Klaus Mann Mephisto

Der Künstler in der Diktatur

von Michael Schlag

Man darf sagen, dass dies ein anspruchsvoller Theaterabend wird: „Mephisto“ nach dem Roman von Klaus Mann in der Inszenierung von Regisseur Ronny Jakubaschk im Oldenburger Staatstheater. Das zweistündige Schauspiel im Großen Haus ist ein echtes Erlebnis, die schauspielerische Leistung des Hauptdarstellers Hagen Bähr kaum zu fassen.

Von den Nazis vereinnahmt

Deutschland in der Weimarer Republik. Der Schauspieler Hendrik Höfgen ist der Star des Hamburger Künstlertheaters. Politisch eher links, plant er als Regisseur gar einen Zyklus mit Stücken für ein revolutionäres Theater. Seine Karriere setzt sich fort auf den großen Bühnen von Berlin in den bedeutenden Rollen der dramatischen Literatur. Als die Nationalsozialisten die Macht in Deutschland übernehmen, vereinnahmen sie Hendrik Höfgen als ihrer kulturellen Repräsentanten. Die Figur des Mephistopheles, der Verführer zum Bösen in Goethes „Faust“, wird zu seiner Paraderolle. Lässt er das alles einfach geschehen, gegen inneren Widerstand? Oder sucht er nicht selbst die Nähe zu den neuen Herrschern, die ihm die ganz große Karriere eröffnen? Reicht es zu meinen, man sei doch nur Vertreter der ewigen Künste, ganz gleich in welchen politischen Umständen?

Matthias Kleinert (Maske), Hagen Bähr (Hendrik Höfgen) Foto © Stephan Walzl

Innensicht des deutschen Kulturlebens

Klaus Mann floh bereits 1933 ins Exil und veröffentlichte seinen Roman „Mephisto“ mit dem Untertitel „Roman einer Karriere“ 1936 im Amsterdamer Querido Verlag. Zu der Zeit eines der wichtigsten Publikationshäuser für deutsche Emigranten. Klaus Mann gehörte damit zu den ersten Autoren, die sich mit den Zuständen im neuen Nazi-Deutschland auseinandersetzten. Er liefert damit auch eine Innensicht des deutschen Kulturlebens während der nationalsozialistischen Herrschaft. Für Klaus Mann steht das Urteil fest: Er zeichnet das Bild eines Menschen, der sich für seinen persönlichen Erfolg in den Dienst einer autoritären Macht stellt. Diesem Helden geht die eigene Karriere über alles, er setzt dafür aktiv Taktik und Strategie ein, selbst die Partnerinnen wählt er danach aus.

Paulina Hobratschk (Die Pelz), Hagen Bähr (Hendrik Höfgen) Foto © Stephan Walzl
Günstling der Nazi-Herrscher

Das einst angekündigte proletarische Theater ist bald vergessen, der Theaterstar wird zum geförderten Günstling der Nazi-Herrscher, während frühere Künstlerkollegen aus politischen Gründen nicht mehr arbeiten dürfen, und – wie Klaus Mann selber – ins Exil gehen. Dank der Fürsprache des Reichsmarschalls wird Hendrik Höfgen schließlich Intendant des Preußischen Staatstheaters. Kein Zweifel auch, wer in der Realität damit gemeint war: Gustav Gründgens.

Nützliche Helfer des Systemwechsels

80 Jahre nach seiner Entstehung ist der Stoff von „Mephisto“ wieder hoch aktuell. Wie verhalte ich mich gegenüber einer politischen Bewegung, mit der ich zwar nicht sympathisiere, aber die mir doch ungeahnte Möglichkeiten bietet? Angesichts von totalitären Tendenzen in der Welt, in Europa und denkbar auch hierzulande, fragt sich Regisseur Jakubaschk: „Wie werden wir uns verhalten? Auf welcher Seite werden wir stehen?“ Immer wieder hätten solche Charaktere totalitäre Systeme gestützt, auch ohne selbst unmittelbar Täter zu werden. Dennoch seien sie „nützliche Helfer bei der Umdeutung von Werten, die einen Systemwechsel vorbereiten.“

Franziska Werner (Ottilie Ulrichs), Hagen Bähr (Hendrik Höfgen), Tobias Schormann (Hans Miklas)
Foto © Stephan Walzl
Im Westen verboten

Nach dem Zweitem Weltkrieg geriet der Roman in Vergessenheit, Klaus Mann nahm sich 1949 das Leben. Gustav Gründgens konnte in der Bundesrepublik Deutschland seine Karriere als Theaterintendant, Schauspieler und Regisseur fortsetzen – auch wieder in seiner Rolle als Mephistopheles in Goethes Faust. 1956 erschien im Ostdeutschen Aufbau Verlag eine Neuausgabe von Klaus Manns Mephisto. Als die westdeutsche Nymphenburger Verlagshandlung 1963 eine Gesamtausgabe der Werke Klaus Manns plante, in der Mephisto als zweiter Band erscheinen sollte, reichte der Adoptivsohn von Gründgens Klage beim Landgericht Hamburg ein. Es ging um die Freiheit der Kunst gegen den Schutz von Persönlichkeitsrechten. Beides sind Grundrechte und das Bundesverfassungsgericht bestätigte 1971 das Verbot des Erscheinens im Westen. Allerdings war der Roman in den Nachbarländern immer erhältlich.

Mehr Informationen, die kommenden Aufführungstermine und eine Einführung zum Stück auf der Webseite des Staatstheaters:

Staatstheater Oldenburg

Eindrücke von der Inszenierung bei YouTube:

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