Nieder-Mörlen

Streit um geplantes Wohngebiet

Zorn und Vorwürfe schwangen mit, als das Bad Nauheimer Parlament jüngst den Beschluss fasste, ein Neubaugebiet neben dem Friedhof in Nieder-Mörlen zu realisieren und die Ergebnisse einer Machbarketisstudie weiter zu verfolgen: dies gegen den Widerstand von FDP, UW/FWG und Bürgermeister Klaus Kreß (parteilos). Christian Trutwig (CDU) kündigte dem Rathauschef an, „abgesägt“ zu werden – so wie sein Vorgänger Armin Häuser (CDU). Ex-Bürgermeister Bernd Witzel (FW/UWG) stand am Donnerstagabend ebenfalls im Fokus der Kritik. Ort war die Trinkkuranlage mit vielen Besuchern. (siehe auch weiterer Artikel)

Nieder-Mörlen : Hier sollen 45 Wohnungen und zehn Einfamilienhäuser entstehen. (Bild: Petra Ihm-Fahle)
Nieder-Mörlen : Hier sollen 45 Wohnungen und zehn Einfamilienhäuser entstehen. (Bild: Petra Ihm-Fahle)

Pro Wohngebiet in Nieder-Mörlen

Zu den Akteuren der Debatte gehörte unter anderem Adela Yamini (SPD), die ein Beispiel aus ihrem Alltag lieferte. Vor zwei Wochen habe sie mit einem schwerkranken Mann gesprochen. Wegen der Krankheit könne er nicht mehr arbeiten. Er habe eine ruhige Wohnung gesucht, die in der Nähe der Therapeuten liege. Yamini rief bei der städtischen Wohnungsbaugesellschaft (Wobau) an, doch dort habe es geheißen: „Keine Chance.“ Wie die Sozialdemokratin daraus folgerte, sei ein Mensch offenbar nur erwünscht, solange er funktioniert. Nun habe der Mann wegziehen müssen, „weil Bad Nauheim den Kurstadt-Charakter beibehalten will“. Lediglich Ein- oder Zweifamilienhäuser seien gewollt.

Nieder-Mörlen: „Nur eine Handvoll“

Adela Yamini (Bild: Petra Ihm-Fahle)
Adela Yamini (Bild: Petra Ihm-Fahle)

Wie Yamini weiter schilderte, sei sie in den letzten zwei Wochen immer wieder nach Nieder-Mörlen gefahren. Sie habe sich die Friedhofserweiterungsfläche angeschaut. Dabei habe sie festgestellt, dass nur eine Handvoll Menschen dort spazieren gingen. In der Vergangenheit seien immer wieder Vorschläge der SPD zu bezahlbarem Wohnraum abgelehnt worden. Nun ergebe sich eine neue Chance. „Ich bin sehr froh, dass nun auch andere Parteien unserer Meinung sind.“

„Das ist unzumutbar“

Bürgermeister Kreß erinnerte Yamini an den Vorschlag zweier Studentinnen im Rahmen einer Masterarbeit, die Wohnbebauung im „Grießbreiviertel“ zu verdichten. Yamini, die damals – 2018 – noch in diesem Viertel wohnte, habe dies als „unzumutbar“ abgelehnt. Denn dort sei es zu eng, es sei „der Horror“, soll sie gesagt haben. Kreß: „Und nun wollen Sie es für Nieder-Mörlen – und das ist unzumutbar.“

„G-Wort“ geäußert?
Klaus Dietz (Bild: Petra Ihm-Fahle)
Klaus Dietz (Bild: Petra Ihm-Fahle)

Klaus Dietz (CDU) ging auf den Personenkreis ein, der auf bezahlbaren Wohnraum angewiesen ist. „Menschen, die morgens um sechs Uhr aufstehen, zur Arbeit eilen, um die Familie zu ernähren.“ Pflegepersonal und Erzieherinnen seien wichtige Berufsgruppen für Bad Nauheim. Sie gehörten aber nicht zu den gut Verdienenden. Laut Dietz fielen bei der Ortsbeirats-Sitzung im September, als es um das Neubaugebiet ging, unerfreuliche Äußerungen. „Ich werde das ‚G-Wort‘ nicht aussprechen. Es wurde aber auch gesagt: ‚Diese Leute wollen wir hier nicht haben.'“ Und: „Die können doch in den östlichen Wetteraukreis ziehen, da gibt es doch niedrige Mieten.“

„Pauschales Verunglimpfen“

Menschen, die auf bezahlbaren Wohnraum angewiesen seien, fuhr Dietz fort, seien pauschal verunglimpft worden. „Das im Ortsbeirat Gesagte klingt nicht nur nach Fremdenfeindlichkeit – es ist Fremdenfeindlichkeit. Und niemand hat’s gemerkt? Wehret den Anfängen!“ Dietz erklärte, dies deutlich an die Adresse der FW/UWG zu richten. „Sie sollten dieses interfraktionelle Problem lösen und nicht den Versuch machen, es auszusitzen.“

Witzel weist Vorwurf zurück

Dietz meinte damit vor allem den FW/UWG-Stadtverordneten Bernd Witzel. Im Gespräch mit dieser Zeitung wies Witzel den Vorwurf zurück, ein „G-“ oder anderes Schimpfwort in den Mund genommen zu haben. Gemeint war das Wort „Gesocks“. Er räumte allerdings ein, gesagt zu haben: „Wir brauchen das Publikum, das Frankfurt nicht will, nicht in Bad Nauheim.“

Nulltarif geht nicht

Bürgermeister Kreß entgegnete, angesichts der Wohnqualität Bad Nauheims keine Mietpreise wie im Ostkreis realisieren zu können. Das, was die Stadt biete, sei auch nicht zum Nulltarif zu haben. Ihm sei neben der überlasteten Infrastruktur wichtig, dass nicht der Steuerzahler für den vergünstigten Wohnraum stärker in die Tasche greifen müsse.

Trutwig will Kreß absägen – „so wie Häuser“

Christian Trutwig warf Kreß vor, eine völlig falsche, unsoziale Wohnungspolitik zu betreiben. Kreß habe sich an diesem Abend als „Ortsvorsteher von Nieder-Mörlen“ qualifiziert, aber nicht als Bürgermeister von Bad Nauheim. Die CDU-Fraktion habe den Vorgänger von Kreß, Ex-Bürgermeister Armin Häuser, intern abgesägt. „Und das wird uns auch mit Ihnen gelingen“, meinte Christdemokrat Trutwig. Das Wohnbauvorhaben geht auf einen Antrag der CDUFraktion zurück.

Friedhofs-Erweiterungsfläche von Nieder-Mörlen (Bild: Petra Ihm-Fahle)
Friedhofs-Erweiterungsfläche von Nieder-Mörlen (Bild: Petra Ihm-Fahle)
Bürgerin ist empört

Nachdem das Parlament mit knapper Mehrheit für das Bauvorhaben gestimmt hatte, äußerte sich eine Bürgerin aus Nieder-Mörlen enttäuscht. Im Gespräch mit dieser Zeitung sagte Monika Seyfarth: „Es ist eine Schande für Nieder-Mörlen.“ Fast jeden Tag gehe sie mit ihrem Hund auf der Friedhofs-Erweiterungsfläche spazieren und genieße die Stille. „Gerade ältere Leute gehen mit ihrem Wägelchen vom Friedhof aus dort entlang, um sich zu erholen.“ Was Yamini sage, stimme nicht. 1500 Unterschriften habe die Bürgerinitiative gesammelt, betonte Seyfarth. „Und der Bürgermeister hat hinter den Leuten gestanden.“

Mehr über die Diskussion am Donnerstag

Das ist Nieder-Mörlen

Ein Gedanke zu „Nieder-Mörlen“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.