Kulturkreis Ortenberg

Die Liebesgedichte der Sappho

Von Corinna Willführ

Der Kulturkreis „Altes Rathaus“ in Ortenberg startet in sein Programm 2022 unter dem Titel „Einen Traum habe ich Dir erzählt…“ mit einer ganz besonderen literarisch-musikalischen Begegnung. Der Kunsthistoriker, Übersetzer und Autor Michael Schroeder, die Schauspielerin Lilli Schwethelm und der Musiker Georg Crostewitz haben ein erstes gemeinsames Programm erarbeitet. Über und für eine besondere Frau: die griechische Lyrikerin Sappho, „die erste Dichterin Europas“.

Michael Schroeder, Lilli Schwethelm und Georg Crostewitz sind drei Menschen, die im Hier und Jetzt leben. Für das Projekt des Kulturkreises „Altes Rathaus“ haben die Kulturschaffenden auf Initiative von Michael Schroeder ein Programm erarbeitet, das sich einer Frau widmet, die vor mehr als 2500 Jahren lebte: der griechischen Lyrikerin Sappho. Sie gilt als „erste Dichterin Europas“. Ihr Werk markiert den Beginn der abendländischen Dichtung. Doch es sind nicht nur die Begeisterung für ihre „sublime Sprache, gepaart mit leidenschaftlichem Empfinden“ und „ihr unabhängiges und politisch engagiertes Leben“, die den Kunsthistoriker, Übersetzer und Autor Michael Schroeder so in Bann zogen, dass er ihre Werke aus dem Altgriechischen für drei Bücher übersetzt und darüber hinaus eine Sappho-Biografie Sappho verfasst hat. Es sind die Aktualität ihrer Zeilen für die Gegenwart. Schroeder, 1954 in Trier geboren, hat Klassische Altertumswissenschaften studiert, wird die Veranstaltung moderieren.

Schwemmgut entwendeter Kunst

In 2014 erschien seine Publikation „Ich aber liege allein – die Lieder der Sappho“. 2014 als tausende Menschen aus Syrien über das Mittelmeer Zuflucht in Europa suchten. Bilder von verzweifelten Menschen auf Lesbos, die auf die Ankunft ihrer Familienangehörigen hofften. Wie Sappho auf ihren Bruder Charaxos. Drei Jahre später hat Michael Schroeder die von ihm übersetzte Sammlung mit „Liebesliedern“ der Sappho herausgegeben – mit Werken der Dichterin aus der Antike, deren Werke einmal zum Bestand der Bibliothek von Alexandria gehörten. Ausgrabungen von Archäologen hatten in dem Oasengebiet Fayum in Ägypten Mumienmasken zutage gefördert, die aus gepresstem Papyrus hergestellt worden waren. In der Kartonage entdeckten sie auch Fragmente der Verse Sapphos. Nach dem „arabischen Frühling“ in 2011 tauchten unerwartet weitere „Überreste“ ihres Wirkens „als Schwemmgut entwendeter Kunst aus Ägypten“ in Oxford.

„Soweit uns ihre Verse erst einmal in die ferne Vergangenheit verweisen, so aktuell sind sie doch“, sagt Michael Schroeder. „Denn sie thematisieren die Ängste um ihren Bruder, die Liebe, die sie für ihre Tochter Kleis empfindet, das Verlangen nach der Zuneigung ihrer Mitstreiterinnen in „ihrem Kreis“ – und auch Wut über die herrschenden Verhältnisse als politisch Verbannte.

Die das lächeln liebende Göttin

Eines des Gedichtfragmente. (Fotos: Willführ)

Die Dichterin Sappho, geboren um 625 v. Chr., Tochter einer Familie der Oberschicht, wuchs mit drei Brüdern im Stadtstaat Mytilene auf der griechischen Insel Lesbos auf. Von ihren Eltern wird sie in jungen Jahren mit dem Kaufmann Kerkylas verheiratet. Während dieser keine nachhaltige Bedeutung für sie hat, ist ihre Liebe zu Kleis, der Tochter der beiden, im noch erhaltenen Werk der Lyrikerin bis heute präsent. Weil ihre Familie sich gegen den Tyrannen in Mytilene stellt, wird auch Sappho in die Verbannung geschickt. Zehn Jahre lebt sie auf Sizilien. Zurück in ihrer Heimat widmet sie sich der Erziehung von Mädchen und jungen Frauen, bereitet diese nicht nur auf ihre Hochzeit vor, sondern unterweist sie in Tanz und Musik, wird Leitfigur einer kultischen Gemeinschaft, die Aphrodite, die „das Lächeln liebende“ Göttin, verehrt. Neun Bücher mit Liebes-, Hochzeitsliedern und Hymnen gab es in der Antike von Sappho, mehr als 12.000 Zeilen hat ihr Werk umfasst. Dokumentiert waren sie in der Bibliothek von Alexandria, die 48 v. Chr. Während der Eroberung durch die Römer zerstört wurde. Nur rund 600 Zeilen ihres Ouevres sind noch erhalten. Durch in 2014 entdeckte Neufunde wurde die Welt wieder auf die Frau aufmerksam, die vor mehr als 2500 Jahren Zeilen schrieb, sie zur Lyra sang. Die in Versen ihre Empfindungen von Sehnsucht und Liebe, von Enttäuschung und Verlust ausdrückte und schon in der Antike ein unabhängiges Leben führte. Sappho von Lesbos starb um 560 v.Chr. Dass sie sich als verschmähte Liebhaberin eines jungen Mannes von einer Klippe gestürzt haben soll, ist mitnichten eine Überlieferung, die Bestand hat.

Eine besondere musikalisch-literarische Begegnung

„In der Antike wurden Texte und Gedichte zur Begleitung von Instrumenten, insbesondere der Lyra, vor- und damit auch weitergetragen. Die Zeilen von Sappho haben eine besondere Rhythmik. Die steckt schon in den Versen“, sagt Georg Crostewitz. Der Gitarrist, Komponist und Arrangeur hat eigens für „Einen Traum habe ich dir erzählt“, ein Stück komponiert. Doch nicht zur dieses wird zu hören sein, sondern speziell für den Abend auch von ihm arrangierte Stücke von Jazz bis etwa zu dem Beatles-Hit „And I love her“. Das Anliegen des Ortenberger Musikers: „Ein stimmungsvolles Bild zu erzeugen“ – für Leben und Werk einer Frau, die vor 2500 Jahren lebte. Da braucht es neben Einfühlungs- auch viel Vorstellungsvermögen. „Da war es gut, dass ich als Musiker bereits viele Filmmusiken illustriert habe.“

Was den Protagonisten des Abends wichtig ist, fasst Lilli Schwethelm zusammen: „Wir antworten nicht mit einer Nachahmung der Kunst Sapphos, viel mehr mit dem Versuch, ihr zu begegnen.“ Im Anschluss an diese besondere literarisch-musikalische Begegnung besteht Gelegenheit zum Austausch mit dem Übersetzer über die Frau, die der Philosoph Plato als „zehnte Muse“ bezeichnete und von der sich Michael Schroeder seit vielen Jahren inspiriert fühlt.

Kulturkreis Ales Rathaus Ortenberg: „Einen Traum habe ich Dir erzählt…“ Eine lyrisch-musikalische Begegnung mit Sappho, erste Dichterin Europas“: Samstag, 2. April, 20 Uhr, Altstadt-Bühne Ortenberg (ehemals „Freche Keller“), Alte Marktstraße 38. Karten zum Preis von 18 Euro können unter 06046/7011 oder über makilopo@t-online.de sowie kulturkreis@ortenberg.net bestellt werden. Vorverkauf auch bei makilopo (Post) in Ortenberg.

Titelbild: Michael Schroeder als Übersetzer und Moderator des Abends, die Schauspielerin Lilli Schwethelm (Lesung) und der Musiker Georg Crostewitz (Gitarre und Percussion) laden ihr Publikum zu einer literarisch-musikalischen Begegnung mit Sappho von Lesbos ein.

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