur noch mit 512 Neuankömmlingen. Die meisten kommen aus Afghanistan, der Ukraine und Syrien.

Wetteraukreis hat eigene Erstaufnahmeeinrichtug

Wer die Wetterau erreicht, landet für drei bis vier Wochen in der Erstaufnahme-Einrichtung des Kreises in der Friedberger Ray-Kaserne. Da prüft man die Gesundheitszustand der Menschen und ergänzt den Impfstatus, berichtete die Fachdienstleiterin Nazan Isfen. Außerdem helfe man den Menschen bei Behördengängen und der Konto-Eröffnung.

Danach verteilt der Kreis die Familien und Einzelpersonen auf Gemeinschaftsunterkünfte – von denen jetzt sogar einige leerstehen. Beispielsweise der ehemalige Lidl-Markt an der Frankfurter Straße in Bad Nauheim und die „Leichtbauhallen“ in Wölfersheim, Rosbach und Wöllstadt. Sie werden möglicherweise eingelagert oder verkauft, sagte Landrat Weckler im Plenarsaal des Friedberger Kreishauses vor etwa hundert Zuhörern.

Praktisch, aber ungemütlich: Fachdienstleiterin Nazan Isfen zeigte auf der Leinwand im Plenarsaal, wie ein Raum in einer Gemeinschaftsunterkunft heutzutage aussieht. Foto: Nissen

Andererseits sei eine Reserve wichtig, wenn sich von heute auf morgen etwas ändert. „Was ist“, fragte Johannes Hartmann von der Flüchtlingshilfe-AG, „wenn die Ukraine den Krieg verliert?“ Dann würden Millionen Menschen in Deutschland Rettung suchen. Jan Weckler antwortete: „Darauf kann keiner vorbereitet sein.“

320 Bezahlkarten wurden bisher ausgegeben

Viele Probleme scheinen inzwischen gelöst. Die Ausländerbehörde ist nicht mehr mit den Aufnahme-Prozeduren überfordert. Ihr Leiter Peter Müller berichtete, dass die Akten digitalisiert sind und das Amt leichter für Geflüchtete ansprechbar sei. Lennart Simon vom Jobcenter schilderte, wie man mit dem Programm „Jobturbo“ die Neu-Wetterauer schon während des Sprachunterrichts bei der Arbeitssuche begleitet. Die Zusammenarbeit mit Arbeitgebern funktioniere gut.

Nazan Isfen ist eine sichtbar energiegeladene Frau. Als Fachdienstleiterin für Migration beim Wetteraukreis kann sie diese Eigenschaft sicher gut brauchen. Foto: Nissen

Geklappt hat laut Nazan Isfen auch Einführung der Bezahlkarte für Geflüchtete. Der Bund schreibt sie vor, damit niemand mit der Asylbewerber-Sozialhilfe (441 Euro pro Monat für Alleinstehende) Angehörige in den Krisenregionen dieser Welt unterstützt. Bislang gab der Kreis 320 Karten aus. Wenn der Inhaber damit Geld überweisen will, muss die Ausländerbehörde die Transaktion vorher prüfen.

Kritisch sieht das Wolfgang Dittrich. Die Bezahlkarte koste den Staat Millionen und bringe den Mitarbeitern unnötige Arbeit, sagte der bei der evangelischen Kirche angestellte Leiter der Flüchtlingshilfe-Steuerungsgruppe. Die Karte habe keinerlei Nutzen: „Es ist nichts als eine Abschreckung.“ Überhaupt sehe er seit 2015 einen Wechsel in der Einstellung zu Geflüchteten. Nämlich von der Willkommens-Kultur hin zu einer Abwehr-Haltung. Dittrich: „Auch das ist ein Grund, warum sich weniger Ehrenamtliche engagieren“. Viele Helfer seien erschöpft; sie würden auch angefeindet und als „Gutmenschen“ beschimpft. „Es ist sehr anstrengend“, pflichtete der Friedberger Carl Cellarius bei. Die Arbeit der Helfer werde „einfach nicht gewürdigt.“

Nach zehn Jahren ist es Zeit, Flüchtlingshelfern Danke zu sagen. Landrat Jan Weckler und Kreisbeigeordnete Marion Götz nahmen deshalb stellvertretend für alle Johannes Hartmann, Anneliese Eckhardt und Wolfgang Dittrich (von links) in ihre Mitte. Foto: Deliah Eckhardt, Wetteraukreis

Bei der Geflüchtetenkonferenz aber doch. Stellvertretend für alle bekamen Anneliese Eckhardt, Johannes Hartmann und Wolfgang Dittrich Blumensträuße und Urkunden als Dankeschön vom Kreis.

Was ist noch zu tun? Ganz dringend ist die Wohnraum-Beschaffung. Etwa 60 Prozent der Flüchtlingsheim-Bewohner haben laut Nazan Isfen einen Aufenthaltsstatus und müssten eigentlich in Wohnungen ziehen – wenn es die denn gäbe. Die Zahl der Sprachkurse reiche zudem nicht nicht aus. Und wer vor seiner Ankunft Traumatisches erlebt hat, finde kaum einen Therapieplatz. Lange dauere es bisweilen auch, bis Geflüchtete Termine beim Arzt bekämen. Wenigstens Minderjährige mit Aufenthaltsgestattung sollen ab Sommer 2026 eine Krankenkassenkarte erhalten.

Es braucht Ideen zur besseren Integration
Tetiana Saienko konnte kein Deutsch, als sie nach dem Kriegsausbruch aus der Ukraine nach Bad Nauheim kam. Am Dienstag berichtete sie in freier Rede, wie es ihren Landsleuten im Exil geht. Vor allem junge Leute hätten große Ängste angesichts der fremden Umgebung und der ungewissen Zukunft. In Bad Nauheim vernetzt der Ukraine-Rat rund 590 Exilanten. Man kocht und feiert gemeinsam, hilft sich im Alltag – und knüpft Tarnnetze für die Soldaten an der Front. Foto: Nissen

Bei der nächsten Konferenz müssten auch die Betroffenen dabei sein, regte Wolfgang Dittrich an. Zudem Vertreter von Schulen, Erwachsenenbildung und Arbeitgebern. „Wir brauchen eine Integrationskonferenz.“ Marion Götz versicherte, sie habe im Kreishaus schon ein Team für einen „Aktionsplan Integration“ aufgestellt. Das arbeite nun an einem Konzept.Geflüchtete in der Wetterau

Am 30. September lebten exakt 7248 Geflüchtete im Wetteraukreis. 4709 von ihnen kamen aus der Ukraine, so Landrat Jan Weckler. Aktuell steige die Zahl der Kriegsflüchtlinge leicht an: In ganz Hessen wurden vorigen März 226 Menschen aufgenommen, im September bereits 926.

Die über den Wetteraukreis verstreuten Gemeinschafts-Unterkünfte haben Platz für 3550 Menschen. Davon sind etwa 70 Prozent der Betten belegt. Etwas mehr als ein Drittel der Bewohner kommt aus Afghanistan, 14 Prozent sind Ukrainer, zehn Prozent Syrer, acht Prozent Türken, sechs Prozent Somalier. Je vier Prozent kommen aus Eritrea und Äthiopien, je drei Prozent aus dem Irak, dem Iran und Russland.

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