Stimmt doch gar nicht
von Michael Schlag
Den Rentnern geht es schlecht, Frauen verdienen weniger als Männer, wir tun zu wenig für den Klimaschutz und Deutschland ist ein Einwanderungsland. So hört man es täglich im Radio, liest es in der Zeitung oder sieht es im Fernsehen. Aber stimmt das eigentlich alles? Oder sind das politische Glaubenssätze, die einfach niemand mehr hinterfragt? Es sind Mythen, schreibt Nikolaus Blome in seinem Buch „Falsche Wahrheiten“, und sie führen zu katastrophal verfehlter Politik. So war es in der Ampel, und so geht es seit dem Regierungswechsel weiter. „Falsche Wahrheiten“ ist ein richtig schönes böses Buch.
Wieviel Altersarmut?
Manches ist überraschend, bei Anderem hatte man schon länger das Gefühl: Hier stimmt doch was nicht. Geht es den Rentnern wirklich schlecht, wieviel Altersarmut gibt es tatsächlich? Alle gesetzlichen Renten zusammengenommen, auch Kleinstrenten für sehr kurze Versicherungszeiten, erhielten Männer (Jahr 2024) im Durchschnitt eine Auszahlung aus der gesetzlichen Rente von 1.405 €, Frauen von 995 €. „Das klingt ziemlich wenig“, schreibt Blome, „sagt indes kaum etwas über die realen finanziellen Verhältnisse.“ Lebt jemand allein oder mit Ehepartner, hat er nur die gesetzliche Rente oder auch Nebeneinkünfte, und ganz wesentlich: Muss er Miete zahlen oder hat er Wohneigentum? Das alles fließe aber nicht in die Rentenpolitik ein, sondern „die gesetzliche Rente wird behandelt und gesteuert, als sei sie für 21 Millionen Menschen das alleinige Maß aller Dinge. Jeder weiß, dass das nicht stimmt.“
Aberwitziges Stück Propaganda
Bessere Auskunft gebe der Alterssicherungsbericht der Bundesregierung. Dieser erfasst alle vier Jahre das Gesamteinkommen der Rentner, also Rente, betriebliche Rente, private Rente, Mieteinnahmen, Kapitaleinkünfte, und kommt für Senioren-Ehepaare in Deutschland auf ein durchschnittliches Nettoeinkommen von 3.759 €. Das muss eine Familie mit Alleinverdiener und Kindern erst einmal schaffen.“ Den Grundsatz von der grassierenden Altersarmut in Deutschland nennt Blome „ein aberwitziges Stück Propaganda“ – mit vielen Milliarden Euro Streuverlust in jedem Jahr. Tatsächlich stammten die Einkünfte der Renter nur zur Hälfte aus der gesetzlichen Rentenversicherung, also hätten Rentner doppelt so viel an Einkommen, wie in ihrem Rentenbescheid steht. Zudem wohnten zwei Drittel der Rentner-Ehepaare in den eigenen vier Wänden und haben pro Person im Schnitt 60 Quadratmeter zur Verfügung. Würde man jedoch einräumen, dass es den großen Missstand gar nicht gibt, müssten etliche Institutionen der „Prekariatspropaganda“ ihre Argumente begraben.
Warum begehren die Jungen nicht auf?
Die signifikante Zahl für Altersarmut wäre dagegen die Anzahl der Rentner, die das bisherige Bürgergeld brauchen, um über die Runden zu kommen. Der Maßstab dafür ist die Bedürftigkeit (Einkommen unter 1.000 €), und laut Rentenversicherung erhielten 2,5 % der Rentner diese Grundsicherung. Von der Politik der generelle Rentenerhöhung profitieren aber alle – „obwohl es 97 % so gut geht wie nie“. Warum läuft das so? „Die deutsche Rente ist institutionalisierter Streuverlust, aber ein Wahlkampfschlager für fast alle.“ (Und von der Mütterrente und Rente mit 63 war noch gar nicht die Rede). Die Kehrseite dieser Politik: Arbeitnehmer müssen in Zukunft mit deutlich höheren Beiträgen zur Rentenversicherung rechnen. Plus steigenden Kosten für den Bundeszuschuss zur Rentenversicherung über die Steuern. Zusammen heißt das: „Die weniger zahlreichen Jungen zahlen die nächsten Jahrzehnte zweimal für die Rentenpolitik, die zahlreichen Älteren keinmal. Warum begehren die Jungen nicht auf?“

Gender Pay Gap
Ein anderer Mythos: Frauen werden schlechter bezahlt als Männer. Ein Lieblingsthema, Blome räumt ein, dass er damit gerne aneckt und beschreibt seine Erfahrungen bei öffentlichen Diskussionsrunden: „Bei der geschlechterspezifischen Entgeltlücke gibt es nur zwei Lager: Gut, und das wollen bei diesem Thema wirklich alle sein. Und Böse. Das war ich.“ Dabei werde auch hier ein existierender, aber keineswegs großer Missstand jahrelang übertrieben, politisch aufgebauscht und moralisch aufgeladen. „Der Gender-Pay-Gap ist das perfekte Beispiel für die falschen Wahrheiten und linken Mythen, um die es in diesem Buch geht.“ Der 27. Februar 2026 war Equal Pay Day, dieser errechnet sich aus der angeblichen Entgeltlücke von 16 %. Verglichen mit dem Lohn der Männer arbeiten Frauen also knapp die ersten zwei Monate des Jahres umsonst. Die reale, bereinigte Entgeltlücke betrage aber nur 6 %, Blome zitiert dazu Zahlen des Familienministeriums. Dann wäre Equal Pay Day aber der 22. Januar, was natürlich nicht so viel hermacht. Und warum bleiben die 16 % trotzdem bestehen? Nikolaus Blome: „Ein Sprecher der grünen Ministerin erklärte mir damals am Telefon: Der unbereinigte Wert sei der relevante Wert, weil darüber politisch diskutiert wird.“ Mithin sei die Herleitung des Kampftages nichts als Zahlenschwindel – und die CDU mache einfach so weiter.
Mehr Maurerinnen
Aber woher kommt denn nun die Differenz von 16 % zu 6 %? Frauen arbeiten häufiger in Teilzeit und in Minijobs und sie arbeiten häufiger in sozialen Berufen, die schlechter bezahlt sind als Arbeiten in Technik und Handwerk. Sie sind auch seltener in Spitzenpositionen, nehmen häufiger Auszeiten. Werden diese und mehr Effekte aus den Stundenlöhnen herausgerechnet, dann bleiben 6 % Differenz für die Forderung „gleicher Lohn für gleiche Arbeit“. Aber dokumentieren die 16 % nicht dennoch eine gesellschaftliche Ungerechtigkeit? Blome argumentiert dagegen: Sind die Teile der Berufswelt, in der Brutto die Stunde mehr bezahlt wird als in sozialen Berufen, vielleicht gar nicht so attraktiv? „Ich habe noch nie öffentlich Klagen gehört, dass Deutschland erst dann ein gendergerechtes Land sei, wenn es deutlich mehr Maurerinnen oder Müllwerkerinnen gebe – oder das auf diesem Weg die Entgeltlücke zu schließen sei.“
Klimaschutz, eine ewige Bußprozession
Zwölf Kapitel hat das Buch, hier noch ein Blick in das Kapitel zum Klimaschutz. „Klimaschutz in Deutschland ist für tonangebende Milieus eine niemals endende, immer neu Identität stiftende Bußprozession“. Das angebliche deutsche Versagen beim Klimaschutz, ein weiterer Mythos. Aber „jedes großen Buschfeuer, jeder Hurrikan, jede Überschwemmung auf dem Planeten bestätigt den Glaubenssatz, dass hierzulande zu wenig getan wird.“ Damit sei das sanfte Rollback der neuen Regierung zu jeder Zeit in der Defensive. „Als sich Anfang 2026 abzeichnet, dass Deutschland das vierte Jahr in Folge das eigene Klimaziel erreicht hat – keine Erfolgsmeldung der Bundesregierung“. Man hätte sich mal auf die Schulter klopfen können, aber „macht der deutsche Klimaschutz Fortschritte, werden sie von jenen Gruppen, die ihn am lautesten fordern, entweder relativiert oder geleugnet“. Hier geht es um den Gesamtausstoß, nicht alle Sektoren darin schneiden gleich gut ab. Doch was hören wir darüber in den Nachrichten? Deutschland habe 2024 die geforderte CO2-Reduzierung geschafft, schreibt Blome, aber tagesschau.de macht daraus: „Deutsches Ziel erreicht, EU-Ziel verfehlt;“ insgesamt war es ein Erfolg, aber nicht alle Sektoren gleichermaßen, wie es die EU damals vorgab. 2025 wieder das Gesamtklimaziel erreicht, wenngleich knapper als im Jahr zuvor. Tagesschau.de macht daraus: „Deutschland verliert Tempo beim Klimaschutz“.
Politische Bildung mal anders
In weiteren Kapiteln erfährt man, warum es einen großen Unterschied macht, ob man von Deutschland als „Einwanderungsland“ oder als „Fluchtland“ spricht, und warum „Aufstieg durch Bildung“ schon lange nicht mehr so gilt, wie in den 70er Jahren. Und abschließend empfiehlt Blome jedem politisch Interessierten: „Das stimmt doch gar nicht“ solle der neue Satz der Freiheit werden, man sollte sich nicht von einem Dutzend deutscher Mythen leiten lassen. „Falsche Wahrheiten“ erschien zuerst Anfang 2025 im Verlag DVA mit dem Untertitel „12 linke Glaubenssätze, die unser Land in die Irre führen“. Damals ging es gegen die Ampel; die überarbeitete Neuauflage 2026 fragt, was sich seit dem Regierungswechsel mit CDU-Kanzler geändert hat. Nicht viel, und so lautet der neue Untertitel „Wie linke Mythen den Kurs des neuen Kanzlers bestimmen“. Bissig geschrieben, dabei unterhaltsam und erhellend. Politische Bildung mal anders.
Nikolaus Blome
Falsche Wahrheiten
Wie linke Mythen den Kurs des neuen Kanzlers bestimmen
Verlag Pantheon
ISBN 978-3-570-55523-1
Paperback 224 Seiten, 16,- €
Blick ins Buch
Falsche Wahrheiten
