Ken Saro-Wiwa

Gedenken am 10. Oktober

von Ursula Wöll

Der 10. Oktober ist der „Internationale Tag gegen die Todesstrafe“. Welche Ironie: Am 10. Oktober wäre der nigerianische Bürgerrechtler Ken Saro-Wiwa 80 Jahre alt geworden. Wenn ihn nicht die Militärdiktatur 1995 mit 54 Jahren gehängt hätte, gehängt zusammen mit acht Mitstreitern. Sie hatten mit friedlichen Mitteln gegen die ökologische Zerstörung des Niger-Deltas durch den Ölkonzern Shell protestiert. Das kaputte Niger-Delta zeigt weltweit am krassesten, dass der Rohstoff Öl bereits bei seiner Förderung die Umwelt zerstört.

Das Niger-Delta in Nigerias Süden ist größer als die Schweiz und für ein ländliches Gebiet sehr dicht besiedelt. Das 1956 entdeckte Öl wurde den Bauern und Fischern zum Fluch, denn die Förderung des Rohöls durch Royal Dutch Shell und Shevron verwüstete das Delta bald so sehr, dass die Lebenserwartung der dort lebenden Menschen stark sank. Ken Saro-Wiwa war im Niger-Delta geboren, wurde Journalist, Autor und ein in seiner Heimat bekannter Filmemacher, dann auch Träger des Alternativen Nobelpreises von 1994 wegen seines Engagements. Das richtete sich gegen die ökologische Zerstörung seiner Heimat.

Ölförderung zerstört die Natur

Er gründete die MOSOP (Bewegung für das Überleben der Ogoni) und stand dadurch mit an der Spitze des Protestes. Da er selbst dem Ogoni-Stamm angehörte, fand er bei ihnen den stärksten Rückhalt. „Die multinationalen Ölkonzerne, namentlich Shell und Chevron haben unsere Umwelt und Ökonomie zerstört, dreißig Jahre lang Gas in unseren Dörfern abgefackelt, Verseuchungen durch Öllecks, Blowouts und so fort verursacht“, so begründete er die Proteste der Bevölkerung immer wieder. „Die Ogoni sind bedroht und gefährdet, seitdem 1958 in ihrem Gebiet Öl entdeckt wurde. Pflanzen, Wild- und Fischbestände werden vernichtet, Luft und Wasser verpestet, und das Land stirbt. Heute ist Ogoni zu Ödland verkommen.“ Das trifft auf das gesamte dicht besiedelte Delta mit seinen 6 Millionen Einwohnern zu, von denen die Ogoni nur ein Teil sind.

Die Kritik richtete sich damals und noch heute auch an den nigerianischen Staat. Seine Gesetze seien zu nachlässig, und selbst die wenigen existierenden würden übertreten, da die Behörden ihre Einhaltung kaum kontrollierten. Kein Wunder, profitiert doch die korrupte Regierung selbst von der rücksichtslosen Ausbeutung. Das Niger-Delta ist außerdem als größte Ölförderstätte in ganz Afrika das Rückgrat des nigerianischen Staatshaushalts. Aber die Ölkonzerne stecken nach wie vor die Milliardengewinne ein, während die Bevölkerung des Deltas immer stärker verarmt, weil Ackerbau und Fischfang fast unmöglich geworden sind.

Leben ist ein universelles Menschenrecht

Nachdem im Jahr 1995 die Todesurteile über Ken Saro-Wiwa und seine Mitstreiter in einem Schauprozess gefällt und bereits zehn Tage später in Port Harcourt vollstreckt wurden, überschrieb DIE ZEIT Nr. 47 von 1995 eine Reportage ihres Afrikakorrespondenten Bartholomäus Grill mit dem Titel „Shell und Co. bringen uns um“. Ken Saro-Wiwa soll erhobenen Hauptes zum Galgen geschritten sein, weil er an einen künftigen Erfolg glaubte. Aber erst im Frühjahr 2021 gab ein Gericht in Den Haag, dem Hauptsitz der Royal Dutch Shell, den Klagen einiger Bauern aus dem Niger-Delta endlich recht. Sie waren jahrelang von „Friends of the Earth“ unterstützt worden. Der Ölkonzern soll nun eine Millionensumme als Entschädigung zahlen und die Verseuchung des Deltas durch den Austausch der alten rostigen Rohre beenden. Die Mühlen der Gerechtigkeit mahlen auch in bezug auf die Abschaffung der Todesstrafe langsam. Hin und wider entschließt sich ein kleines Land dazu, aber außer in China, Iran und Saudiarabien wird unverdrossen weiter in den USA durch den Staat getötet. Da wartet eine Aufgabe auf unsere neue Regierung. Sie muss unsere Verbündeten in Washington immer wieder darauf hinweisen, dass diese ein Menschenrecht verletzen und auf der Abschaffung der Todesstrafe in den USA bestehen.

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