Imker

Menschen brauchen Bienen

von Ursula Wöll

Das Wort „Imker“ könnte man mit „Honigräuber“ übersetzen. Dabei ist der Imker Volker Dietz ein freundlicher Mensch, der seine Bienen liebt und seine Freizeit mit ihnen verbringt. Seine Bienenvölker stehen zwischen den Apfelbäumen des Obst- und Gartenbauvereins im mittelhessischen Heuchelheim. Jüngst hat er die Mitglieder der Bürgerintiative „Schützt die Lahnaue“ mit der Welt der Bienen vertraut gemacht. Und noch heute, beim Schlecken aus dem erworbenen Honigglas, staune ich über die hochdifferenzierte soziale Gemeinschaft eines Bienenvolkes. Die meisten Imker bieten solche Infobesuche vor Ort an, auch für Kindergarten- und Schulkinder. Nix wie hin! Solche Besuche sind Eye-Opener für die Wunder der Natur rings um uns. Außerdem schrumpft die Zahl auch dieser Insekten ständig.

Winter der Bienen

Der Imker, der die Nahrungsvorräte geklaut hat, füttert bereits Zuckerwasser, denn Ende Oktober beginnen die fleißigen Sammlerinnen ihre Winterruhe, es gibt keine Blüten draußen, und es ist kühl. Schon länger hat ihrer aller Mama, die Bienenkönigin, nicht mehr wie in den Sommermonaten bis zu zweitausend Eier täglich gelegt, sondern kaum noch welche. Die Bienen, die überwintern, werden nämlich bis zu sechs Monate alt und sterben nicht bereits nach fünf Wochen wie die Sommerbienen. Sie bilden eine Traube im Bienenstock. In deren Zentrum sitzt die Königin, die fünf Jahre alt werden kann. Über 30 Grad ist es im Inneren warm, aufgeheizt vom Zittern der Flügel. Die Tiere an den Rändern wechseln stetig ins Zentrum, damit sie nicht frieren. Bereitwillig tauscht man Plätze, denn das Verhalten der Bienen hat weniger das individuelle Wohl im Auge, sondern eher das Wohlergehen des ganzen Bienevolkes.

Mitglieder der Bürgerintiative „Schützt die Lahnaue“ lernen die Welt der Bienen kennen. (Fotos: Otmar Busse)

Sommer der Bienen

Im Frühling geht die Plackerei für die Arbeitsbienen wieder los. Bis zu drei Kilometer entfernt sich eine Biene von ihrem Zuhause, dem Bienenstock. Angelockt wird sie von Farben und Geruch der Blüten. Unermüdlich bringt sie Pollen (Blütenstaub) und Nektar heim, kriecht durchs Einflugsloch und lässt sich die süße Last von ihren Schwestern abstreifen. Die Ammenbienen füttern damit die Larven, denn die Bienenkönigin legt nun unablässig Eier in die Vertiefungen der Waben. Sie trägt einen Spermienvorrat zum Befruchten vieler Millionen Eier in sich. Den haben ihr verschiedene Drohnen auf ihrem Hochzeitsflug „geschenkt“. Die Männer sollen aus verschiedenen Bienenstöcken stammen, damit der Genpool groß bleibt. Nachdem sie die Prinzessin geliebt haben, müssen die Drohnen sterben, auch diejenigen, die nicht zum Zuge kamen und in den Stock zurückfliegen. Die Königin isst nur das Feinste, den Gelée Royale. Erstaunlich, dass sie kaum größer ist als ihre vielen um sie wuselnden Töchter. Die Imker verpassen ihr daher einen Punkt auf den Rücken, der für 2019 grün sein muss. Und so konnte Volker Dietz sie schnell finden und unserer Gruppe zeigen.

Imker Volker Dietz.

Natürlich produzieren die Bienen auch das Wachs, die Baubienen schwitzen es aus Drüsen in ihrem Hinterleib und formen es entsprechend zu Wiegen für Arbeitsbienen, männliche Drohnen oder eine Prinzessin. Früher spielte sich das in Baumstämmen ab, später in von Menschen geflochtenen Bienenkörben und heute in Kisten (Beuten) mit herausnehmbaren ‚Rähmchen‘, die ein Zerstören des Bienenstockes unnötig machen.

Unsere kleinsten Nutztiere

Der Finger zeigt auf die Bienenkönigin.

Beim Sammeln bestäuben die Arbeitsbienen die Blüten, eine Voraussetzung dafür, dass wir Früchte essen können. Nur das Getreide wird vom Wind bestäubt. Seitdem die Imker- und Imkerinnen die Varroa-Milbe bekämpfen müssen, seitdem immer mehr Monokulturen angebaut werden, immer mehr Pestizide ausgebracht werden, seitdem ist auch die Existenz der Bienenvölker gefährdet. Die Tierchen liefern nicht nur den wunderbaren Honig, zu dem sich der Nektar verwandelt, sie garantieren auch das menschliche Leben. Daher wurde wohl 2012 der berühmte Film und das Buch mit dem Titel versehen: „More than Honey“. Die Autoren schreiben; „Ohne die Biene als Bestäuberin fielen dreißig Prozent der globalen Ernte aus.“ Künstler wie Joseph Beuys waren vor allem von dem sozialen Gefüge der Bienenvölker fasziniert. Auf der Documenta 6 in Kassel baute er die soziale Skulptur „Honigpumpe am Arbeitsplatz“. Durch ein Schlauchsystem von 173 m Länge bis zur Lichtkuppel des Fridericianums pumpte er ganze 100 Tage lang 3 Zentner Bienenhonig. Dazu gehörte ein Ort für Diskussionen, an dem die Besucher miteinander reden konnten.

Wer Imkereien im Butzbacher Raum besuchen möchte, sollte sich an das Eulenhaus eV. (eulenhaus.org) oder etwa die Imkerei Weyershäuser (Butzbach Waldsiedlung, Am Waldhof 4, 35510 Butzbach, Tel 0173 866 8944. E-Mail Imkerei-Weyerhaeuser@gmx.de) wenden. Im vergangenen Sommer bot das Eulenhaus alle zwei Wochen eine ‚Offene Imkerei‘ an. So gut wie alle Imker sind über Besuche froh, besonders wenn Kindergruppen Interesse haben.

Ein Gedanke zu „Imker“

  1. Zu spät für den Artikel traf die Rundmail des Eu-Abgeordneten Sven Giegold ein. Er informiert, dass die EU das Insektengift Neonikotinoid Thiacloprid ab Mai 2020 verbietet. Die Zulassung dieses Bayer-Wirkstoffes läuft Ende April 2020 aus. Nach Studien steht das Gift im Verdacht, nicht nur Bienen und andere Insekten zu töten, sondern auch Krebs zu erregen und das Grundwasser zu verseuchen. Deshalb und auch, weil 400000 BürgerInnen eine Petition gegen die Neuzulassung unterzeichnet hatten, entschloss sich die EU gegen die Neuzulassung. Der Deutsche Bauernverband, der am 22.10. tausende seiner Mitglieder gegen Pestizidverbote zu Demos auf die Straße brachte, sollte sich überlegen, ob seine Sicht nicht allzu kurzsichtig ist. Denn was würden die Bauern machen, wenn es eines Tages keine Honigbienen und andere Insekten mehr gibt, die die Blüten bestäuben?

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