Rückkehr des Wolfs

Weidetiere, nicht Wölfe schützen

Von Dietrich Jörn Weder

Es war ein Segen, dass der Wolf vor zweihundert Jahren in Deutschland ausgerottet wurde und er seither weder Hütejungen anfallen noch Vieh im Freien reißen konnte. Und es war eine verhängnisvolle Fehlentscheidung, das von Osten her kommende Raubtier sich in hiesigen Landen wiederausbreiten zu lassen.

Schon jetzt ist die Zahl der von Wölfen gerissenen Weidetiere beträchtlich, die wir alle als Steuerzahler ihren Haltern vergüten müssen. Weil ihm hierzulande kein Haar gekrümmt wird, vermehrt sich Canis lupus atemberaubend schnell und erobert, auf dem Wege nach Westen, immer neue Reviere.

Starke Hunde und hohe Zäune

Wo der bis vor kurzem nur aus den Märchen bekannte alte Isegrimm auftaucht, werden ihm Schafe und Ziegen zur leichten Beute, und nicht einmal vor Pferden und Rindern macht er halt. Nur mit starken, eigens für diesen Zweck abgerichteten Hütehunden sind über Land ziehende Schafherden noch vor ihm zu schützen. Auf Weiden stehendes Vieh ist in Wolfrevieren nur hinter dichten, zwei Meter hohen Zäunen einigermaßen sicher, Drahtkäfige, die auch wilde Mitbewohner des Grünlands aussperren.

Ein idiotischer Aufwand, der wiederum zu Lasten der Halter oder der Allgemeinheit geht. Wo er nicht geschossen wird, kommt der Wolf, so in Finnland und den baltischen Ländern, auch den Gehöften und Siedlungen immer näher. Ich sehe den Tag kommen, wo man Kindern aus Angst vor dem Wolf das Spielen im Wald verbieten wird. Aber lange vorher wird er raren Bodenbrütern und vielleicht auch den seltenen Luchsen zu Leibe rücken, Tiere, die den Artenschützern zu Recht lieb und teuer sind.

Schonung in Deutschland, Kopfgeld in Russland

Der Wolf ist wahrlich keine gefährdete Art. In der gesamten nördlichen Hemisphäre ist er weit verbreitet. In Russland zahlt man für jeden getöteten Wolf ein Kopfgeld. Ich glaube, dass die hiesigen Wolfliebhaber’innen mit ihrer Fürsorge für jeden grauen Newcomer dem Anliegen des Artenschutzes eher schaden. Die Städter, die nie mit ihm in Berührung kommen, halten ihn wohl für eine Bereicherung der heimischen Tierwelt. Und so stimmen sie, wie neulich in der Schweiz anders als die Älpler dort, gegen eine Regulierung des wachsenden Wolfbestands.

Die Leute auf dem Lande haben da eine andere Meinung. Gerne halten sie in Hausnähe einen Esel, ein Pony, Schafe oder auch ein paar Gänse. Wer wird das noch tun, wenn er jede Nacht bangen muss, dass ein Wolf diesen Hausgenossen zu nahekommt! Keine finanzielle Entschädigung wiegt den Jammer über einen gerissenen Liebling auf.

Abschuss oder allgegenwärtig

Ein paar Zahlen: Im letzten Jahr wurden rund viertausend Weidetiere von Wölfen gerissen und den Haltern dafür 800.000 Euro als geldlicher Ausgleich gezahlt, beinahe doppelt so viel wie im Jahr zuvor. Rund zehn Millionen Euro warf der Fiskus für vorbeugenden Herdenschutz, also Hunde und Zäune, aus. Die Zahl der registrierten Wolfsrudel mit je acht bis zu zehn Tieren stieg binnen eines Jahres auf 128. Die Vermehrungsrate von rund einem Viertel lässt eine baldige Besiedlung aller für den Wolf irgendwie auskömmlichen Räume in Deutschland erwarten.

Jüngst wurde ein dauerhaftes Wolfspaar mit Jungen im Rheingau ausgemacht. Wen wundert es, dass hessische Landwirte dieser Tage gegen die ungebremste Wolfsvermehrung in ihrem Bundesland demonstrierten. Wer will schon seine Tiere schlupfsicher einsperren, nur damit der Wolf jenseits davon freie Bahn hat. In der hiesigen Kultur- und Weidelandschaft gibt es keinen Raum, in dem es nicht mit dem Wolf zu Konflikten kommt. Mindestens von dort sollte man ihn durch Abschüsse wieder vertreiben. Ob man ihn in großen Waldungen an der deutsch-polnischen Grenze duldet, sollten die Menschen dort entscheiden.

Dr. rer. pol. Dietrich Jörn Weder war Jahrzehnte lang leitender Umweltredakteur und Fernsehkommentator des Hessischen Rundfunks. Seit seiner Pensionierung arbeitet er als freier Autor für Print- und Audiomedien. Er betreibt den Blog Wachposten Frankfurt, auf dem er Kommentare zu aktuellen Themen veröffentlicht. wachposten

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