Frühe Vögel

Klimawandel lässt Störche bleiben

Von Klaus Nissen

Der Klimawandel bringt die Rhythmen der Vögel durcheinander. Schon im Januar wurden Kraniche in der Wetterau gesichtet – und viele Störche verlassen das Rhein-Main-Gebiet überhaupt nicht mehr. Auch kleinere Vögel verändern ihr Verhalten.

Wer früh da ist, bekommt den besten Nistplatz

Einsam steht ein Silberreiher auf der großen Wiese am Nidder-Ufer. Er hat den Hals ein wenig eingezogen und scheint zu frieren. Kein Wunder – zwei Grad minus zeigt das Thermometer an diesem Mittwochmittag. Hellgrauer Nebel wabert über das Naturschutzgebiet „Im Rußland und in der Kuhweide“ südlich von Lindheim bei Altenstadt. „Die Silber- und die Graureiher sind eigentlich Süd-Vögel“, sagt Manfred Vogt. Der Gebietsbetreuer vom BUND Limeshain hängt sein Fernglas wieder um den Hals. In den Fünfzigerjahren hätte es beim Anblick der Reiher einen Medienrummel gegeben. Inzwischen sei ganz selbstverständlich, dass die scheuen, hochbeinigen Vögel auch im Winter die Wetterau bevölkern. Sogar die Agrarwüsten im Zentrum des Landkreises.

Der Kranich ist am roten Fleck auf dem Kopf gut erkennbar. Foto: Aandreas Trepte, www.photo-natur.de

Die Klima-Erwärmung lockt andere Zugvögel ebenfalls weiter in den Norden. Manche fliegen über den Winter gar nicht mehr nach Afrika. Sie warten die kalten Monate in Frankreich ab und kommen schon im Januar zurück.

Am 18. Januar landeten laut Manfred Vogt etwa zehn Kraniche im zweitgrößten Naturschutzgebiet der Wetterau bei Lindheim. „Das sind die Handtuch-Leger – die suchen schon mal nach den besten Nistplätzen im Norden“. Etwa tausend Kraniche wurden bereits am Himmel gesichtet. Sie fliegen nordöstlich zu ihren Brutplätzen in  Mecklenburg-Vorpommern. Die Feuchtgebiete der Wetterau sind laut Manfred Vogt zu klein für die  Aufzucht der Jungen. Sie brüten am liebsten auf Inseln, weil sie da sicherer vor Füchsen, Marderhunden und den von Menschen ins Land gebrachten Waschbären sind. In der Nidder-Aue rasten die Kraniche auf ihren Herbst- und Frühjahrszügen. Jetzt auch schon im Januar. „Die wollen nachts im Wasser stehen“, sagt Manfred Vogt. Aus Sicherheitsgründen.

Wilhelm Fritzges (links), Manfred Vogt und Stefan Weitzel sind die Beschützer des mehr als 200 Hektar großen Vogelschutzgebietes an der Nidder bei Lindheim in der Wetterau. Foto: Nissen

Auch viele kleine, unscheinbare Vögel sind mit der Klima-Erwärmung früher als in anderen Zeiten bei uns präsent. Vor 40 Jahren überwinterten die Stare noch am Mittelmeer. „Jetzt übernachten 2500 Stare im Schilfgebiet bei Steinfurth“, berichtet Stefan Stübing von der Hessischen Gesellschaft für Ornithologie  und Naturschutz (HGON).  Bei Grund-Schwalheim wurden etwa 60 Bachstelzen gesichtet – „die kommen sonst erst im Februar zu uns.“ Sogar der Zilpzalp – ein Insektenfresser – hält mittlerweile den deutschen Winter aus. Der Wiesenpieper und der Hausrotschwanz, der in den Dörfern nach Nahrung sucht. Ringeltauben gab es vor 60 Jahren hier ebenfalls im Winter noch nicht. Die Feldlerchen wagen sich laut Stefan Stübing zwar noch nicht bis Nordhessen. Aber in der Wetterau seien alle zwei Kilometer kleine Gruppen der grandiosen Sänger zu finden und manchmal auch schon zu hören. Selbst die schon immer hier überwinternden Vögel ändern ihr Verhalten. Der Grünspecht beginnt bereits mit der deutlich hörbaren Balz. Die Kohl- und die Blaumeisen testen die Nistkästen und richten erste Nester her. Lautstark werden sie verteidigt. Das klingt nach Frühling. „Es ist ein Märzgefühl“, fasst Stefan Stübing die Stimmung zusammen.

Aber was passiert, wenn die nächsten Wochen doch noch länger frostig und weiß werden? Den kleinen Zugvögeln droht dann der Hunger- und Kältetod. Gut die Hälfte von ihnen könne durchaus auf der Strecke bleiben, schätzt Stübing. Sie haben keine Energie-Reserven, um der Kälte nach Süden auszuweichen. Das Risiko nehmen sie instinktiv in Kauf, um früher als ihre Artgenossen die besten Brutplätze zu besetzen.

Für große Vögel wie die Reiher, die Kraniche und die Störche wäre ein Winter-Einbruch nicht ganz so gefährlich. Letztere sind wie die Reiher schon in großer Zahl vor Ort. Im Bingenheimer Ried haben sie beinahe alle acht Nester besetzt, berichtet Stefan Stübing. Und in der Nidder-Aue bei Lindheim wurden vorige Woche drei Paare für einige Tage gesichtet, bevor sie weiterzogen. Den ganzen Winter über bleiben hier nur Wilhelm und Wilma – so wie alle Jahre. Sie nisten auf einem Schornstein des Hofes Westernacher im Zentrum von Lindheim. Wilhelm wird jetzt 30 Jahre alt, sagt sein Betreuer Wilhelm Fritzges. Der Storch  wurde 1990 in Neu-Anspach geboren und später gestutzt, damit er nicht nach Süden fliegt. Vielleicht sollte er als Maskottchen im Hessenpark bleiben, vermutet Wilhelm Fritzges. Doch der Storch büxte aus und landete zum ersten Mal 1998 in Lindheim. Seine zweite Partnerin Wilma bleibe inzwischen ebenfalls über Winter vor Ort. Fritzges füttert die Tiere nur dann mit toten Küken, wenn es frostig wird und sie draußen nichts mehr zu fressen finden.

Ein Weißstorch sucht im Frühjahr auf den feuchten Wiesen bei Lindheim nach Futter für seinen Nachwuchs. Foto: Nissen

In der kommenden Saison werden bestimmt wieder alle zwölf Storchennester besetzt sein, glaubt Wilhelm Fritzges. Für weitere Störche gäbe es wohl kaum ausreichend Nahrung. Wilhelm und seine Partnerin halten ihren Stammplatz auf dem Schornstein schon besetzt. Selbst in der Nacht sind sie schemenhaft live über die Storchenkamera der Natur- und Vogelschutzgruppe Lindheim zu beobachten. Auf www.vogelschutz-lindheim.de sieht man, wie sie mit den Schnäbeln im Gefieder stoisch der Zugluft trotzen.

Und wenn es doch noch eisig und schneereich wird?  Dann können die Störche nach Büttelborn ausweichen. Auf der Mülldeponie im Kreis Groß-Gerau wird Biomüll zwischengelagert. Der ist laut Stefan Stübing das Nahrungsdepot für bis zu 150 hier überwinternde Weißstörche. „Von denen sind viele dabei, die in der Wetterau brüten.“

Ein Gedanke zu „Frühe Vögel“

  1. Ich hoffe nur für die Störche und Kraniche im Kreis Groß – Gerau in Büttelborn, dass die auf der dortigen Mülldeponie Arbeitenden Müllwerker weiterhin gut darauf achten, dass dort, wo die Störche und Kraniche ihre Nahrung suchen, keine allzu schädlichen Plastik- oder Gummiteile herumliegen. Und sie auch mal dort, wo es für sie ungesund ist, diese verscheuchen. Denn im März oder April wurde in der Nähe der Mülldeponie Wickert von einem Naturschützer ein ausgewachsener Altstorch tot aufgefunden. Weil keine Todesursache zu erkennen war, wurde dessen Inneres sziert. Im Magen wurde man fündig. Die Todesursache des prächtigen Altstorchs war schnell gefunden, nämlich langsamer Tot durch verhungern bei gefüllten Magen. Weil die Nahrung nicht artgerecht war, die der Storch zu sich nahm. In seinem Magen waren überwiegend Gummiringe und auch Plastickteilchen gefunden, die der Storch verschluckte und nicht verdauen konnte, da der Storch nicht kaut und nur greift mit dem Schnabel und auch keine Teile abtrennen kann, um diese dann besser verschlucken zu können, werden halt auch diese Teile ganz mit verschluckt. (Kommentar von der Redeaktion gekürzt)

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