Theater Prozess

Erinnern an den Auschwitz-Prozess

Von Elfriede Maresch

Mit dem Film „Prozeß Auschwitz Erinnern“ ruft das „Theater Prozess“ den Frankfurter Auschwitz-Prozess von 1963 ins Gedächtnis. Zum 77. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz wurde im Frankfurter Gallustheater diese Produktion gezeigt.

„Ich bin gekommen aus freiem Willen. Ich bin aus keinem Zug geladen worden. Ich bin nicht mit Knüppeln in dieses Gelände getrieben worden. Ich habe keine Beziehung zu dieser Ortschaft, als dass mein Name auf den Listen derer stand, die hierher umsiedeln sollten …“. Vor dem Beginn des Films „Prozess Auschwitz Erinnern“ verschmolzen ein Bild und eine Stimme zu beklemmender Eindringlichkeit. Auf der Filmleinwand stand schon das Schwarz-Weiß-Bild von Schienen, die auf eine Mauer und ein gedrungenes Tor zulaufen: der Eingang zum KZ Auschwitz. Davor las der Schauspieler Edgar M. Böhlke einen Text von Peter Weiß. Als Sohn eines jüdischen Vaters war dem Autor noch die Emigration nach Schweden gelungen, aber das Schicksal derer, die diese Chance nicht gehabt hatten, ließ ihn nicht los. Er besuchte das Lager. Fassungslosigkeit angesichts dieser Hölle, aber auch die unklare „Schuld der Überlebenden“ fließen in seiner Beschreibung zusammen.

Darstellung der Unrechtsgeschichte

„Theater Prozess“ nennt sich das freie Ensemble, das schon mehrfach die Spielstätte Gallus-Theater nutzen konnte. Initiator ist Dr. Ulrich Meckler. Er hatte zunächst Soziologie und Theaterwissenschaften studiert, war dann zur Medizin gewechselt war und praktizierte lange als Internist in Oberhessen. Im Ruhestand hatte Meckler wieder Zeit, seine Theaterfaszination aktiv zu leben. Ebenso kreative wie kritische Theaterproduktionen entstanden im Dialog mit anderen Künstlern, etwa „Wort – Gewalt – Tat“ zum Thema Verrohung der Sprache im Umgang mit Asyl Suchenden. Der Kontakt zu Böhlke kam schon vor langer Zeit über Mecklers Tochter Lena zustande, die bei dem prominenten Schauspieler und Professor an der Frankfurter Hochschule für Musik und Darstellende Gestaltung ein Studiensemester machte. Aus Ideen Mecklers wurden Produktionen entwickelt, bei denen Böhlke aktiv war: 2012 ein Liederabend „Brecht Eisler Exil“ im Gederner Schloss, 2013 bereits im Gallus-Theater eine szenische Collage „Prozess Auschwitz Peter Weiss“, 2018 „Adler.Werke.Katzbach“, Darstellung eines Kapitels vergessener, verleugneter Unrechtsgeschichte mitten in Frankfurt 1944/45. Der Name „Theater Prozess“ ist glücklich gewählt. „Aus einer offenen Idee entsteht im wechselseitigen Austausch der Beteiligten, in Auseinandersetzung und Konkretion eine bühnenreife Endform“ beschreibt Böhlke die Arbeitsweise.

Mauer der Verleugnung: Edgar Böhlke als Angeklagter im Auschwitz-Prozess (Foto: Theater Prozess)

Mit „Prozess Auschwitz Erinnern“ wurde das Medium Film gewählt – auch aus dem Wunsch heraus, die Produktion einem größeren Zuschauerkreis zugänglich zu machen. Die aktuell Mitwirkenden waren Dr. Ulrich Meckler als Initiator, Regisseur und Dramaturg, weiter Gerhard Müller-Hornbach (Komposition), Johanna Greulich (Solistin) und als Akteure neben Böhlke Barbara Englert und Ilja Kamphues. Für das Video-Editing war Rainer Brumme zuständig, für die wissenschaftliche Beratung Professor Dr. Elisabeth Rohr. Die Kamera führte Meckler zusammen mit Bernd Löser.

Verstörend und erschütternd

„Prozess Auschwitz Erinnern“ verstörte und erschütterte auf verschiedenen Ebenen: Zum einen in der Konfrontation mit dem zutiefst menschenverachtenden Vernichtungssystem Auschwitz, gespiegelt in Aussagen von Tätern und Opfern im Frankfurter Prozess von 1963. Zum anderen im Wahrnehmen des Abgründigen in Musik, Bildszenen, Symbolen, gesprochenen Erinnerungsfragmenten, wie Meckler bei einer anderen Theaterproduktion formuliert hatte: „Kunst ist in der Lage, einen Erfahrungsraum zu schaffen, in dem wir uns annähern können an das nicht Sagbare“.

Die Protokolle des Auschwitzprozesses waren das Ausgangsmaterial, fokussiert auf die Dynamik des Sich-Erinnerns. Englert steht in einem dunklen Raum, mitten in einem strahlenförmigen Kreis großer Papierblätter. Darauf gedruckt Zeugenaussagen, was damals den Häftlingen angetan wurde. Zunächst fast nüchtern gesprochen, dann in Satzfragmenten, immer mehr stockend und pausierend, während die Sprecherin die Papierbögen zerknüllt – deutlich wird die unerträgliche Aufgabe der einstigen Opfer, sich an die Brutalität im Lager zu erinnern, sie in Sprache zu fassen. Meckler beschreibt dies als „Partitur aus Stimmen“. Er schildert die eigenartigen Klänge dazwischen als „Komposition für Sopran, Aktionen, Rauminstallationen“. Sie sind mehrdeutig – Klage, Aufschrei, Anklage?

In der Erinnerung der Zuschauer bleiben wird auch der Blick auf die Anklagebank. Sechs schwarze Stühle stehen da. Nacheinander besetzt sie Böhlke in der filmischen Montage als Angeklagter. Als dümmliche Ausrede („Ich habe nur meine befehlsbedingte Verantwortung wahrgenommen“), patzig, selbstmitleidig oder auftrumpfend bilden die Aussagen eine Mauer der Verleugnung. Kein einziger übernimmt Verantwortung für das, was er getan hat.

Unbequem, schmerzlich, mühsam

Die Produktionen des „Theater Prozess“ sind keine Stücke für freundlichen Applaus am Ende. Sie verstören, regen zu Ebenen des Nachdenkens an, das unbequem, schmerzlich, mühsam ist – und doch unverzichtbar. So war die abschließende Diskussion über Formen des Sich-Erinnerns, die Frage der narrativen oder abstrahierenden Darstellung von Epochen der Gewalt ein adäquater Abschluss.

Der Film wurde mit Mitteln von Stiftungen, Vereinen, Stadt und Land Hessen gefördert. Er kann für Gedenk- und Diskussionsabende, Bildungszwecke, etwa an Schulen, und für nichtkommerzielle Veranstaltungen kostenlos verliehen werden. Kontakt ist per Mail meckler@t-online.de möglich.

Titelbild: „Austausch, Auseinandersetzung, Konkretion – so entsteht eine bühnenreife Endfassung“: Der Regisseur Dr. Ulrich Meckler und der Schauspieler Edgar M. Böhlke. (Foto: Elfried Maresch)

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