Stadtführung in Nidda

Auf jüdischen Spuren

Von Corinna Willführ

Sharon Rieck lebt seit 23 Jahren in Nidda. Geboren und aufgewachsen ist die 68-Jährige im US-Staat Pennsylvania. Die Wetteraustadt, sagt sie – seit diesem Jahr ehrenamtliche Stadträtin der Grünen – ist ihr zur „zweiten Heimat“ geworden. Als zertifizierte Natur- und Kulturführerin führt sie Gruppen durch deren Altstadt. In ihrem Portfolio nennt sie als weitere Themen Geologie und Siedlungsgeschichte, die Rundgänge „Auf jüdischen Spuren in Nidda“ sind ihr indes eine „Herzensangelegenheit“.

Was führt eine gebürtige US-Amerikanerin ohne jüdische Wurzeln in einer Kleinstadt in der Wetterau dazu, sich ebendort „Auf jüdische Spuren“ zu begeben? Ihre Erfahrungen und Recherchen nach ihrer Prüfung als Natur- und Kulturführerin in 2019 so auszubauen, dass sie in Bildern und Worten Menschen über zwei Stunden lang fesseln können?

Sharon Rieck mit einem historischen Foto der einstigen Synagoge in der Schillerstraße 33 in Nidda. (Fotos: Corinna Willführ)

Hier gab es keine Juden mehr

Den Keim des Interesses für das Judentum, vor allem die Shoah, legte ihr Vater. Seine Vorfahren stammten aus Polen. Er hatte sich intensiv mit der Geschichte des Nationalsozialismus beschäftigt. Sharon Rieck: „Wir hatten dazu viele Bücher zuhause, über die er mit mir gesprochen hat.“ Auch ihre Mutter, Lehrerin für Politik und Gesellschaftswissenschaften, war ihr stets Ansprechpartnerin. Religiös waren beide Elternteile nicht. „Sie waren Agnostiker“. Über ihre Großmütter väterlicherseits, die katholische, und mütterlicherseits, die protestantische, lernte Sharon Rieck als junges Mädchen durch Kirchenbesuche beide christlichen Religionen kennen. Über Klassenkameraden in der Quäkerschule Rituale zu den Feiertagen jüdischer Gleichaltriger: etwa das Dreidel-Drehen der Kinder zu Rosh Hashana am jüdischen Neujahr.

Menschen jüdischen Glaubens gehörten für Sharon Rieck in den USA zu ihren Lebensbegleitern. Das änderte sich, als sie nach Deutschland kam und blieb so auch in Nidda, wo sie seit 23 Jahren lebt, „Hier gab es in der Nachbarschaft keine Juden mehr.“ Wohl aber Relikte, die unmittelbar mit dem Leben von 91 jüdischen Bürgern aus 17 Familien aus der Stadt und dem heutigen Stadtteil Geiß-Nidda vor der Machergreifung der Nationalsozialisten 1933 verbunden waren und sind. Konkret: Gebäude – und im Zimmermann-Strauss-Museum (In der Raun) auch Alltagsgegenstände und Lebensgeschichten.

Interesse am „Nicht-Vergessen“

Ins Leben gerufen hatte dieses der katholische Pfarrer Wolfgang Stingl. Für die heute 68-Jährige der Mensch, der die Geschichte der jüdischen Gemeinde seiner Heimatstadt „aufarbeitete und alles, was er dazu fand, ob Dokumente oder Gegenstände sammelte.“ Sharon Rieck traf Wolfgang Stingl in der Justizvollzugsanstalt Butzbach, wo sie als Lehrerin für Englisch mehrere Jahre tätig und Stingl Seelsorger war. Bei einem Wiedersehen in Nidda lernten sich die beiden näher kennen, teilten ihr Interesse am „Nicht-Vergessen“, wie Rieck sagt. Am „Nicht-Vergessen“ von Menschen, die durch die nationalsozialistische Ideologie zwangsweise vertrieben worden – und von denen die meisten durch die NS-Herrschaft in Konzentrationslagern ihr Leben verloren. Was auch jene nicht mehr hatten, die durch eine Flucht ins Ausland überlebt hatten: Hab und Gut in ihrem einstigen Zuhause.

Bei ihren Stadttouren führt Sharon Rieck zu den Wohn- und Geschäftshäusern, die einst in jüdischem Besitz waren. „Doch mitnichten“, sagt sie „waren alle Juden, die damals in Nidda lebten, begütert.“ Was ihre Recherchen zudem ergeben haben: Die meisten waren orthodoxen Glaubens, eng den Besuchen in der Synagoge und den Lehren des Talmuds verbunden. „Die Kinder mussten regelmäßig in die sogenannte Judenschule. Zu ihrem Unterricht gehörte auch das Erlernen des Hebräischen.“ Über 700 Jahre lassen sich Juden in Nidda nachweisen. Vor dem Holocaust waren es noch 91 Personen in der Kernstadt und dem heutigen Stadtteil Geiß-Nidda.

Sharon Rieck vor dem Haus in der Schlossgasse 8 in der Altstadt.
Dort liegen die bislang einzigen fünf Stolpersteine.

In der Schlossgasse 8 sind es einzig fünf Stolpersteine, die an die einstigen jüdischen Bewohner erinnern. Für Sharon Rieck ist es dringend an der Zeit, „dass auch vor anderen Häusern der Stadt an sie erinnert wird.“ So wie es in Schotten im benachbarten Vogelsbergkreis bereits geschehen ist.

Bei ihren Führungen legt Sharon Rieck, übrigens längst auch deutsche Staatsbürgerin, den Fokus auf einen „Einblick in das Wohn- und Geschäftsleben der ehemaligen jüdischen Gemeinde in Nidda.“ Ihr Anliegen: „Eine Brücke zwischen einst und jetzt zu bauen.“ Die rund zweistündige Tour endet am Zimmermann-Strauss-Museum. Ein Museum, das mit seinen Informationen über die Geschichte des Judentums, den Ritualen aus dem jüdischen Leben und lokalen Persönlichkeiten und einer Bibliothek rund 1500 Bänden, in der Region einzigartig ist. Da ehrenamtlich geführt, ist es nur sonntags von 14 bis 17 Uhr geöffnet.

Die nächste Führung „Auf jüdischen Spuren in Nidda“ ist am Sonntag, 10. Oktober, 14 Uhr. Treffpunkt ist am Bürgerhaus in Nidda. Teilnahmegebühr: fünf Euro. Beim anschließenden Besuch im Zimmermann-Strauss-Museum, das seines gleichen auf dem Land sucht, wird um eine Spende gebeten. Anmeldung unter shari@natur-kultur-wetterau.de. Es gelten die aktuellen Corona-Bedingungen.

niddas-juden.de

Titelbild: Die fünf Stolpersteine in der Schlossgasse 8 in Nidda.

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