Schinderhannes

Volksheld oder Verräter?

Von Corinna Willführ

In seinem neuen Buch „Schinderhannes, Schwarzer Jonas und andere Räuber, die nie eine Bande waren“ entzaubert der Niddataler Autor Christian Vogel den Mythos, Schinderhannes sei ein „rheinischer Rebell“ oder gar der „deutsche Robin Hood“ gewesen.Vogel ist Vorsitzender des Vereins für Heimatforschung in Vogelsberg, Wetterau und Kinzigtal.

Die Beute teilen die Diebe beim Kloster

Der Überfall geschieht mitten in der Nacht. Mit „einem Holz“ stoßen Räuber die Tür zum Haus des Kaufmanns Peter Bertolett vor den Toren von Bönstadt auf. Die Eindringlinge fesseln den Jagdaufseher, seine Mutter und seine Schwester. Sie misshandeln die Drei „absonderlich durch Tröpflen bei sich habender brennender Wachskerzen auf ihren bloßen Körper“ und erpressen von ihnen so die Verstecke von Geld und Wertsachen. Doch der Überfall bleibt nicht unbemerkt. Ein Nachbar schlägt Alarm. Weitere Bönstädter wollen ihm zur Hilfe eilen, werden indes „durch unaufhörliches Schießen aufgehalten“. Den Räubern, es mögen wohl mehr als ein Dutzend gewesen sein, gelingt die Flucht. Ihre Beute, so ist im Untersuchungsprotokoll gegen Nikolaus Harting im Staatsarchiv Marburg nachzulesen, teilen die Diebe beim Kloster Engelthal. So geschehen im November des Jahres 1800.

Einen Monat später wird Conrad Eckert Opfer der Banditen. Der Wirt gilt als „reichster Mann des zur Teilgrafschaft Büdingen gehörenden Ortes Hain-Gründau“ (heute im Main-Kinzig-Kreis). Als „baumstarke Kerle, die nach städtischer Mode gekleidet waren“ beschreiben Zeugen die Räuber. Auch diese Tat begehen sie zu nächtlicher Stunde. Und wieder rammen sie mit einem Baumstamm die Tür ein. Unerwartet treffen sie in dem Haus aber nicht nur auf den Wirt, seine Tochter, eine Magd und einen Knecht, sondern auch auf sieben Männer, die sich bei Conrad Eckert als Drescher verdingten. Sie werden von den Bandenmitgliedern, ihre Zahl wird auf rund 40 geschätzt, gefesselt und gepeinigt. Die Horde durchwühlt das gesamte Haus. „Aus Hain-Gründau kam niemand näher heran. Sobald sich jemand auf der Straße oder auch nur am Fenster blicken ließ, hätten die Räuber Schüsse abgegeben, gibt Nikolaus Harting später vor seinen Richtern an. Mit etwa 850 Gulden ist ihre Beute. Noch in der Nacht wird sie im Gasthaus eines Wirts in Lindheim geteilt.

Der Schinderhannes-Mythos

Der Autor Christian Vogel ist Vorsitzender des Vereins für Heimatforschung in Vogelsberg, Wetterau und Kinzigtal.

Bei beiden Überfällen hatten Abraham Picard, genannt Picard Kotzo und Johannes Müller, genannt Daumen oder auch Elsasser Müller, von der sogenannten Niederländer Bande das Kommando. Nicht jedoch der unter dem Namen Schinderhannes bekannte Johannes Bückler. „Zur Zusammenarbeit von Schinderhannes mit der Vereinigung kam es erst beim dritten und letzten Überfall in Würges“, stellt Christian Vogel fest. „Der Überfall auf das Posthaus in Würges löste im Rhein-Main-Gebiet eine Flut von Bemühungen um Gegenmaßnahmen aus, mit der in dieser Intensität niemand rechnen konnte. Die heraufbeschworene Gefahr gab es indes gar nicht. Zur Entstehung des Schinderhannes-Mythos dürfte dies wesentlich beigetragen haben. Den Mythos vom „rheinischen Rebell“ oder gar „deutschen Robin Hood“ will der 79-Jährige mit seinem Buch „Schinderhannes, Schwarzer Jonas und andere Räuber, die nie eine Bande waren“ widerlegen.

Der mehr als 400 Seiten umfassende gebundene Band mit zahlreichen Schwarz-Weiß-Abbildungen dürfte erst einmal ob seiner mehr als 700 Fußnoten ein akademisches Publikum, insbesondere Historiker, interessieren. Lässt man die Hinweise auf die Quellen und Archiv-Recherchen des Autors erst einmal außer Acht, taucht man ein in die Welt von Außenseitern zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Und erhält damit Einblick in ein Stück Sozialgeschichte. Christian Vogels zentrales Anliegen ist es indes, zu beweisen, dass der Mythos des „berühmtesten aller deutschen Räuber“ nur in einem bestimmten historischen Kontext entstehen konnte: „Als das Phantom Schinderhannes Ende 1800 in ihm (dem Land der Deutschen beidseits des Rheins, Anm. der Redaktion) schlagartig wie ein Komet aufstieg, befand sich dieses in einer für sein Selbstwertgefühl desaströsen Lage. Die Revolutionskriege waren verloren, und die Tage des Heiligen Römischen Reiches als der ehrwürdigen Verfassung vom Deutschland waren damit gezählt.“

Das Trauerspiel der 20 Guillotinierungen

Acht Richter waren es, die das Urteil gegen den Schinderhannes unterschrieben. Auch sie stellt Christian Vogel vor. „Gespaltenes Ergebnis eines politischen Prozesses für 20 Räuber, Freispruch für 20 Hehler“ ist das Kapitel auf Seite 415 seines Buches überschrieben. „Die Verkündung der Urteile wurde zu einer weiteren politischen Demonstration“, so der Historiker. Eine Demonstration der politischen Besatzer. So auch die Hinrichtungen in Mainz, die „in freier Natur“, „bei neblicher nasser Witterung“ stattfanden. 40.000 Menschen sollen diese verfolgt haben, doppelt so viele wie die Stadt Einwohner hatte. „Nach den vorliegenden Berichten brauchten drei Scharfrichter für das gesamte Trauerspiel der 20 Guillotinierungen nur 26 Minuten. Der „Schwarze Jonas“ soll den Weg in seinen Tod „völlig betrunken angetreten haben, „geheult und gesungen haben wie ein Irrsinniger.“ Und der Schinderhannes? Dazu verweist Vogel auf eine Quelle: Danach „entstellte kein Zug von Wildheit und Brutalität sein Gesicht. Die Ruhe und Fassung dieses Menschen im letzten Augenblick seines Lebens war bewunderungswürdig.“ Für Christian Vogel war dieses aber nicht das eines Volkshelden, sondern letztlich eines Verräters.

Christian Vogel: „Schinderhannes, Schwarzer Jonas und andere Räuber, die nie eine Bande waren“, 439 Seiten, ist im Eigenverlag erschienen. Unter der ISBN 978-3-945423-04-2 ist es zum Preis von 19,50 Euro im Buchhandel erhältlich.

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