Aus Brasilien und Namibia nach Karben
Von Klaus Nissen
Rund 150 Frauen und Männer kümmern sich in den Kitas der Stadt Karben um mehr als tausend Vorschulkinder. Pädagogische Fachkräfte waren lange verzweifelt gesucht, die Stadt bezahlt sie über Tarif. Und warb sie bis vor kurzem auch aus dem Ausland an. Sechs junge Frauen aus Brasilien, Namibia und Kolumbien kamen so nach Karben. Drei von ihnen erzählen, wie sie herkamen – und wie sie die Wetterau erleben.Ohne Migration hätten die Kitas ein Problem
Nichts gegen Karben – aber Sao Paulo ist größer. Schon der Stadtteil Parque Guarani übertrifft die Wetterau-Metropole an Einwohnern und Fläche. Gladys Agbanusi wuchs dort auf. Ihr Vater stammt aus Nigeria. Er arbeitete bei einer Bank, die Mutter von Gladys in einer Wechselstube. Die beiden gründeten im Nordosten von Sao Paulo eine Familie.
Gladys ist zielstrebig und wissbegierig. Die jetzt 26-Jährige absolvierte die Oberschule, studierte Pädagogik und arbeitete in der Medizingeräte-Sparte des Weltkonzerns Kodak. Gladys machte Praktika in brasilianischen Kitas – auch sechs Monate in einer deutschen Waldorfschule in Sao Paulo. Das gefiel ihr. Gladys sagt: “Ich wollte wissen, wie die Vorschulpädagogik in Deutschland funktioniert.“
Nach dem Bachelor unterschrieb sie deshalb 2024 einen Kontrakt mit der Personalvermittlungs-Agentur „Talent Orange“. Sie flog nach Frankfurt – und landete im deutschen Spätherbst. Ein Schock. „Das Wetter war so schlimm!“ sagt Gladys. In ihrer Heimat kannte sie nur den Sommer.
Nach einem sechsmonatigen Deutschkurs landete die 26-Jährige in den Diensten der Stadt Karben. Sie hat eine kleine Wohnung gefunden und arbeitet als Erzieherin in der Klein-Kärber Kita Wirbelwind.
In Deutschland ist der Umgang mit Kindern anders
Der Umgang mit den Kindern sei hier ganz anders als in ihrer Heimat. In Brasilien würden die Kleinen sehr behütet und gefordert, damit sie aus der Armut herauskommen. Im Kindergarten werde schon das Schreiben und Lesen geübt. „Wir mussten in Brasilien die Kinder mehr beobachten. Eine Gruppe zählt um die 40 Köpfe – hier sind es maximal 25. Hier sagt man nur selten: Du musst! Das war für mich überraschend.“ In Karben lernen die Kinder nach Gladys Eindruck eher spielerisch. Sie haben einen Garten, und man könne auch Ausflüge machen. „Ich finde das schön“, sagt Gladys.

An der deutschen Sprache hat sie noch zu knabbern – aber es wird immer besser. Manchmal hilft noch die Kollegin Michelle Felix. Sie hat portugiesische Wurzeln und kann übersetzen. In der Freizeit erkundet Gladys Agbanusi die neue Heimat mit dem Fahrrad. Sie hat Freunde in Kiel und Hanau. Sie war auch schon in Gießen, Marburg, Kiel, Hamburg, Paris und London. „Ich lese viele Bücher und gehe gerne in Museen. Ich liebe das Museum für Kommunikation in Frankfurt.“ Sie habe auch Kunstgeschichte studiert, erzählt Gladys nebenbei. Überhaupt: „Ich mag es hier. Das Leben in Deutschland hat Qualität und Sicherheit. Ich lebe wie in einem Märchen.“
Elizabeth und Aveshe überwinden die Sprachbarriere
So ähnlich sehen es auch die namibischen Kolleginnen von Gladys. Elizabeth Katale (29) aus Lüderitz und Aveshe Kalomo (24) aus Karasburg arbeiten seit September in der nagelneuen Kita von Petterweil. Elizabeth war schon 2022 zu einem Pädagogik-Seminar an der Uni Bremen. Ihr gefällt, dass die Kinder in Deutschland zugleich integriert seien und frei spielen könnten. „Wenn sie das Tempo selber bestimmen können, dann wollen sie auch mehr lernen.“

Die beiden Namibierinnen haben erstaunlich schnell ein gutes Deutsch gelernt. In ihrer Heimat würden 40 Sprachen gesprochen, erzählen sie. Und dann noch Englisch und Afrikaans, das leichte Ähnlichkeiten mit dem Deutschen hat.
Genau wie Gladys haben Elizabeth und Aveshe jeweils eine kleine Wohnung in Karben. Darin halten sie per Whatsapp-Video Kontakt mit ihren Familien – die sie durchaus vermissen. Gladys plant für den Sommer den ersten dreiwöchigen Heimaturlaub in Brasilien. Wie sie erkunden auch die beiden Namibierinnen deutsche Städte.
Die jungen Frauen helfen auch ihren Familien
Deutsche seien nicht immer nett zu ausländisch aussehenden Menschen, hatte Aveshe vorab gehört. Aber das stimme nicht. Sie seien eher warmherzig und freundlich. Es fühle sich fast wie zuhause an, meint Aveshe. Und wenn etwas quer kommt, ergänzt Elizabeth, „dann haben wir ja uns. Außerdem hilft uns Frau Fischer in Stadtverwaltung, wenn wir ein Problem haben. Da ist immer jemand.“
Ihr Gehalt gibt den Erzieherinnen aus Brasilien und Namibia einige Möglichkeiten. Einen Teil davon schicken sie in die Heimat. Die Familien können das Geld gut gebrauchen.
