Als die Flüchtlinge kamen

Hunderte lebten in Sporthallen

Von Klaus Nissen

Vor fünf Jahren füllte ein „Tausender-Befehl“ zwei Niddaer Sporthallen mit Flüchtlingen. Deutschland und jede Wetterauer Gemeinde erlebte den größten Flüchtlings-Zustrom seit 1945. Das gilt für Nidda ganz besonders – da lebten elf Wochen lang bis zu 700 Frauen, Männer und Kinder aus zahlreichen Ländern gleichzeitig in zwei Schulsporthallen. Zwischen November 2016 und Januar 2016 verteilten örtliche Katastrophenschützer Essen und Kleidung an die meist über den Balkan gekommenen Flüchtlinge. Es war ein extrem anstrengender und letztlich erfolgreicher Kampf gegen das Chaos, erinnert sich Jürgen Nickel. Und „für uns alle ein unwirkliches Szenario“, sagt der damalige Verwaltungschef des Wetterauer Katastrophenschutzes.

Als die Flüchtlinge kamen

„Es ging Ende September oder Anfang Oktober 2015 los“, so Nickel . Da ahnten wir, dass etwas auf uns zukommt.“ Seit dem Sommer waren so viele Flüchtlinge in Deutschland eingetroffen, dass die Erstaufnahme-Lager wie etwa in Gießen keinen Platz mehr hatten. Die Landesregierung kündigte „Überlauf-Einrichtungen“ an, die die Landkreise kurzfristig per „Tausender-Befehl“ einzurichten hätten. Am letzten Oktober-Dienstag war es so weit. Jürgen Nickel: „Wir bekamen den Anruf, dass wir bis Freitagabend eine Unterkunft für tausend Menschen bereitstellen mussten.“

Dicht an dicht sttellten die Helfer die Feldbetten in die Niddaer Sporthalle. Kurz darauf kamen hunderte Flüchtlinge in Bussen. Foto: Wetteraukreis

Landrat Joachim Arnold beschlagnahmte kurzerhand zehn Gebäude der leerstehenden US-Kaserne in Friedberg. Sie sollten später ohnehin registrierte Flüchtlinge aufnehmen. Doch die bundeseigene Eigentümergesellschaft protestierte, und das Regierungspräsidium verdonnerte die Wetterauer, die Beschlagnahme rückgängig zu machen.

So griff der Plan B. Nickel: „Im Krisenstab war uns klar, dass Nidda für die Flüchtlinge prädestiniert war. Denn wir haben da in kurzem Abstand voneinander zwei Schulsporthallen. Wir brauchten beide, denn eine hätte für tausend Menschen nicht ausgereicht.“ Das Gymnasium und die Haupt- und Realschule mussten den Hallensport genauso wie die Vereine kurzfristig absagen. Feuerwehrleute deckten die Hallenböden mit einer stabilen Plastikfolie ab, dann stellten sie dicht nebeneinander die vom Land gelieferten Feldbetten auf. Darauf legten sie Decken, Handtücher und Hygiene-Beutel mit Seife und Zahnbürsten für die meist ohne Gepäck ankommenden Menschen. Am Schulzentrum wurden Zelte für Befragungen, Gesundheitschecks und Essensausgabe aufgestellt.

Freitagnacht rollten die ersten Busse an

Dann ging es los. Freitagnacht rollten Busse vor den Niddaer Sporthallen an. Daraus stiegen rund 150 Menschen, die kurz zuvor bei Passau die Grenze überschritten hatten und dort in den Zug nach Mannheim gesteckt wurden, wo man sie flugs in die Busse verfrachtete. Schon am 4. November trafen weitere 320 Menschen in Nidda ein, danach stets nachts weitere Gruppen. Zuerst wies man ihnen die Betten zu. Familien und alleinstehende Frauen kamen in die Halle der Haupt- und Realschule, die Single-Männer in die Gymnasiumshalle.

Alle Neuankömmlinge mussten ins Sanitätszelt, wo das von Dr. Reinhold Merbs geleitete Medizinerteam nach akuten Erkrankungen oder womöglich ansteckenden Infektionen forschte. Und weil kaum ein Flüchtling registriert war, befragten die Rotkreuz-Helfer aus Bleichenbach jeden einzelnen, wer er sei und wo er herkomme. Die Freiwilligen gaben ihnen nummerierte vorläufige Ausweise. Der Staat selbst hatte nicht genug hauptamtliches Personal dafür. Das Regierungspräsidium konnte nur tagsüber in Gestalt dreier pensionierter Polizeibeamter vor Ort sein, erinnert sich Jürgen Nickel.

Jürgen Nickel von der Kreisverwaltung organisierte 2015 die Aufnahme und Betreuung von zahlreichen Flüchtlingen in der Niddaer „Überlauf-Einrichtung“. Aktuell ist der Krisenmanager stark mit der Eindämmung der Corona-Epidemie beschäftigt. Foto: Nissen

Er selbst wirbelte im Schichtdienst mit anderen Wetterauern im jeweils sechsköpfigen Leitungsteam, das von einem requirierten Klassenraum der Haupt- und Realschule aus Mädchen für alles war – zum Beispiel die Lageberichte schrieb und die Reparatur einer kaputten Zeltheizung organisierte. Bis in den Dezember hinein war es draußen mild, doch dann fielen die Temperaturen, und bei den geschwächten Sporthallenbewohnern häuften sich die Erkältungen.

Auch der Essensnachschub musste in Nidda organisiert werden. Die kreiseigene Gourmetwerkstatt lieferte aus Bad Nauheim ab Anfang November bis zur Auflösung des Lagers im Januar süße Frühstücke, täglich hunderte Mittagessen mit Reis oder Nudeln und Geflügel oder Rindfleisch. Abends gab es Sandwiches.

Auch die Stadtverwaltung in Nidda war in jenen Wochen stark gefordert, erinnert sich Bürgermeister Hans-Peter Seum. „In diesem Moment galt es einfach anzupacken. Es mussten mit den Schulvertretern, den Eltern und den Einwohnern der Großgemeinde Gespräche geführt und Informationsveranstaltungen durchgeführt werden.“ Zum Glück halfen viele Niddaer kurzentschlossen und unbezahlt mit. Seum: „Für die Bevölkerung war es natürlich auch eine komplett neue Situation, verbunden mit Ängsten und Ungewissheiten. Insgesamt jedoch haben hier sehr viele Menschen einfach angepackt, um das Beste aus der Situation zu machen.

Auch in die Büdinger US-Kaserne zogen Geflüchtete ein

„All das war eine mächtige Kraftanstrengung“, sagt Jürgen Nickel, der die ganzen Überstunden bis heute nicht abfeiern konnte. „Ohne die Soldaten hätten wir es nicht geschafft.“ Wochenlang halfen 30 Uniformierte des Jägerbataillons aus Schwarzenborn bei der Versorgung der vielen Flüchtlinge. Mitte Dezember übernahmen die Malteser, die damals parallel in Büdingen die frühere US-Kaserne für die Aufnahme von Flüchtlingen fit machten. Sie arbeiteten in Büdingen weiter, als die Flüchtlinge aus Nidda im Februar 2016 nach Hanau, in andere Bundesländer und auf alle Wetterauer Gemeinden verteilt waren.

Eine Helferin aus dem Team der damals in Büdingen aktiven Flüchtlingsbetreuer konnte der Kreis-Anzeiger nach fünf Jahren fragen, wie es war. „Wir hatten bis zu 600 Menschen in der Kaserne“, sagt Maria Weilbacher, die in Wirklichkeit anders heißt. „Ganz am Anfang packten wir für jeden von ihnen einen Sack mit gespendeter Kleidung, mit Bettbezügen und Hygienesachen.“ In der Kaserne gab es wenigstens für jede Familie ein Zimmer mit Doppelstockbetten, Tisch und Stühlen. Später brachte man kleine Kühlschränke und weitere Möbel in die heutige Erstaufnahme-Einrichtung des Landes.

Auch in der Büdinger Kaserne waren die Helfer mit Registrierungen, und medizinischer Hilfe beschäftigt. Maria Weilbacher sagt: „Viele waren krank, hatten auch Depressionen. Auch die Kinder. Sie hingen sehr an ihren Eltern.“ Anderen Kindern und Jugendlichen habe man die Fluchterlebnisse weniger angesehen. Einige gründeten im Laufe der Zeit nach Herkunft sortierte „Gangs“, die miteinander rivalisierten.

Doch wirklich heftige Konflikte gab es unter den vielen fast gleichzeitig eingetroffenen Flüchtlingen nicht, findet Maria Weilbacher in der Rückschau. Nicht nur die hauptamtlichen, sondern auch viele freiwillige Helfer aus der Nachbarschaft kümmerten sich intensiv um die Flüchtlinge. Es gab in Nidda, Büdingen und anderen Gemeinden Begegnungscafes außerhalb der Unterkünfte, und zahlreiche Wetterauer versuchten, den Neuankömmlingen das nicht gerade einfach zu lernende Deutsch beizubringen. „Fast alle waren sehr erpicht, die Sprache zu lernen“, sagt Maria Weilbacher.

Wie mühsam danach ihre Integration in den deutschen Alltag noch würde, ahnte damals kaum jemand. Die realistischste Einschätzung davon hatten die geflüchteten Syrer, so Weilbacher. Denn viele von ihnen seien recht gebildete Leute gewesen. Heute noch trifft die damalige Helferin manche ihrer Schützlinge von damals beim Einkaufen auf der Straße. Nach fünf Jahren sind einige sehr, andere weniger weit in ihrem neuen Leben gekommen. In einer Sporthalle oder einer Kaserne muss zum Glück keiner von ihnen mehr wohnen.

Heute: 2251 Geflüchtete in 172 Unterkünften

Auf rund dreitausend Menschen, also ein Prozent der Wetterauer Bevölkerung, wuchs vor fünf Jahren der Anteil der Geflohenen in der Region zwischen Rosbach und Gedern, Nidda und Limeshain. In den dramatischen Wochen Ende 2015 kamen mehr als tausend auf einmal. Jetzt sind es viel weniger. 2020 nimmt der Kreis pro Monat durchschnittlich 36 Geflüchtete auf, sagt der Kreis-Sprecher Michael Elsaß. Mit Stand vom 29. September leben 2251 Geflüchtete in der Region zwischen Gedern und Rosbach, Nidda und Limeshain. Obdach finden sie in 172 Wohnungen und Gemeinschaftsunterkünften.

In Nidda leben aktuell 69 Geflüchtete, in Büdingen sind es 171. Die Menschen in der hessischen Erstaufnahme-Einrichtung in der Büdinger Kaserne sind dabei nicht mitgerechnet. Der Wetteraukreis bemüht sich aktuell, die bislang meist von den 25 Städten und Gemeinden betriebenen Gemeinschaftsunterkünfte zu übernehmen, um Kosten zu sparen und einheitliche Standards einzuführen. Bis August gab es aber nur Verträge mit vier Kommunen.

In Bad Vilbel, Karben und Butzbach kam es zu Corona-Infektionen in den Gemeinschaftsunterkünften. Wer infiziert ist, wird neuerdings in eine Quarantänestation in Friedberg verlegt. Die Corona-Einschränkungen erschweren die Betreuung der Geflohenen, ist bei Heidi Nitschke zu erfahren. Sie leitet mit dem Unternehmen „Regionale Dienstleistungen Wetterau“ (RDW) die Flüchtlings-Sozialarbeit in 19 Wetterauer Kommunen. Nitschke schreibt: „Viele Geflüchtete haben durch die Pandemie ihre Arbeit verloren, und es mussten Anträge gestellt werden. Die Schließung der öffentlichen Ämter hat dazu geführt, das Alltägliches Online beantragt werden musste, was viele Geflüchtete vor große Herausforderung stellte (…) Darüber hinaus verlangt die Situation in den Unterkünften den Geflüchteten viel Kraft ab, die Sorgen und Ängste der Bewohner*innen sind bedingt durch die Pandemie natürlich noch größer geworden, gerade wenn es sich um Menschen mit Vorerkrankungen handelt. Die soziale Isolation der Bewohner*innen zeigte und zeigt sich sehr deutlich.“

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