Silvester

Das alte Album

Für die Wetterauer Zeitung schrieb ich dies Jahr darüber, wie Senioren als Kinder Silvester erlebten. Bevor ich an die Arbeit ging, überlegte ich, ob ich eigentlich eigene Anekdoten hatte. Es war gar nicht so einfach, wie ich zunächst fand.

Silvester: Früher war es bescheidener

Wie ich aus den Gesprächen mit Senioren erfuhr, sparten viele Menschen früher, weshalb ein Feuerwerk keine Selbstverständlichkeit war. Das war auch in meiner Familie so, meine Eltern hätten kein Geld für Raketen und Böller ausgegeben. Vielleicht auch deshalb, weil sie es nicht gut fanden.

Von solchen engen Tischrunden zu Silvester träumen viele Menschen heute. Die Corona-Pandemie verlangt vor allem ein: Abstand. (Foto: Petra Ihm-Fahle)
Von solchen engen Tischrunden zu Silvester träumen viele Menschen heute. Die Corona-Pandemie verlangt vor allem ein: Abstand. (Foto: Petra Ihm-Fahle)

Unsanftes Silvester

Allerdings holte mein Vater, der im Schützenverein war, eines Silvesterabends um Mitternacht sein Gewehr hervor und schoss unter dem Protest meiner Mutter vom Balkon aus in den Rasen. Ich fragte, ob ich auch mal dürfe, was mein Vater nach einiger Diskussion erlaubte, natürlich nur unter Aufsicht. Mit ihm zusammen hielt ich das Gewehr, wobei mir der Kolben unsanft an den Kopf prallte. So lernte ich, dass Gewehre einen Rückschlag haben, wenn man schießt.

Ich verlor kein Wort darüber, aber vielleicht interessierte ich mich für Feuerwerk deshalb nie mehr. Ich fand es immer zu gefährlich. Als meinem Ex-Mann bei einer Party eine Rakete in den Rücken flog, war das nur die Bestätigung. Zum Glück hatte er einen dicken Mantel an, der anschließend allerdings hinüber war.

Eine fröhliche Runde

Eine weitere Anekdote, die mit „früher“ zu tun hat, trug sich erst vor ein paar Jahren zu. Auf dem Flohmarkt in Marburg sah ich ein altes Fotoalbum am Tisch eines Stands. Ausgepreist war das gute Stück mit zehn Euro. „Ich nehme es“, sagte ich. Der Verkäufer schaute streng, nahm das Album in die Hand und blätterte es durch. „Das ist viel mehr wert als zehn Euro. Allein, wenn ich dieses Foto von Silvester sehe, dürfte ich es eigentlich gar nicht verkaufen“, argumentierte er. Das Ende vom Lied – ich zahlte zwanzig Euro. Das Foto zeigt eine fröhliche Runde aus dem Jahr 1912, die dicht beieinander an der Festtafel sitzt. Wer sich das anschaut, dürfte angesichts der Corona-Regeln melancholisch werden.

Verkaufsverbot für Raketen

Silvester 2021 dürfte erstmals so gut wie nicht geböllert werden. Das Verkaufsverbot von Raketen bestand zwar bereits letztes Jahr, doch viele Menschen hatten offenbar noch Reste, die sie in die Luft jagten. Das dürfte diesmal vermutlich anders sein – die Feuerwehren rechnen jedenfalls mit einem ruhigen Abend.

Prosit Neujahr: Auch anno dazumal wünschten sich die Menschen zu Silvester alles Gute, wie diese alte Postkarte zeigt. (Repro: Petra Ihm-Fahle)
Prosit Neujahr: Auch anno dazumal wünschten sich die Menschen zu Silvester alles Gute, wie diese alte Postkarte zeigt. (Repro: Petra Ihm-Fahle)
Erstmals schönes Silvester für Tiere?

In diesem Sinne komme ich zum letzten nostalgischen Akzent dieses Beitrags: Dem Postkartenalbum meiner Großmama Willi. Sie sammelte Glückwunschkarten darin, darunter auch eine Karte mit „Prosit Neujahr“. Der Dackel darauf sieht glücklich aus – so wird es vielleicht erstmals wieder.

Senioren erinnern sich

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