Störche

Altstorch Wilhelm ist verschwunden

Von Klaus Nissen

Der vielleicht älteste Storch Deutschlands hat sich vom Acker gemacht. Das ist ungewöhnlich, denn Wilhelm hat den Winter bislang immer auf dem Schornstein eines Hofgutes in Lindheim bei Altenstadt in der Wetterau verbracht. Seine Gefährtin Wilma scheint ihn sehr zu vermissen. Und Wilhelms internationale Fan-Gemeinde diskutiert im Netz lebhaft, was wohl passiert sein könnte. War es Krankheit, war es eine Beziehungskrise? Die Schreitvögel aus der Familie der Ciconiidae kommen dabei ganz schön menschlich daher.

Er ist – oder war – der Methusalem der Störche

Einen ganzen Monat ist er nun schon fort. So lange hat der Storch seinen Schornstein auf dem Lindheimer Hofgut Westernacher schon seit vielen Jahren nicht verlassen. Die Storchenkamera hat den Moment festgehalten, in dem Wilhelm verschwand. Am 26. Oktober 2020, einem regnerischen Montag, stand er auf dem rechten Bein in der Pfütze auf seinem mächtigen Horst über der ehemaligen Schnapsbrennerei. Wilhelm war nass vom Regen, er hatte seine Federn ein wenig aufgeplustert und sah aus, als ob er fröre. „Vielleicht war er krank“, überlegt der Lindheimer „Storchenvater“ Wilhelm Fritzges. Mit recht dicken und leicht geröteten Knien stakste Wilhelm schließlich um 9.57 Uhr an den Rand seines Nestes, stieß sich ab, flog davon und kam nicht wieder.

Altstorch Wilhelm stand immer gerne einbeinig auf seinem mächtigen Horst über dem Hofgut Westernacher. Das Foto der Lindheimer Storchenkamera zeigt rechts noch die Beine der gerade losfliegenden Wilma. Foto: www.vogelschutz-Lindheim.de/storchenkamera

Das ist ungewöhnlich, denn Wilhelm hat in den letzten zwanzig Jahren immer nur in der Lindheimer Gemarkung nach Futter gesucht – maximal zehn Kilometer vom Nest entfernt. Fritzges sagt: „Wir haben alles nach ihm abgesucht, mit einer Drohne, mit Ferngläsern, aber vergeblich. Wenn er krank war, hat ihn vielleicht der Fuchs geholt“, mutmaßt der 79-jährige Lindheimer. Schon seit 22 Jahren waren Wilhelm und Wilhelm ein Team. „Jetzt hat er sich fortgemacht. Ich wollte doch mit ihm zusammen alt werden!“ Das Verschwinden des Storchs versetzt dem Gemüt des langjährigen Vogelschützers einen mächtigen Schlag. Wenngleich Wilhelm Fritzges weiß, dass auch Störchen irgendwann und irgendwie die letzte Stunde schlägt. Aber noch ist die Hoffnung nicht ganz verloren.

Der Vogel wuchs im Hessenpark auf

Wilhelm kam im Mai 1990 im Hessenpark bei Neu-Anspach zur Welt. Der Weißstorch mit der Ringnummer 843 verkörperte die Hoffnung, dass die damals fast ausgerotteten Großvögel in Hessen doch noch eine Zukunft hätten – was am Ende auch gelang. Allein in der Wetterau brüteten im Sommer 2020 nach einer Zählung des Naturschützers Udo Seum 138 Storchenpaare. Sie zogen 284 Jungvögel auf. Im Sommer kam deshalb sogar die Diskussion auf, ob es nicht zu viele Störche in der Region gebe.

Zurück zu Wilhelm: 1998 hatte der Hessenpark die Storchenzucht aufgegeben, und Wilhelm wanderte in die Wetterau aus. Seine Einzug in Lindheim führte nach der Erinnerung von Wilhelm Fritzges schließlich zur Entscheidung, dass die neue 110 Kilovolt-Stromleitung zur Altenstädter Waldsiedlung für viel Geld unter die Erde gelegt wird. Die vom Netzbetreiber geplante Freileitung war damals heftig umstritten. Inzwischen hüten die Naturschützer ein der Nidder ein großes, artenreiches Vogelschutzgebiet just dort, wo eigentlich die Hochspannungsmasten geplant waren.

Wilhelm Fritzges ist der Mentor des verschwundenen Altstorchs Wilhelm. An eisigen Wintertagen sicherte er ihm auch mal mit toten Küken das Überleben. Foto: Nissen

Storch Wilhelm blieb fortan auch im Winter in Lindheim. Er hat nie gelernt, wie seine Artgenossen über Spanien ins warme Afrika zu fliegen. Der Biologe Gerhard Strack und später Wilhelm Fritzges fütterten das Tier. An Schnee-Tagen legten sie tote Eintagsküken aus, die der Vogel offenbar gerne annahm. Mit einer gewissen Wilhelmine zog Wilhelm 15 Jungstörche auf, doch im Frühjahr 2006 kam Wilhelmine nicht aus dem Süden nach Lindheim zurück. Wilhelm ist seitdem mit Wilma zusammen. Die beiden brachten zusammen weitere 44 Jungstörche in die Welt.

Auch Wilma überwintert in der Wetterau. Die von der Vogelschutzgruppe Lindheim am Nest betriebene Storchenkamera

www.vogelschutz-lindheim/storchenkamera

zeigt, wie sie nach Wilhelms Verschwinden ihr Nest gegen anfliegende Störche verteidigte. „Sie hält Ausschau nach ihrem Wilhelm“, vermutet eine Vogelfreundin im Chatroom der Lindheimer Vogelschützer. Unter dem fortlaufenden Video vom teils verwaisten Horst diskutieren zahlreiche Menschen – das Kamera-Publikum sitzt laut Fritzges auch in China, Russland, Japan, den Philippinen und den Vereinigten Staaten. Ein Online-Magazin aus dem tschechischen Bohuslawice hat das Verschwinden des Altstorchs Wilhelm ausführlich geschildert.

Gab es eine Beziehungskrise unter Störchen?

Man macht sich Gedanken. Gab es vielleicht eine Beziehungskrise im Storchennest? Conny schreibt im Chat: „Bevor Wilhelm jetzt von der Bildfläche verschwand, konnte ich gut beobachten, dass, wenn Wilma ihren Liebsten ,kraulen` wollte, er sich ständig von ihr abwand. Es kann auch Einbildung oder eine Fehlimpretation sein, aber da dachte ich schon, irgendwie mag er nicht mehr gerne von Wilma liebkost werden.“ Der Beziehungsstatus des Lindheimer Storchenpaares wird im Chat intensiv beleuchtet. Kati vermutet, Wilma werde nach Wilhelms Abgang keinen fremden Storch an sich heranlassen. „Im nächsten Frühjahr wird dann bestimmt ein attraktiver Storch vorbeikommen, den sie hoffentlich davon überzeugen kann, im Winter auch in Lindheim zu bleiben (…) Frage mich, ob Wilma ihn vermisst oder ob ich da die Tiere zu sehr vermenschliche.“

Sie haben jedenfalls keine Ahnung, wie stark ihr Schicksal die Menschen beschäftigt. „Irgendwie hab ich Wilhelm auch noch nicht wirklich auf gegeben“, schreibt ein Chat-Teilnehmer. „ Wer weiß ob er nicht auf seine alten Tage noch das Herumschweifen entdeckt hat?“ Vielleicht ist Wilhelm im vierten Lebensjahrzehnt doch noch nach Afrika aufgebrochen. Und kommt im Frühjahr 2021 nach Lindheim zurück.

Wie auch immer. Wenn jemand Hinweise auf das Verbleiben des alten Storches hat, würde sich Wilhelm Fritzges sehr über eine Nachricht per Telefon (Die Nummer steht im Altenstädter Telefonbuch) oder im Storchenkamera-Chat freuen.

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