Die Johannes-Pistorius-Stadt
Von Elfriede Maresch
Hessens Innenminister Professor Dr. Roman Poseck kam ins Heimatmuseum Nidda zur offiziellen Verleihung der Zusatzbezeichnung „Johannes-Pistorius-Stadt“ und erfüllte damit ein Anliegen von Bürgerschaft und Stadtverordnetenversammlung. Willkommen hieß ihn eine Gruppe in der Kleidung des 15. Jahrhunderts, das Darstellerensemble der Stadtrundgänge auf den Spuren der Familie Pistorius, allen voran der Vorsitzende des Vereins Heimatmuseum, Martin Röhling, als der damalige Amtmann Jost Rau zu Holzhausen.Bildung und Mitmenschlichkeit
„Die von Johannes Pistorius gelebten Werte Verantwortung, Bildung und Mitmenschlichkeit sind identitätsstiftend für die Stadt Nidda“ betonte Poseck in seiner Ansprache. Sie seien auch noch heute wegweisend, meinte der Innenminister bei der Übergabe der Verleihungsurkunde unter dem Applaus von Vertretern der Kommune sowie der beiden Kirchengemeinden und des Vereins Heimatmuseum Nidda e.V. Damit gehört Nidda unter den 421 hessischen Kommunen zu den 67 Orten, denen nach strengen Maßstäben das Recht auf die Führung einer Zusatzbezeichnung zugestanden wurde.
Damit war ein Ziel erreicht, für das sich insbesondere die Aktiven des Vereins Heimatmuseum Nidda e.V. und Vertreterinnen und Vertreter der Kirchengemeinden und des Dekanats seit längerer Zeit einsetzen. Über die Namensverleihung hinaus ist ihr Ziel, Leben und Leistung von Johannes Pistorius dem Älteren (1503 – 1583) ) und seines gleichnamigen Sohnes (1546 -1608) bekannter machen. Dazu haben Vereinsaktive, insbesondere Beate Harbich-Schönert, unterstützt von Reinhard Pfnorr, Martin Röhling, Pfarrer Reiner Isheim und beraten vom Kirchenhistoriker Professor Dr. Volkmar Ortmann, eine Ausstellung konzipiert und mit historischen Bildern, Porträts, Ortsansichten veranschaulicht.

Ausstellung informiert über Pistorius
Eine wichtige Quelle war die Doppelbiografie von Vater und Sohn Johannes Pistorius Nidanus (Heft 2 der vom Museumsverein herausgegebenen Niddaer Geschichtsblätter von 1994). Günther hatte zunächst nur zum Sohn Johannes Pistorius, Mediziner und Theologen, geforscht´, sich nach einem Vortrag in Nidda 1992 auch der Darstellung des Vaters zugewandt und im engen Dialog mit Reinhard Pfnorr, dem heutigen Ehrenvorsitzenden des Vereins, war die Doppelbiografie herausgegeben worden. So war es eine besondere Freude, dass Günther zur Namensverleihung nach Nidda kam.

Bewusst setzt die aktuelle Ausstellung Schwerpunkte. So finden sich unter den Stichworten „Bildung, Wissen, Freude“ Informationen zu Stadt- und Familiengeschichte, Kindheit, Studium und zu Pistorius´Zeit als Johanniterkaplan. Die Tafeln „Ziele, Mut, Meinungsfreiheit“ schildern das Wechselspiel zwischen Reformation und Politik und wie früh sich der junge Pistorius in der reformatorischen Bewegung beim Abendmahlsgespräch 1529 profilierte. Später – überschrieben mit „Verantwortung Haltung, Toleranz“ – schickte Landgraf Philipp I. ihn zu wichtigen Reichstagen und Religionsgesprächen und Pistorius bemühte in freundschaftlicher Arbeitsbeziehung mit Philipp Melanchthon und dem Straßburger Reformator Martin Bucer um Vermittlung zwischen konträren Standpunkten und für die Einheit der Kirche. Die Tafeln „Liebe -Heimat“ 1535 informieren über die Heirat mit Margaretha Scriba, die kinderreiche Familie, aber auch die Schicksalsschläge.„Fürsorge, Gottvertrauen, Menschlichkeit“ schildert Pistorius´seelsorgerlichen Einsatz in der Pestepidemie von 1525, bei der ein Drittel der Niddaer Bevölkerung starb.
Aus der Zeit gefallen
„Persönlichkeit, Bescheidenheit, Würde“ schildert die Haltung von Johannes Pistorius nach dem Pest-Tod von fünf Kindern und dem tödlichen Unfall seiner Frau. Der Sohn ging zum Studium zunächst nach Marburg. Der vereinsamte Vater erfüllte weiter mit Pflichttreue seinen Aufgaben in der Pfarrgemeinde und in seinem weiten Kirchengebiet bis Alsfeld. Es war beruflich keine leichte Zeit, erbitterte Richtungskämpfe zwischen so genannten Orthodoxen, die sich eher auf Luthers Schriften stützten und den an Melanchthon Orientierten prägten die evangelische Kirche. Die Weggefährten von Johannes Pistorius – Melanchthon, Bucer, Landgraf Philipp I. – waren verstorben. Viele in der nachfolgenden Generation nahmen andere Positionen ein, vielleicht erschien ihnen Pistorius´ Eintreten für Frieden und Toleranz „aus der Zeit gefallen“. 1579 legt der gebrechlich und müde gewordene Pistorius sein Amt nieder. Eine andere Position vertrat sein Amtsnachfolger als Superintendent in Alsfeld und Nidda, Georg Nigrinus. Er war mit Schmähschriften gegen Calvinisten und Juden hervorgetreten und befürwortete Hexenverfolgungen.
Pistorius´ Ziel, die frühe Reformationsgeschichte aus seiner Zeitzeugensicht zu schreiben, gelang nicht mehr. Seine Sehkraft hatte zu stark nachgelassen. Verschollen ist sein Privatarchiv, nicht mehr auffindbar sein Grabstein. Nur die Inschrift mit dem Sterbedatum des 25. Januar 1583 ist überliefert. Der Sohn hat ihn setzen lassen und nennt in der Inschrift seine dankbare Gesinnung an den Vater.
Vergnügte Weinverkostung
Ein Verdienst der Ausstellung ist auch der kurze Blick auf dessen Leben (1546 – 1608). Der Hochbegabte studierte Theologie, Jura und Medizin, praktizierte als Arzt in Frankfurt, Worms und Durlach und machte nach seinem konfessionellen Übertritt 1588, dem Studium der katholischen Theologie und der Priesterweihe steile Karriere. Er wurde Generalvikar des Bischofs von Konstanz, kaiserlicher Rat und Beichtvater Kaiser Rudolfs II.
„Namensverleihung und Ausstellungseröffnung muss gefeiert werden!“ sagten sich die Organisatoren und luden zu einer vergnügten Weinverkostung mit historischen Elementen. Ulrich Ritter und Claudia Gottschalk vom Musikinstrumentenmuseum Lißberg hatten historische Flöten, Drehleiern und Dudelsäcke aus dem Bestand dieser hochwertigen Sammlung mitgebracht. Sie spielten vitale Trinklieder und Tänze, wie sie damals in Schenken, auf Dorffesten oder von Vaganten zu hören waren – genau passend in die lockere vergnügte Stimmung des Abends.
Die Sonderausstellung „Johannes Pistorius und seine Zeit“ ist zugleich ein Beitrag zum Jubiläum „500 Jahre Reformation in Nidda“ und bis zum 15.November zu den Öffnungszeiten des Heimatmuseums donnerstags und sonntags von 15 bis 17.30 Uhr und nach Vereinbarung geöffnet.
Titelbild: Musik auf historischen Instrumenten zum Feiern und Genießen spielten Claudia Gottschalk und Ulrich Ritter. Links im Bild Altraud Kleinau-Ritter.