Jüdisches Leben

Monumentale Mikwe

von Bruno Rieb

Mit der Mikwe hat Friedberg ein monumentales Denkmal an seine jüdische Gemeinde. Das Ritualbad in der einstigen Freien Reichsstadt gehört zu den bedeutendsten Zeugnissen jüdischen Lebens in Deutschland. Mit Band 67 seiner Wetterauer Geschichtsblätter würdigt der Friedberger Geschichtsverein das einzigartige Bauwerk, das 25 Meter senkrecht in den Fels getrieben wurde.

Mikwen sind Tauchbäder zur rituellen Reinigung des Körpers nach bedeutenden Ereignissen wie Hochzeit, Geburt, an wichtigen Feiertagen oder auch nach dem Übertritt zum Judentum. Auf gut 200 Seiten würdigt der Band der Geschichtsblätter das Friedberger Judenbad. Es vereint die wichtigsten Beiträge eines Symposiums im Jahr 2010 anlässlich der Feier zum 750-jährigen Bestehen der Mikwe. Es ist Zufall, dass der Band erst jetzt erscheint, geplant war die Veröffentlichung viel früher. Es ist aber auch ein glücklicher Zufall, weil die Veröffentlichung nun ins Festgeschehen „1700 Jahre Jüdisches Leben in Deutschland“ fällt.

Baudatum unklar

Johannes Kögler, Leiter des Wetterau-Museums in Friedberg und Vorstandsmitglied des Geschichtsvereins, hat den Band herausgegeben. Kögler verblüfft gleich am Anfang des Buches mit einer wichtigen historischen Korrektur: die Inschrift „MCCLX“ (also 1260) im Judenbad ist „nicht authentisch“. Sie wurde bislang als Datum des Baus des Bades angenommen. Kögler geht von einer Fälschung aus und sieht sich durch Michael Oberweis bestätigt. Der hat einen Katalog der Inschriften im Altkreis Friedberg angefertigt. Inschriften in dieser From seien damals nicht üblich gewesen, führt Kögler an, und es sei auch fraglich, „ob die jüdischen Auftraggeber ihres Ritualbades es überhaupt zugelassen hätten, dass eine Jahresangabe nach christlicher Zeitrechnung eingemeißelt worden wäre“. Köglers Fazit: „Für die Mikwe bedeutet dies, sich von der einfachen und bequemen festen Datierung zu lösen und wieder eine gewisse Unschärfe und Offenheit bei der zeitlichen Einordnung zuzulassen.“ Es müsse wieder genauer auf das Bauwerk geschaut und Fragen zu seiner Baugeschichte müssten neu gestellt werden. Die Baugeschichte des Ritualbades ist eng mit dem Bau der Stadtkirche Mitte des 13. Jahrhunderts verbunden.

Schnittzeichnung der Mikwe von Hubert Kratz 1901/02.

Es muss eine wohlhabende jüdische Gemeinde gewesen sein, die sich ein derart imposantes Ritualbad leisten konnte, stellt Hans-Helmut Hoos in seinem Beitrag „Garanten des Wohlstands“ fest. Mit der Gründung von Burg und Stadt Friedberg zu Beginn des 13. Jahrhunderts seien auch die ersten jüdischen Bewohner angesiedelt worden, „denen ein Wohnviertel zwischen der Reichsburg und der Stadt zugewiesen wurde“. Durch die Ansiedlung in unmittelbarer Nähe der kaiserlichen Reichsburg sollte den seit dem 11. Jahrhundert von Verfolgung bedrohten Juden Schutz gewährt werden, berichtet Hoos. Das „Einzigartige“ dieser jüdischen Gemeinde sei gewesen, dass sie sich jahrhundertelang zwischen zwei kleinen, weitgehend selbständigen Territorien bewegte, der bis 1802/03 selbständigen Freien Reichsstadt und der bis 1805/06 eigenständigen kaiserlichen Burg. Das habe eine bis ins 17. Jahrhundert währende wirtschaftliche Prosperität und ein selbstbewusstes jüdisches Gemeindeleben in Friedberg ermöglicht.

Der Retter der Mikwe

Die jüdische Gemeinde wurde 1942 von den Nazis ausgelöscht. Dass die Mikwe erhalten blieb, ist laut Hoos Heinrich Ehrmann zu verdanken, der seit 1884 als Lehrer in der jüdischen Gemeinde wirkte. Der habe sich als Denkmalschützer um die Mikwe gekümmert. Hoos: „Sein Renommee, das weit über die jüdische Gemeinde in Friedberg in seine christliche Umwelt hinaus wirkte, führte letzten Endes dazu, dass sogar nach 1938 während der Zeit des Naziregimes in Friedberg nichtjüdische Friedberger Persönlichkeiten sich für den Erhalt der Mikwe einsetzten und somit das großartige Monument der mittelalterlichen jüdischen Geschichte in Friedberg erhalten blieb.“

Heute gehört dieses monumentale Denkmal jüdischen Lebens der Stadt Friedberg. Die hat damit nicht nur ein Bauwerk, mit dem sie international Aufmerksamkeit erregt, sondern auch eines, das sie hegen und pflegen muss. Die Mikwe ist mehrfach restauriert worden, zuletzt 2007/08. Eine „ausführliche Publikation der Baubefunde und der kunsthistorischen Bearbeitung“ stehe bislang noch aus, stellt Stefanie Fuchs in ihrem Beitrag „Die Friedberger Mikwe im kunsthistorischen Vergleich“ fest. Über die umfangreiche Restaurierung des Judenbades durch den Architekten Hubert Kratz 1902 bis 1903 berichtet Katja Augustin in ihrem Beitrag „Vom Ritualbad zum Baudenkmal“.

Erste bekannt Beschreibung der Friedberger Mikwe aus dem Jahr 1595 von Abraham Saur

Gut 30 Seiten mit Bildtafeln zeigen das Ritualbad in all seinen Facetten. Darunter ist auch die erste bekannte Beschreibung von Abraham Saur aus dem Jahr 1559. Ernst Götz vergleicht die Bauweise der etwas zeitgleich entstandenen Stadtkirche mit der des Judensbades und kommt zu dem Schluss, „die Datierung des für die Judengemeinde geschaffenen Tiefbauwerks“ sei „fast zweifelsfrei in die Jahre knapp nach 1255 zu bestimmen. Rechnen wir mit einer gut zwei- bis drei Jahre währenden Bauzeit, können wir bei der traditionellen Fertigstellungsangabe ‚um 1260‘ verbleiben.“

Zu welchem genauen Zeitpunkt auch immer das Ritualbad gebaut wurde, der aus Sandstein errichtete unterirdische Turm wird noch lange bestehen. Durch bauliche Umgestaltung wurde das Klima in dem Gebäude verbessert, stellt Enno Steindelberger in seiner „Untersuchung der Schadensursachen und Beurteilung der Erhaltungsmaßnahmen an den Sandsteinen der Mikwe in Friedberg“ fest. Die Verwitterung sei verlangsamt, Salzbelastung und erhöhte Feuchtigkeit ließen sich aber nicht ganz abstellen. „Eine gewisse Akzeptanz von optischen Mängeln und auch Schadstellen muss daher vorausgesetzt werden.“ Noch besser fällt das Urteil von Michael Auras, Oliver Hahn und Karin Petersen aus, die die raumklimatischen Bedingungen und mikrobiellen Belastungen der Wandoberflächen der Mikwen in Friedberg, Speyer und Worms verglichen haben. Im Friedberger Judenbad sei das Raumklima „auf extrem hohem Niveau nahezu konstant. Die Wandoberflächen seien häufig mit Tropfen von Kondenswasser bedeckt. Salzkristallisationen seien „nur untergeordnet zu erwarten“. Die Konzentration von Schimmelpilzen liege „im Toleranzbereich.“ Ihr Fazit: „Aus bauphysikalischer und mikrobiologischer Sicht besteht daher kein akuter Handlungsbedarf.“

Dem Buch liegen zwei großformatige Karten bei: eine mit dem Aufmaß der Unterwasserzone des Ritualbades und eine mit zwei Vertikalschnitten.

„Lebendiges Wasser. Beiträge zur Mikwe Friedberg (Hessen), Wetterauer Geschichtsblätter Band 67, im Auftrag des Friedberger Geschichtsvereins, herausgegeben von Johannes Kögler. 208 Seiten, 120 Abbildungen, zwei Beilagen. Verlag der Buchhandlung Bindernagel. ISBN 978-3-87076-126-4. 25 Euro.

Titelbild: Die Friedberger Mikwe fotografiert von Peter Seidel aus dem Buch „Lebendiges Wasser. Beiträge zur Mikwe Friedberg (Hessen)“.

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