Tempolimit

Schluss mit dem Gezacker!

von Ursula Wöll

Die Mehrheit der Bevölkerung ist für ein generelles Tempolimit, das wenigstens hat der Bund für Umwelt und Naturschutz (Bund) herausgefunden. Der Bund fordert eine Limitierung auf maximal 120 Stundenkilometer auf allen Autobahnen. Das ist sehr vernünftig, denn dann würden fünf Millionen Tonnen Kohlendioxid pro Jahr weniger in die Luft geblasen und nicht nur 1 bis 2 Millionen weniger wie bei Tempolimit 130, das in Berlin im Gespräch ist. Mit einer derart schüchteren Reduzierung will man einerseits die Autoindustrie und andererseits die Autonarren nicht verärgern.

Nicht nur die Autoindustrie bremst

Es ist vor allem die Autoindustrie mit ihren immer größeren und schnelleren Modellen, die sich hinter den Kulissen gegen jedes Limit sträubt. Und die Politiker gewisser Parteien küssen ihr die Füße. Während in ganz Europa bis auf Malta bereits gesetzliche Tempolimits gelten, will unser Verkehrsminister da einfach nicht ran. So was bescheuertes! (Ob er auf einen Job spekuliert, wenn er endlich seinen Posten aufgibt?) In Holland etwa fährt man maximal 100 km per Stunde und in der Schweiz seit langem höchstens 120 km. Und man fährt gut so: Mit weniger Lärm, weniger Sprit, weniger Stress und weniger Unfällen.

Die drei Könige reisten einst ganz entspannt mit 12 Stundenkilometer und kamen auch ans Ziel.

Unvernünftig sind aber auch die Autokäufer hierzulande, die sich immer häufiger eine SUV-Kiste anschaffen. Haben sie es besonders nötig? Wollen sie mit den Wuchtbrummen etwas kompensieren? Offenbar, anders lassen sich derart irrationale Käufe nicht erklären. Das Selbstwertgefühl soll aufpoliert werden. Sind doch die meisten von uns ein Rädchen im täglichen Getriebe, das nur dann auffällt, wenn es nicht funktioniert. Wer möchte da nicht ein wenig Beachtung auf sich ziehen und aus der grauen Masse herausstechen? Durch Überholen die Nase vorn haben? Durch das neueste Modell den Konkurrenzkampf für sich entscheiden? Auf unser unbefriedigtes Bedürfnis nach Einzigartigkeit stellt die Autoindustrie ihre Werbung ab. Nur einige Zitate: Ein SUV  „zieht die Blicke auf sich“, ist „vielseitig und innovativ“ oder „zu jedem Abenteuer bereit“. Je nachdem verbindet unser Unbewusstes mit letzterem Versprechen eine gefahrvolle Eroberung der Wildnis oder eine im sexuellen Bereich. Wer sich dann am Steuer hoch über den anderen imaginiert, fühlt sich haushoch überlegen. Und wenn er die anderen überholen kann, erst recht wie der Größte. Selbst im Stau kann er noch auf seine Nachbarn herabblicken. Mir kam dazu ein Vers des Dichters Friedrich Hölderlin in den Sinn. Vom Hölderlin aus dem Kutschenzeitalter, der einige Jahre in Frankfurt und Bad Homburg lebte und dessen 250. Geburtstag wir 2020 feiern: „Spottet ja nicht des Kinds, wenn es mit Peitsche und Sporn, auf dem Rosse von Holz, mutig und groß sich dünkt.“

Haben oder Sein

In seinem Bestseller „Haben oder Sein“ hat Erich Fromm diese psychologische Falle, die von der Werbung ausgenutzt wird, aufgedröselt. Das Haben ersetzt nicht das Sein. Nur wenn wir solidarisch handeln und nicht konkurrieren, sind wir im Reinen mit uns und relativ glücklich. Das Wohl der anderen ist uns dann wichtig, das unserer ZeitgenossInnen und unserer Nachgeborenen. So eingestellt, wäre ein Gesetz über ein Tempolimit schnell unterschrieben. Angesichts des drohenden Klimakollapses mutet es absurd an, es auf die lange Bank zu schieben. Das Thema ist ein genuin europäisches. In der EU gäbe es das gleiche Limit, dank einer Telefonkonferenz und einer Abstimmung im EU-Parlament. Wie einfach und fix das über die Bühne gehen könnte! Verkehrsschilder erübrigen sich ja. Wie entspannend und Kohlendioxid-sparend könnte man reisen, wenigstens im Vergleich zu den bisherigen Machtspielen auf den Straßen. Am schönsten reist es sich allerdings im Zug. Oder im Kopf, also im Sessel mit einem spannenden Buch.

Für 2020 wünsche ich den LeserInnen: Eile mit Weile!

Ein Gedanke zu „Tempolimit“

  1. Ja, die Mehrheit ist für ein Tempolimit, ist aber nicht bereit, persönliche Konsequenzen zu ziehen. Die Mehrheit ist auch gegen Flugreisen, doch nimmt die Anzahl der Flugreisenden immer weiter zu. Ebenso ist sie gegen SUVs eingestellt, doch steigen die Verkaufszahlen weiter. Das Motto der Mehrheit lautet: Ich bin dafür, aber nicht bei mir. Freiwillige Einschränkungen wird es nicht geben, sie müssten gesetzlich durchgesetzt werden.

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