Trinkwasser

Das Konzept zum nachhaltigen Schutz

von Bruno Rieb

Durch den Klimawandel wird im Vogelsberg weniger Grundwasser neu gebildet, auch weil „das langsame Einsickern einer Schneeschmelze fehlen wird“. Das prognostiziert die Schutzgemeinschaft Vogelsberg (SGV) in ihrer Konzeptstudie „Zukunftsfähige Wasserversorgung Rhein-Main und ihre Vereinbarkeit mit Natur- und Wasserschutz“. In dieser Studie macht die SGV Vorschläge, wie trotz widriger Umstände das Grundwasser in dem Mittelgebirge geschont werden kann. Die Vogelsberg-Schützer befürchten, dass immer mehr kostbares Wasser aus ihrem Gebirge ins Rhein-Main-Gebiet gepumpt wird.

Trinkwasser sparen

In Frankfurt werde „der Trinkwasserbedarf durch eine kaum zu zügelnde Bautätigkeit und ohne ein schlüssiges Wasserkonzept völlig unnötig in die Höhe getrieben“, heißt es in der Studie. Statt Trinkwasser aus dem Vogelsberg könne Betriebswasser – gesammelter Regen oder Wasser aus Flüssen – in Frankfurt zum Spülen der Toiletten oder zum Bewässern der Straßenbäume verwendet werden. „Durch das systematische Nutzen von Betriebswasser vor allem in Neubaugebieten kann das Wachstum im Ballungsraum vom Trinkwasserbedarf entkoppelt werden. Es liegt in der Verantwortung der Kommunen, im Rahmen ihrer Klimaanpassung die Betriebswassernutzung für das Absichern ihrer Versorgung, zur Entlastung der Trinkwasserressourcen und der Regenwasserkanäle zum Stand der Versorgungstechnik zu machen“, schlägt die SGV im Kapitel „Ausgewählte Maßnahmen für eine zukunftsfähige Wasserversorgung“ ihrer Studie vor.

Aus der Dokumentation und Konzeptstudie „Zukunftsfähige Wasserversorung Rhein-Main und ihre Vereinbarkeit mit Natur- und Wasserschutz“

Eine weitere Maßnahme ist die umweltschonende Grundwassergewinnung. Die wurde bereits 1991 von der Schutzgemeinschaft entwickelt. Sie sei „mittlerweile ein Instrument der Wasserwirtschaft und des Naturschutzes“ geworden, stellt die SGV fest. Sie soll Biotope vor Wasserentzug durch Wasserwerke bewahren. Mindeststände des für Pflanzen verfügbaren Grundwassers sollen eingehalten werden. Anhand einer Kombination von flachen und tiefen Grundwassermesspegeln und Oberflächenwasser-Pegel definieren die Genehmigungsbehörden Grenzgrundwasserstände, die nicht unterschritten werden dürfen.

In ihren Studien definiert die SGV nun „Umweltschonende Grundwassergewinnung 2.0“, durch die die Wasserförderung an den Klimawandel angepasst werden soll. Vorwarnwerte sollen eingeführt werden, die Tages- oder Monats-Höchstfördermengen dauerhaft oder zeitweise eingeschränkt und Fördermengen aus ökologisch sensiblen Gebieten zeitweise flexibel verlagert werden. Diese Grundwasserförderung 2.0 möchte die SGV gesetzlich verankert haben. Sie müsse in das Hessische Wassergesetz aufgenommen werden, um ihr den nötigen Rechtsstatus zu sichern.

Kein Geschäft mehr mit dem Wasser

Obwohl über den sparsamen Umgang mit Trinkwasser seit Jahrzehnten diskutiert wird, ist aus Sicht der Schutzgemeinschaft bislang viel zu wenig getan worden, um tatsächlich Wasser zu sparen. Als Grund dafür sieht die SGV, dass die Wasserversorger vor allem am finanziellen Gewinn aus dem Wasserverkauf orientiert sind. „So hat die Mainova ihren Wasserumsatz in 2018 gegenüber 2017 um 2,1 Millionen Kubikmeter gesteigert und konnte für 2018 einen Gewinn von 5,7 Millionen Euro aus dem Wassergeschäft an die Stadtwerke Holding überweisen“, schreibt die SGV. Obwohl die Verwendung von Betriebswasser die Trinkwasserversorgung entlasten könnte, werde sie „aufgrund von wirtschaftlichen Interessen von Politik und Versorgern verhindert. Im Konflikt zwischen mehr Wasserverkauf und nachhaltigem Wirtschaften scheinen immer noch gewinnorientierte Betriebswirte die Oberhand gegenüber einer verbrauchsreduzierenden Daseinsvorsorge zu haben.“

Aus der Dokumentation und Konzeptstudie „Zukunftsfähige Wasserversorung Rhein-Main und ihre Vereinbarkeit mit Natur- und Wasserschutz“

Dem möchte die Schutzgemeinschaft einen Riegel vorschieben, indem die Wasserversorgung öffentlich-rechtlich organisiert wird. Sie schreibt in ihrem Maßnahmenkatalog unter Punkt 14: „Die Wasserversorgung ist ein elementarer Bestandteil der allgemeinen Daseinsvorsorge. Ihre Organisation ist daher eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, zumal sie durch den Klimawandel auf das Bewältigen von Worst-Case-Bedingungen und damit auf eine langfristige Sicherung der Gemeingüter ausgelegt werden muss. Ein Zwang zur kurzzeitigen betriebswirtschaftlichen Gewinnerwirtschaftung beziehungsweise -Maximierung, der den Motor privatwirtschaftlicher Systeme darstellt, ist dafür kontraproduktiv.“ Das Risiko für eine nachhaltige Ressourcenbewirtschaftung sei viel zu groß. In der Konsequenz müsse die Wasserversorgung öffentlich-rechtlich ohne Gewinnabsichten organisiert werden, denn eine öffentlich-rechtliche Gesellschaft sei der Wasserversorgung ebenso verpflichtet wie dem damit unter Umständen konkurrierenden Naturraum. „Die Erfahrung zeigt allerdings, dass auch öffentlich-rechtliche Versorger von unabhängigen Gremien kontrolliert werden müssen. Kurzum: die Wasserversorger müssen von der Last der Gewinnerwirtschaftung befreit und im Sinn einer langfristigen Zukunftssicherung ertüchtigt werden“, heißt es in der Studie.

Autor der über 100 Seiten umfassenden Dokumentation und Konzeptstudie „Zukunftsfähige Wasserversorung Rhein-Main und ihre Vereinbarkeit mit Natur- und Wasserschutz“ ist Dr. Hans-Otto Wack, wissenschaftlicher Berater der SGV, unter Mitwirkung von Dr. Anne Archinal, Dr. Wolfgang Dennhöfer, Cécile Hahn und Heiko Stock. Die gedruckte Fassung im Din-A-4-Format kostet 14 Euro, die digitale Ausgabe kostet 8 Euro. Sie können auf der Hompepage der SGV bestellt werden sgv-ev.de/veroffentlichungen/

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