Wolfgang Kemp

Schöne neue Sprache

von Michael Schlag

Was ist nur mit unserer Sprache los, kann denn keiner mehr geradeaus sagen, was er meint? „Sozusagen sage ich mal irgendwie, so quasi ein bisschen ein Stück weit“ – alles „sprachliche Luschen“, schreibt Wolfgang Kemp in seinem Buch „Irgendwie so total spannend“. Darin nimmt er unseren heutigen Sprachgebrauch aufs Korn, und findet viele Absurditäten – teils spaßig, oft leider bitter ernst.

Umgehungsdeutsch und Ultradeutsch

Parallel zu den devot unscharfen Luschen läuft eine gegensätzlich kodierte Sprachspur von „absolut, total, genau, definitiv, mega, Hammer.“ Parallel zum schwammigen Umgehungsdeutsch gebe es ein „Ultra-Deutsch“, dem es nicht krass genug sein kann. Es ist „das gleichzeitige Auftreten von Spracherweichung und Spracherhärtung, von Färbung und Entfärbung.“ Kemp seziert mal einen gesprochenen Satz Wort für Wort, nimmt ihn ganz wörtlich. Nur um am Ende zu erkennen: Das sind ja nur Töne, der Satz hat gar keinen Inhalt.

Invasion der Wortluschen

Was haben die vielen Partikel wie „so, halt, also, schon, eben, eigentlich“ im Satzbau überhaupt verloren? „Sie blähen“, schreibt Kemp, „haben keine grammatische Funktion und keine inhaltliche Funktion“. Man trifft sie auch in Verben wie abändern oder anfragen. Auch da tragen sie nichts Konstruktives zum Ausdruck bei, sondern „Partikeln erzeugen durch die Wiederholungen einen Sound, der von Aussageeinheiten ablenkt“. Alles wird schwammig, vieles gesagt aber gleichzeitig könnte es ja auch anders sein. Kemp ist da unversöhnlich: „Partikeln sind die Feinde des Satzbaus und damit des wohlgeformten Gedankens.“

Wolfgang Kemp, geboren 1946, war Professor für Kunstgeschichte in Kassel, Marburg und Hamburg. Seit seiner Emeritierung lehrt er an der Leuphana Universität Lüneburg. Foto © Catharina Berents Kemp
Der Tanz ums Gerundium

Nun ist Sprache verhunzen nichts Neues. Heinrich Böll hat das in seinem unnachahmlichen Stück „Dr. Murkes gesammeltes Schweigen“ schon 1955 beschrieben. Meinungen ändern sich und dann soll alles schon immer anders gewesen sein. Und woher kommen heute die Interventionen in die Sprache? Vieles ist von oben verordnet: „Die Maschinerie der Verwaltung bildet schemenhafte Wörter, in denen kaum noch anklingt, dass es sich um Individuen handelt.“ Die gegenderte Sprache kommt ex officio, gar mit Berufung auf den Gleichheitsgrundsatz des Grundgesetzes. Dieser Abschnitt in dem Buch ist wirklich lesenswert: „Der Tanz ums Gerundium“. So also entsteht diese seltsame hybride Sprache.

Wähler und Wählende

Man sagt nicht mehr Lehrer oder Lehrerin, sondern nimmt das Verbalsubstantiv „Lehrende“ oder das Verbaladjektiv „lehrende Personen“. Das liest sich verklemmt, hört sich auch so an, und „das Gerundium wirkt nicht nur demonstrativ unbeholfen, sondern ist auch falsch“, so Kemp. Ein Beispiel dafür sind die Wähler und die Wählenden. Der Unterschied: „Wähler haben das Wahlrecht ihr Leben lang und werden zu Wählenden nur in wenigen kurzen Momenten ihres Lebens – wenn sie die Wahl ausführen.“ Der Wähler ist keine Person, sondern eine politische Größe, deren Rechte im Vordergrund stehen und nicht ihr Geschlecht. Das kann man immer weiter durchspielen, aus Sprechern werden schließlich Sprachaktteilnehmende. Das Gerundium sei eine verordnete Sprachmaßnahme und „eine weitere Wortlusche“.

Verdrehen ins Passiv

Man kann sich daran vorbeiformulieren, indem man ganze Sätze ins Passiv verdreht. Anstatt zu schreiben „Die Mitarbeiter erhalten die Unterlagen im Sekretariat“ heißt es dann „Die Unterlagen werden im Sekretariat ausgegeben“. Diese Änderung ist überhaupt nicht banal, denn der Vorgang wird jetzt anonym, „ohne Personen eben, die nachfragen, oder denen eventuell geholfen werden müsste“. Ein anderes Prinzip lautet: Nenne das Amt, nicht die Person. Aus dem Lehrer wird die Lehrkraft, aus dem Dekan wird „das Dekanat“, die Menschen sind raus, ein abstrakter Begriff tritt an ihre Stelle. Aber zwischendurch mal eine gute Nachricht: „Hoffnungsvoll stimmt, dass die wichtigsten Akteure der deutschen Sprache nicht mitmachen: die Schriftsteller und Schriftstellerinnen.“

Gender-I oder Gender*?

Manchmal wird es wirklich skurril. Daran hat man sich mittlerweile gewöhnt: Lehrer und Lehrerinnen werden zu LehrerInnen. Dieses Binnen-I ist aber nicht mehr gut genug, denn es packt sprachlich nur Frauen und Männer in ein Wort. Will sagen: Auch das Binnen-I ist binär. Wogegen korrektes Gendern doch das ganze Spektrum der Geschlechtsidentitäten sprachlich sichtbar machen soll. Der Gender*Stern also ist richtig, doch wie spricht man das aus, im Unterschied zum Binnen-I? Wolfgang Kemp sagt, er wäre bereit, Kreativkurse in „Schreiben unter der Genderlinie“ zu geben. Darauf dürfte man gespannt sein.

Wolfgang Kemp
Irgendwie so total spannend
Unser schöner neuer Sprachgebrauch
zu Klampen Verlag
ISBN 9783987370342
Hardcover 144 Seiten, 18,00 €

Leseprobe:
https://zuklampen.de/wp-content/uploads/2025/12/9783987370342-Irgendwie-so-total-spannend-Leseprobe.pdf

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