Landbote auf Tour

Auswanderung erfahren

Von Bruno Rieb

Für drei Stunden war ich Lebin Weckesser. Eine Radtour an der Weser hatte mich ins Deutsche Auswandererhaus in Bremerhaven geführt. Der Rundgang durch das Museum war ein Erlebnis der besonderen Art, das sich jeder gönnen sollte, der in die Hafenstadt kommt.

Die Besucher des Museums schlüpfen für ihren Rundgang in die Rolle eines Auswanderers. Die Reise in die Emigrationsgeschichte wird so zu einem ganz persönlichen Erlebnis.

Es ist kein Zufall, dass das Auswandererhaus in Bremerhaven steht. Von hier aus schwappte seit Mitte des 19. Jahrhunderts eine riesige Auswandererwelle in die „Neue Welt“. Millionen Deutsche suchten aus wirtschaftlichen und politischen Gründen ihr Heil in Amerika. Über sieben Millionen Menschen stiegen hier bis 1974 in die Linienschiffe, die seit 1847 regelmäßig nach Amerika fuhren.

Unterwegs mit Lebin Weckesser

Mein Lebin Weckesser war noch nicht geboren, als seine Familie 1926 auswanderte. Er ging im Leib seiner Mutter auf die Reise nach Buenos Aires, wie er später selbst sagte. Die Weckessers stammten aus dem Dorf Hoffenthal an der Wolga. Sie flohen 1921 aus der Sowjetunion, weil sie sich mit der Revolution nicht anfreunden konnten. Ihr Versuch, in Deutschland Fuß zu fassen, scheiterte. So machte sich die Familie 1926 auf den Weg nach Buenos Aires, wohin zuvor schon andere Angehörige ausgewandert waren.

Mit einer Chip-Karte, die zu meiner Eintrittskarte gehörte, konnte ich die Reise der Weckessers nachvollziehen. An allen Stationen des Rundgangs konnte ich mit Hilfe dieser Karte Informationen über die Reise der Auswandererfamilie abrufen. Die Stationen sind beeindruckend – manchmal auch erschreckend – realistisch gestaltet. Bei der Abschiedsszene gleich nach dem Eintritt ins Museum muss man genau hinschauen, um Besucher und Figuren zu unterscheiden. Und die Räume im Zwischendeck des Linien-Schiffes nach Amerika sind so eng, dass man kaum glauben kann, dass hier Menschen die wochenlange die Überfahrt ertrugen.

Ganz realistisch zeigt das Museum Auswanderer im 19. Jahrundert beim Einschiffen in Bremerhaven. (Copyright: Deutsches-Auswandererhaus/Foto: Klaus-Frahm)

Strenge Einwanderungsprozedur

Lebin Weckesser fand sein Glück in Argentinien. Er stieg in die Bandoneon-Werkstatt seines Bruders ein und übernahm sie später. Die Handharmonika war ein gefragtes Instrument im tangoseligen Argentinien.. 2007 besuchte Lebin Weckesser Bremerhaven. Die Stadt hatte er bis dahin noch nicht gesehen.

Auswanderer, die in New York an Land gingen, mussten eine strenge Einwanderungsprozedur ertragen. Sie mussten eine Treppe hinaufsteigen. Dabei wurden sie von Ärzten beobachtet. Wer Mühe beim Treppensteigen hatte, wurde mit einem Kreidestrich auf seiner Kleidung markiert und musste sich einer ärztlichen Untersuchung unterziehen. Auch die Gesinnung der Einwanderer wurde getestet. Die Museumsbesucher können den Test selbst machen. Ich bin daran gescheitert. Meine Einreise in die USA wurde abgelehnt. Ich hatte es im Fragebogen mit einem Kreuz bei „Anarchist“ versucht.

Reisende im Zwischendeck des Schiffs nach Amerika. (Copyright: Deutsches Auswandererhaus/Foto: Herbert Dehn)

So spannend wie das Auswandern behandelt das Museum auch das Einwandern nach Deutschland. Im neuen Museumsanbau ist im Juni dieses Jahres eine Dauerausstellung zur Migrationsgeschichte eröffnet worden. 330 Jahre Einwanderung nach Deutschland werden hier dargestellt. Und im neuen „Saal der Debatten“ werden fünf Themen dazu behandelt: die deutschen Flüchtlinge und Vertriebenen der frühen 1950er Jahre, die Arbeitsverhältnisse der sogenannten „Gastarbeiter“ in den 1960er und 1970er Jahren, das Asylrecht der frühen 1990er Jahre und der Streit um die „doppelte Staatsbürgerschaft“ Ende der 1990er Jahre.

Aus- und Einwanderung ist ein großes Tehema, das dieses Museum großartig behandelt. Wer auf dem Weser-Radweg nach Bremerhaven kommt, sollte sich die Zeit für den Museumsbesuch nehmen. Wer nicht ohnehin eine Übernachtung in der Hafenstadt eingeplant hat, kann sein Fahrrad vor dem Museum abstellen und sein Gepäck an der Kasse deponieren.

Deutsches Auswandererhaus, Columbusstraße 65, 27568 Bremerhaven. Sommeröffnungszeiten von 1. März bis 31. Oktober tagtäglich von 10 bis 18 Uhr, donnerstags bis 21 Uhr (Spätticket gültig von 18 bis 21 Uhr). Vom 1. November bis zum 28. Februar schließt das Deutsche Auswandererhaus bereits um 17 Uhr. Letzter Einlass ist jeweils 1,5 Stunden vor Ende der Öffnungszeit. Eintittspreise: Erwachsene 18,50 Euro, ermäßigt 14 Euro (Jugendliche, Studierende, Auszubildende, Arbeitslose, Behinderte ab Grad der Behinderung 50 ), Kinder von fünf bis 16 Jahre 9 Euro, ermäßigte Kinder 8 Euro (behindert ab Grad der Behinderung 50, 5 bis 16 Jahre, Begleitpersonen erhalten freien Eintritt), kleine Familienkarte (ein Erwachsener und eigene Kinder 5 bis 16 Jahre) 26,50 Euro, große Familienkarte (zwei Erwachsene und eigene Kinder 5 bis 16 Jahre) 45 Euro, Fotoschutzgebühr 1,50 Euro. Einzelpersonen, Paare, Kleingruppen oder Familien können ihre Eintrittkarten direkt an der Kasse kaufen, Gruppen ab acht Personen sollten sich unter Telefon 0471/90220-0 anmelden.

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